„Die Räuber“ in Meiningen: Offener Brief an Intendant Haag

Geld. Foto: Stefan Groß

Sehr geehrte Frau Regisseurin Gillert, sehr geehrter Herr Intendant Haag,

 

obwohl wir in Coburg über ein leistungsstarkes Theater verfügen, bin ich am Sonntag, 2. Dezember, mit meiner Frau nach Meiningen gefahren, um mir Ihre Inszenierung von Friedrich Schillers Theaterstück „Die Räuber“ anzuschauen. Auf der Hinfahrt bei strömendem Regen hatte ich schon ein ungutes Gefühl, der Schillersche Text könnte nur dazu benutzt werden, um den Befindlichkeiten und politischen Ansichten der Regie Ausdruck zu verleihen. Und so war es dann auch. Im Foyer traf ich einen alten Bekannten aus Coburg, den Direktor des Gymnasiums Albertinum, der sich freute, mich zu sehen und mich fragte, warum ich mir die Meininger „Räuber“ ansähe. Worauf ich antwortete, dass ich befürchtete, das Stück würde verhunzt wie immer beim Regietheater. Ich sollte mich nicht täuschen!

Was man zu sehen bekam, war nicht Friedrich Schiller, sondern ein Potpourri von Einfällen der Regisseurin, die sie Friedrich Schiller unterschob. Ehrlicherweise hätte man als Autorin des Stücks Gabriela Gillert nennen müssen mit dem Untertitel „Mit Anleihen bei Friedrich Schiller“.

Am Anfang des Stücks sieht man einige Filmszenen, wo Jugendliche etwas murmeln, was kein Mensch versteht, danach steht der Schauspieler, der später den Karl Moor spielt, vor dem Vorhang und erklärt dem Publikum, dass auf der Welt schreiendes Unrecht herrsche. Als ob wir das nicht wüssten! Aber wir sind nicht ins Meininger Staatstheater gekommen, um uns von Gabriela Gillert belehren zu lassen, sondern wir wollten ein Stück des Klassikers Friedrich Schíller sehen. Das aber wurde uns, trotz des hohen Eintrittspreises, verwehrt.

In einer der folgenden Szenen sieht man Amalia von Edelreich, Karl Moors Verlobte, auf einem Kronleuchter sitzen und aus der Höhe herunter mit Franz Moor palavern. Der Zuschauer fragt sich verzweifelt, welche Bedeutung für den Fortgang des Stücks der Umstand hat, dass Amalia auf dem Kronleuchter sitzt. Als sie dann endlich heruntergehopst ist, hat sie ein weißes Kleid mit Schleppe an. Vermutlich will uns Gabriela Gillert sagen, Amalia stehe kurz vor ihrer Hochzeit mit Karl. Später trägt sie ein schwarzes Kleid mit Schleppe: Aha, sie trauert!

Der todkranke Maximilian von Moor liegt im Sessel, ist schwer krank, als er die schlimmen Nachrichten über seinen Sohn Karl erfährt. Das Zimmer hat keinen Fußboden, sondern Gitter, aus denen die Kälte nach oben strömt. Kein Arzt hätte den Sterbenden über der Waschküche untergebracht. Gabriela Gillert tut das, ohne nachzudenken.

Und dann hört man immer wieder Musik, vom Klavier, von der Gitarre, vom Cello. Nirgendwo bei Schiller gibt es in den „Räubern“ eine Regieanweisung, dass jetzt Musik zu ertönen habe. Manchmal dachte man, man säße in einer Oper.

Später im Stück, vor den Räubern, die sich wie der Chor in der griechischen Tragödie gebärden, hat Karl Moor wieder einen Anfall von Gerechtigkeitswahn und greift den vorletzten Verfassungsschutzpräsidenten an, der inzwischen im Ruhestand lebt. Das von Gabriela Gillert zurechtgebastelte Stück wimmelt nur so von Anachronismen!

Hier wird nicht nur der Zuschauer zum Narren gehalten, sondern auch die Tradition des Meininger Hoftheaters im 19. Jahrhundert verraten, das auf unbedingter Werktreue bestand! Bei Gabriela Gillert herrscht die Beliebigkeit. Der von Schiller überlieferte Text dient ihr nur als Fundgrube, um eigene Befindlichkeiten über den Zustand der Welt auszudrücken. Diese Inszenierung war keineswegs gut, allerhöchstens „gut gemeint“, um Gottfried Benn zu zitieren. Das Schlimmste aber ist, die anwesenden Schüler, die das Stück im Deutschunterricht zu interpretieren haben, meinten, was sie da sähen, wäre Schiller.

In der Pause kauften wir uns zwei Laugenbrezeln, von denen eine 2.50 Euro kosteten. In Coburger Bäckereien kostet eine 70 Cent. Na ja, dachten wir, das Stück heißt ja auch „Die Räuber“.

 

Mit freundlichen Grüßen,

 

 

Jörg Bernhard Bilke
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Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.