Deutschland ist bei der Weltmeisterschaft 2026 früh gescheitert. Am 29. Juni verlor das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann in Boston sein Sechzehntelfinale gegen Paraguay im Elfmeterschießen mit 4:5. Das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko läuft ohne die deutsche Elf weiter, und es tut das in Rekordgröße. Erstmals treten 48 Nationen an, gespielt werden 104 Partien statt bisher 64, und vor dem Achtelfinale steht eine völlig neue Runde, das Sechzehntelfinale. Diese Vergrößerung hat Gründe, die wenig mit dem Sport zu tun haben. Und sie hat einen Preis, den nicht die FIFA zahlt.
Elf Milliarden Dollar fließen an die FIFA zurück
Die Aufstockung von 32 auf 48 Teams beschloss die FIFA 2017, durchgesetzt hatte sie Präsident Gianni Infantino als eines seiner Wahlversprechen von 2016. Mehr Mannschaften bedeuten mehr Spiele, mehr Fernsehinventar, mehr Eintrittskarten.Für das laufende Turnier rechnet der Verband mit Einnahmen von rund elf Milliarden US-Dollar, die nach eigener Darstellung vollständig in den Fußball zurückfließen. 78 der 104 Partien finden in den USA statt. Das Preisgeld steigt auf 871 Millionen US-Dollar; der Weltmeister Argentinien erhielt 2022 noch 42 Millionen.
Von der Aufmerksamkeit rund um das Turnier profitiert auch die Wettbranche. Der Deutsche Sportwettenverband, ein Interessenverband der lizenzierten Anbieter, rechnet für die WM mit Wetteinsätzen von rund einer Milliarde Euro in Deutschland, von denen 600 bis 700 Millionen Euro auf den regulierten Markt entfallen dürften. Um diesen Anteil gegen unlizenzierte Angebote aus dem Ausland zu behaupten, werben Buchmacher mit deutscher Lizenz in dieser Phase verstärkt um Kundschaft, etwa mit einem Quotenboost Neukunden, der pro Wette höhere Quoten bei gleichbleibendem Einsatz bietet.
Hinter der sportlichen Öffnung steht zudem eine verbandspolitische Rechnung. Jeder zusätzliche WM-Platz bindet eine weitere Nation an die FIFA und sichert dem Präsidenten Stimmen im Kongress, der ihn wählt.
Das Erbe von Gijón kehrt in die Gruppenphase zurück
Sportlich brachte die Reform ein Problem zurück, das der Fußball überwunden glaubte. Weil sich neben den zwölf Gruppensiegern und zwölf Gruppenzweiten auch die acht besten Gruppendritten für die K.-o.-Runde qualifizieren, lässt sich am letzten Spieltag wieder ausrechnen, welches Ergebnis zwei Mannschaften gemeinsam weiterbringt. 1982 stellten Deutschland und Österreich bei der WM in Spanien nach einem frühen deutschen Tor in Gijón das Angreifen faktisch ein, weil das Resultat beide Teams in die nächste Runde brachte. Nach weltweiten Protesten setzte die FIFA die letzten Gruppenspiele fortan zeitgleich an. Diese Regel gilt weiter. Die Regel für die Gruppendritten aber öffnet das Taktieren neu, und bei diesem Turnier wussten mehrere Teams vor dem Anpfiff, welches Remis genügt, unter anderem Kanada und die Schweiz sowie Argentinien und Algerien.
Gegen diesen Einwand steht die andere Seite der Erweiterung. Vier Länder standen erstmals in einer WM-Endrunde: Jordanien, Kap Verde, Usbekistan und Curaçao, das mit rund 150.000 Einwohnern der kleinste Teilnehmer der Turniergeschichte ist. Die zusätzlichen Runden brachten außerdem Überraschungen, die es in einem kleineren Feld nicht gegeben hätte, etwa das Aus der favorisierten Niederlande gegen Marokko. Ob das größere Feld den Wettbewerb verwässert oder ihn öffnet, bleibt in diesem Turnier gleichzeitig sichtbar.
Ein Torwart kommt auf 83 Spiele in einer Saison
Den deutlichsten Preis zahlen die Spieler. Die internationale Spielergewerkschaft FIFPRO und der europäische Ligenverband haben bei der EU-Kommission Beschwerde gegen die FIFA eingelegt und rechnen vor, dass Profis wie der Arsenal-Torwart David Raya und sein Vereinskollege Martin Zubimendi in der Saison 2025/26 auf 83 Pflichtspiele kommen. Verantwortlich dafür seien mehrere Ausweitungen zugleich, nämlich die vergrößerte Champions League, die neue Klub-WM, die den Profis den freien Sommer 2025 nahm, und die um ein Sechzehntelfinale verlängerte Weltmeisterschaft. Die deutsche Gewerkschaft VDV ist nicht bei FIFPRO organisiert, hat aber eine eigene Beschwerde in Brüssel eingereicht. Die FIFA hält dagegen, sie bemühe sich um einen Ausgleich aller Interessen, und verweist auf die UEFA, die ihre Champions League selbst aufgebläht habe.
Nur drei von sechzehn Stadien sind klimatisiert
Der volle Kalender verschärft ein zweites Problem. Weil sich 48 Teams nicht sämtlich am kühleren Abend unterbringen lassen, ohne die Fernsehmärkte zu verärgern, beginnt fast die Hälfte der Partien vor 18 Uhr Ortszeit. Nur drei der sechzehn Stadien, jene in Houston, Dallas und Atlanta, sind geschlossen und klimatisiert; bei der WM in Katar traf das auf sieben von acht zu. Die Initiative World Weather Attribution um die Klimaforscherin Friederike Otto vom Imperial College London warnt, bei rund einem Viertel der Spiele werde die als Feuchtkugeltemperatur gemessene Belastung 26 Grad überschreiten, und das Finale im offenen Stadion bei New York könne mit nicht zu vernachlässigender Wahrscheinlichkeit bei Hitze auf Absage-Niveau stattfinden. Die FIFA führte nach Forderungen der Spielergewerkschaft zwei verpflichtende Trinkpausen je Spiel ein und erlaubte erst nach öffentlichem Druck wieder Wasserflaschen im Stadion.
Das Endspiel steigt am 19. Juli im offenen MetLife-Stadion bei New York, das die Klimaforscher wegen der Hitzegefahr eigens hervorheben. Die nächste Vergrößerung ist bereits terminiert. Die WM 2030 wird über drei Kontinente und sechs Länder verteilt, und über eine Aufstockung auf 64 Teams wird bereits diskutiert.
