Die Globalisierung der Einförmigkeit – Franziskus und das einheitliche Denken dieser Welt

Immer wieder klagt Papst Franziskus den hedonistischen Atheismus des Westens an. Er nennt ihn das „einheitliche Denken“, die vorherrschende Mentalität, die vor allem Europa und Amerika fest im Griff hält. Ebenso häufig warnt er vor dem Teufel. Das fing schon bei seiner ersten Messe als Papst am 14. März 2013 an, als er Léon Bloy zitierte: „Wer nicht zum Herrn betet, betet zum Teufel“, um dann vor den Kardinälen, die ihn einen Tag zuvor zum Nachfolger Petri gewählt hatten, zu bekräftigen: „Wenn man Jesus Christus nicht bekennt, bekennt man die Weltlichkeit des Teufels, die Weltlichkeit des Bösen.“ Und besonders drastisch werden seine Worte gegen diese Weltlichkeit, wenn er sich die „Wegwerfkultur“ vorknöpft, jene Wohlstandsgesellschaften, die alles wegwerfen, auch die ungeborenen Kinder.
Am 10. und 11. April genügten Franziskus 36 Stunden, um alles – den Teufel, das weltliche Denken und die Wegwerfkultur – zum soundsovielten Male auf den Punkt zu bringen: Während der Frühmesse im vatikanischen Gästehaus Santa Martha erinnerte er daran, dass das Gesetz des geistlichen Lebens, „unseres christlichen Lebens, ein Kampf ist: ein Kampf. Denn der Fürst dieser Welt – der Teufel – will unsere Heiligkeit nicht, er will nicht, dass wir Jesus nachfolgen. Jemand von euch“, fuhr er in seiner Predigt fort, „mag vielleicht sagen: ‚Aber Pater, wie altmodisch du doch bist: im 21. Jahrhundert vom Teufel reden!’ Aber schaut zu: Den Teufel gibt es! Den Teufel gibt es. Auch im 21. Jahrhundert! Und wir dürfen nicht naiv sein, nicht wahr? Wir müssen aus dem Evangelium lernen, wie gegen ihn zu kämpfen ist!“
Gerade mal 24 Stunden später wandte er sich, wiederum in der Frühmesse, gegen die „Diktatur des einheitlichen Denkens“. Bei der Predigt sprach er von einer wahren „Vergötzung des Einheitsdenkens“: „Heute muss man so denken, und wenn du nicht so denkst, dann bist du nicht ‚modern’, dann bis du nicht ‚offen’ oder schlimmer.“ Franziskus verglich diese Diktatur mit den Menschen des Alten Testaments, die ihre Propheten getötet hätten: „Steine nehmen, um die Freiheit der Völker zu steinigen, die Freiheit der Menschen, die Freiheit des Gewissens, die Beziehung der Menschen zu Gott.“ Diese Leute damals hätten ihre Propheten getötet. „Und immer wenn sich in der Menschheitsgeschichte dieses Phänomen des einheitlichen Denkens einstellt – wie viel Unglück gibt es dann! Im vergangenen Jahrhundert haben wir alle die Diktaturen des Einheitsdenkens gesehen, die damit endeten, viele Menschen zu töten.“
Am gleichen Vormittag des 11. April empfing Franziskus wenige Stunden später Vertreter eines katholischen internationalen Kinderbüros, vor denen er das Recht der Kinder bekräftige, „in einer Familie aufzuwachsen, mit einem Papa und einer Mama, die ein für die Entwicklung und die affektive Reifung der Kinder günstiges Umfeld schaffen, in der Auseinandersetzung mit der Männlichkeit und Fraulichkeit eines Vaters und einer Mutter, um so ein reifes Gefühlsleben zu entwickeln.“ Unter dem Vorwand, modern sein zu wollen“, so der Papst weiter, „zwingt man stattdessen die Kinder und Jugendlichen, auf dem diktatorischen Weg des einheitlichen Denkens voranzuschreiten. Vor einer knappen Woche sagte mir ein bedeutender Erzieher: ,Manchmal weiß man nicht, ob man die Kinder mit diesen Projekten’ – er meinte konkrete Bildungsprojekte – ,in eine Schule oder in ein Umerziehungslager schickt’.“ Baden-Württemberg mit seinem Bildungsplan lässt grüßen!
