Die Krippensammlung spiegelt die Welt in ihrer Fülle

Krippenführung mit Bischof Dr. Voderholzer, Foto: Stefan Groß-Lobkowicz

Sind Krippen aus der Mode? Wer einmal eine Führung mit dem Regensburger Bischof Dr. Voderholzer in die Tiefen der Volkskunst und Frömmigkeit unternommen hat, muss sich eines anderen belehren lassen. Die Krippe ist aktueller denn je. Und wenn es bei Krippensammlungen so etwas wie ein Ranking gäbe, spielt das Bistum in der Champions League.

Vierstellig ist die Zahl der Krippen, die zur großen Sammlung des Regensburger Bischofs gehören. Objekte aus 60 Nationen sind in großen und kleinen Räumen zu bestaunen. Wenn man die Fülle der unterschiedlichen Sujets betrachtet, weiß man: der Gestaltungskunst sind keine Grenzen gesetzt. Und in der Tat: Die „Katholizität“, die Allumfassendheit, der Krippenwelt ist überwältigend.

Die beeindruckende Sammlung, die „Heilige Familie“, wie sie der ehemalige Dogmatikprofessor aus Trier gerne nennt, ist mehr als ein Herzensthema des Theologen, zeigt sich doch wie sich in der Krippenkunst Theologie und Volksfrömmigkeit miteinander vereinen. Wie groß das Spektrum unterschiedlicher Krippen ist, wie vielgestaltig die Darstellungen und Materialien sind – in der Krippe spiegelt sich in den verschiedensten Formen die große Welt des Glaubens wider, sie sind beeindruckende Zeugnisse, wie Menschen aus verschiedenen Kulturen ganz konkret, plastisch und dreidimensional Kunstwerke als Ausdruck ihres Glaubens geschaffen haben.

Eine Krippe ist nie fertig

Dass eine Krippe nie fertig ist, sondern immer wächst, wie Bischof Rudolf bei einer über zweistündigen Führung durch die Welt der Kunstwerke gegenüber einer 26-köpfigen Ministrantengruppe aus dem Pastoralverbund Geseke in Nordrhein-Westfalen betonte, sorgte für Überraschung. Eine Krippe zu haben, ist eine Passion – und mehr noch, sie ständig zu vervollkommnen, Ausdruck einer immerwährenden Beschäftigung mit den großen biblischen Themen, eine Rückkehr und zugleich eine Besinnung auf die Wurzeln unseres Glaubens.

Sei es eine Heimatkrippe oder eine orientalische Krippe, die erst im späten 19. Jahrhundert quasi entdeckt wurde, grundlegend gilt: „Die Geburt Jesus ist das einzige weltgeschichtliche Ereignis, dass man so darstellen kann, als wäre es hier bei uns passiert.“ Was variiert, ist der jeweilige Kontext oder das ikonografische Moment. Ob die Krippe in einer Ruine, Höhle, Zelt oder in einem Stall aufgebaut wird, neben die Ikonografie tritt die Ikonologie, die stets über die jeweilige Darstellungsvariante hinaus einen symbolischen Deutungsgehalt ganz konkret veranschaulicht. In der Darstellung der Höhle beispielsweise wird der Geburtsort Christi verehrt.

Unabhängig vom jeweiligen künstlerischen Kontext, so Bischof Voderholzer, ist die Krippe eben nicht nur ein Kunstwerk, das vom jeweiligen Raum- und Zeitkontext abhängig ist, sondern ein Gegenstand, der immer einen theologischen Inhalt mittransportiert. Eine Krippe ist anschauliche Theologie, vergegenständlichter Gedanke und Ausdruck menschlicher Kreativität. Wie Gott einst die Menschen als seine Spiegelbilder geschaffen haben, sind es umgekehrt die Menschen, die Gott zu Ehren kreative Werke erschaffen, wo sie nicht nur die göttliche Schöpfung in ihrer Vielfalt und Unerschöpflichkeit abbilden, sondern damit zugleich ein Zeichen ihres Glaubens setzen.

Seit dem 16. Jahrhundert existiert die Krippe im heutigen Sinn

So alt die Krippen auch sein mögen, so unterschiedlich sie in ihrer künstlerischen Perfektion sind, von naiv bis hin zu hoher Kunstfertigkeit aus wertvollen Materialien reicht das Spektrum der Regensburger Sammlung, die Krippe ist eigentlich zeitlos und immer aktuell. Ob aus Neapel Mexiko, Peru, Polen u.a., die Sammlung gibt exemplarisch nicht nur Einblicke in die Vielfalt unterschiedlicher Kulturen, sondern zeigt, „die Anspielung auf das Kreuz gehört auch zu einer Krippe“.

Ob Höhlenkrippen, neapolitanische, orientalische, Ruinen-, Stall-, Tempel-, Wurzelkrippen – die Krippen, wie wir sie im 20. und 21. Jahrhundert kennen, gehen auf die Jesuiten zurück, erklärt Bischof Rudolf. Nach Vorformen im Hoch- und Spätmittelalter war eine 1562 von Jesuiten in Prag mit Figuren aufgebaute Weihnachtsszene die erste Krippe im heutigen Sinn. So verwundert es kaum, dass in Böhmen und im portugiesischen Coimbra ein Jahr vor dem Abschluss des Konzils von Trient (1545-1563) eine neue Krippenkultur erblühte, um dem Heiland und dem Heil den Schauplatz zu bereiten.

Der pädagogische Eros

Um die Welt der Krippen kennenzulernen, bedarf es keiner Weltreise. Der sorgsamen und liebevollen Art von Bischof Rudolf ist es zu verdanken, dass er einen Ort geschaffen hat, wo sich die ganze Welt der Krippen in ihrer Buntheit, Fülle und Lebenskraft auf einigen 100 Quadratmetern gebündelt betrachten lässt. Sie sind keineswegs Zeugen einer Welt von gestern, sondern Juwelen mit Strahlkraft, die für den lebendigen Glauben, seine Schönheit und letztendlich für eine Freude am Glauben stehen, die nicht nur, wie am Mittwoch, Kinderaugen immer wieder zum Leuchten bringen, sondern auch in Zeiten von Handy und Touchscreen zeigen: Wer Staunen kann, für den beginnt eine neue Welt, der hat die Kraft auf Entdeckungsreise zu gehen. Und dieses kindliche Staunen zu fördern und zu bewahren, dafür steht auch der Regensburger Hirte, der weiß: es sind die vielen kleinen Dinge, die nicht nur ein Kunstwerk ausmachen, sondern in ihrer Fülle die Buntheit des Glaubens vermitteln.

Wir alle, die Krippen aufbauen und anschauen, werden hineingenommen in das, was da ganz bildhaft erzählt und begreifbar wird. Die Frohe‐Botschaft Jesu kann so fast spielerisch von Kindern erahnt werden. Wenn wir sie für das Wunder des Glaubens begeistern, ihnen die Welt anhand schöner Kunstwerke erklären, wird das Staunen dazu führen, sich intensiver mit der Thematik der Krippen zu beschäftigen und eine neue Weltsicht dadurch eröffnen. Dieser Pädagogik durch Schönheit weiß sich Bischof Rudolf verpflichtet.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2092 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".