Kaum hatten die Kinderschützer den Vatikan verlassen, kam Franziskus noch mit Vertretern der italienischen Bewegung für das Leben zusammen, wo er nochmals mit Blick auf die Konsumgesellschaften des Westens sein „Diese Wirtschaft tötet“ wiederholte: „Wir wissen: das Leben ist heilig und unantastbar. Jedes zivile Recht fußt auf der Anerkennung des ersten und fundamentalen Rechts, des Rechts auf Leben, das keiner Bedingung unterworfen ist, weder qualitativer, noch ökonomischer und erst recht nicht ideologischer Art.“ Der Papst zitierte dann aus seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“: „Ebenso wie das Gebot ,Du sollst nicht töten’ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ,Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen’ sagen. Diese Wirtschaft tötet… Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir haben die ,Wegwerfkultur‘ eingeführt, die sogar gefördert wird“ (53). Und so werde auch das Leben weggeworfen, fügte Franziskus an.
Wie nimmt eigentlich die Öffentlichkeit diese Äußerungen von Papst Franziskus wahr, die ziemlich diametral gegen den Zeitgeist stehen? Gar nicht. Sie werden systematisch totgeschwiegen. Und was sagen die einfachen Leute dazu? Ebenfalls nichts. Was niemand so richtig erfährt, das kann man auch nicht kommentieren. Stattdessen zeichnen die Medien immer noch das Bild vom Papst aus dem armen Lateinamerika, der eine arme Kirche für die Armen will, der mit schlichten Gesten der Einfachheit und seiner Nähe zum Volk die Herzen gewinnt sowie die strukturellen Verkrustungen und finanziellen Verfilzungen in der römischen Kurie aufbrechen will. Das ist nicht alles falsch – doch es erklärt nicht die Grundlagen der Verkündigung von Franziskus. Die Verkürzung des Jesuiten-Papstes auf einen Mann des Volkes, der statt einer mit Hermelin gefütterten Samt-Mozetta und roten Slippern schwarze Schuhe und selber seine Aktentasche trägt, führt vielmehr zu jenen Knoten in der Wahrnehmung von Franziskus, die gerade in nicht romanischen Gefilden, wie etwa nördlich der Alpen, zur Verunsicherung führen. Und was meint der Papst mit dem „einheitlichen Denken“, das wie eine geistige Diktatur über der kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung hängt, und was mit jener Weltlichkeit, die des Teufels ist?
Zum ersten Knoten, dem „einheitlichen Denken“: Einer der Philosophen, die den Jesuiten und Kardinal Jorge Mario Bergoglio sehr geprägt haben, und der wie viele lateinamerikanische Denker dem geistigen Vormachtstreben der Vereinigten Staaten etwas Eigenes gegenüberstellen wollte, ist der Uruguayianer Alberto Methol Ferré, der in Montevideo als Denker, Lehrer für Geschichte und Theologie sowie als Schriftsteller und Autor wirkte. Mit ihm war Bergoglio befreundet, sie haben sich hin und wieder in Buenos Aires getroffen, bis der Philosoph dann 2009 im Alter von achtzig Jahren starb.
Ein Interview-Buch mit Methol Ferré aus dem Jahr 2007, für das der italienische Journalist Alver Metalli verantwortlich zeichnet, hat Kardinal Bergoglio damals selber vorgestellt und dabei einen zentralen Punkt des Denkens seines Freundes hervorgehoben, den praktischen Atheismus, der den Atheismus marxistischer Prägung mit seinen messianischen, ideologischen Zügen abgelöst habe: „Der hedonistische Atheismus mit seinen neo-gnostischen Zügen ist heute die beherrschende Kultur mit einer globalen Vision und Verbreitung geworden. Er macht den Geist der Zeit aus, in der wir heute leben, das neue Opium für das Volk. Das ,einheitliche Denken’ hat, abgesehen davon, dass es sozial und politisch totalitär ist, gnostische Strukturen. Es ist nicht menschlich, es schlägt verschiedene Formen des absoluten Rationalismus vor, mit denen sich der hedonistische Hedonismus ausdrückt, den Methol Ferré beschrieben hat. Es dominiert ein zerstäubter Teismus, ein diffuser Teismus, ohne historische Inkarnation. Im besten aller Fälle die Schaffung eines freimaurerischen Ökumenismus.“
Wer sich an den „Spray-Gott“ erinnert, von dem Franziskus bei einer Frühmesse gesprochen hat, weiß nun genauer, was der Papst damit meint: Der praktische Atheismus der heutigen Zeit macht keine Jagd auf Gott, er will nicht den Tod Gottes verkünden und besiegeln – aber wehrt sich entschieden dagegen, dass Gott für den einzelnen Menschen konkrete Gestalt annimmt, so wie für die Christen Gott in Jesus Christus Fleisch geworden ist. Man soll Gott einen müden, alten Mann bleiben lassen, der irgendwo über den Wolken thront. Jeder kann sich seinen Gott basteln, so wie er will. Man kann ihn in politischen Eidesformeln nennen oder einer gewissen religiösen Folklore frönen. Nur eines darf Gott nicht: In irgendeiner Form Einfluss auf das öffentliche oder gar politische Leben nehmen und als Maß aller Dinge darüber bestimmen, was moralisch und ethisch gut und vertretbar beziehungsweise was immer und überall schlecht und abzulehnen ist. Der kulturell vorherrschende Teismus von heute, so Methol Ferré und so auch Papst Franziskus, darf sich wie ein Zuckerguss über die Geschicke der Menschheit legen, aber diese durchdringen und bestimmen, das darf er nicht.
Für einen Lateinamerikaner wie Methol Ferré oder Jorge Mario Bergoglio sind die Vereinigten Staaten die Weltmacht Nummer eins, wenn es darum geht, das „einheitliche Denken“ zu verbreiten, das heißt jenen diffusen Teismus, der keine Menschwerdung Gottes kennt, mit jenem nicht ideologischen, aber doch praktisch gelebten Atheismus zu verbinden, für den alle moralischen und ethischen Normen gleich gültig und damit gleichgültig sind. Der über allen christlichen Konfessionen seiner protestantischen Heimat, aber irgendwie auch über den Religionen schwebende Barack Obama hat sich diese Form der völligen Liberalisierung aller bisher geltenden Grundsätze in besonderer Weise auf die Fahne geschrieben: Das gilt für sein Bemühen, Gender mainstreaming und allen Kombinationen sexuellen Zusammenlebens den Weg freizuschießen, wie auch für seine Gesundheitsreform, die als Kollateralschaden zur Folge haben wird, dass es katholische Krankenhäuser mit ihren ethischen Grundsätzen etwa zur so genannten „reproduktiven Gesundheit“ in absehbarer Zeit in den Vereinigten Staaten nicht mehr geben wird. War es Zufall oder nicht? Als der Präsident am 27. März dem Papst in Rom seine Aufwartung machte, freute sich Obama wie ein Schneekönig und fand es „wonderfull“, Franziskus endlich begegnen zu dürfen. Dieser jedoch blieb bei dem anschließenden Fototermin auffallend kühl und zurückhaltend. Und wie dem vatikanischen Kommuniqué nach der Begegnung zu entnehmen war, hat man im Vatikan hinter verschlossenen Türen vor dem Präsidenten auch die Knackpunkte angesprochen: etwa das Lebensrecht und die von der Kirche eingeforderte Religionsfreiheit, die auch für katholisches Gesundheitspersonal zu gelten hat, das sich nicht am ungeborenen Leben vergreifen will.
Doch die Sache mit dem „einheitlichen Denken“ hat bei Methol Ferré und so auch bei Franziskus ein „happy end“: In dem oben genannten Interview-Buch meint der Philosoph aus Montevideo: „Der libertinäre Atheismus ist keine Ideologie (wie der Marxismus), sondern eine Praxis. Einer Praxis kann man sich aber nur mit einer besseren Praxis erwehren, die um sich selber weiß, das heißt intellektuell begabt ist. Historisch gesehen ist die Kirche das einzige Subjekt auf der zeitgenössischen Bühne, das dem libertinären Atheismus entgegnen kann. Für mich ist nur die Kirche post-modern.“ Denn der hedonistische Atheismus hat, so Methol Ferré, einen winzigen Kern an Wahrheit: Er sucht das Schöne. Aber er trennt das Schöne vom Wahren und somit von der Gerechtigkeit. Und nur die Kirche hat darauf die richtige und in die Praxis umsetzbare Antwort. Darum spricht Franziskus von der Freude des Evangeliums, von der Schönheit des Glaubens, die den Bedürfnissen des menschlichen Herzens entspricht. Der Papst lamentiert nicht. Er kapituliert nicht vor der Globalisierung der Einförmigkeit. Er weiß stattdessen, dass die Kirche mit der Frohen Botschaft einfach die besseren Karten hat.
(c)-Vermerk: VATICAN-Magazin
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Über Horst Guido 35 Artikel
Guido Horst wurde 1955 in Köln geboren. Nach dem Studiun der Geschichte und Politologie arbeitete er für die katholische Presse als Journalist. Im Jahr 1998 übernahm Horst die Leitung der katholischen Zeitung Die Tagespost mit Sitz in Würzburg; 2006 gab er den Posten des Chefredakteurs ab und ging wieder nach Rom. Er wurde abermals Rom-Korrespondent der Tagespost und Chefredakteur der zusammen mit Paul Badde konzipierten Zeitschrift "Vatican-magazin".

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