Die Reise des Pytheas von Massilia nach Thule

Ein Vorstoß ins Ungewisse

Bild von wendy CORNIQUET auf Pixabay

Im Frühling des Jahres 330 v. Chr. berief der Handelsrat von Massilia – dem heutigen Marseille – eine Krisensitzung ein. Wie alle nichtphönizischen Städte im westlichen Mittelmeer war Massilia durch die unumschränkte Seeherrschaft der Kartharger arg ins Hintertreffen geraten. Ohnmächtig mußten die Kaufleute von Massilia zusehen, wie sich die Phönizier durch den einträglichen Nordlandhandel bereicherten, während sie selbst nur über keltische Zwischenhändler an das begehrte Zinn und den wertvollen Bernstein gelangen konnten. So war es schon ihren Urgroßvätern ergangen, denn seit mehr als 200 Jahren beherrschten die Phönizier das Mittelmeer. Damit sollte nun aber endlich Schluß sein. Die Händler aus Massilia wollten endlich ins Geschäft kommen, und wenn dies auf legalem Weg nicht möglich war, dann eben auf Schleichwegen, von denen die mächtigen Konkurrenten jedoch nichts erfahren durften. So verfiel der Handelsrat auf einen ausgeklügelten Plan. Danach sollten die Gebiete nördlich der karthargischen Einflußsphäre gründlich erforscht werden. Sicher gab es dort auch Zinn, Bernstein, Gold und all die anderen begehrenswerten Dinge.

Doch eine solche Expedition war keine leichte Aufgabe, die man bedenkenlos irgendeinem Kapitän hätte anvertrauen können. Der Rat wollte sich nicht auf einen Seeoffizier verlassen, sondern auf einen Wissenschaftler. Da gab es einen Mann in Massilia, der die Fähigkeiten des Nautikers mit denen des Forschers in seiner Person vereinte und sich darüber hinaus schon einen Namen mit weiten Reisen über den westlichen Ozean gemacht hatte. Selbst für die Erscheinungen von Ebbe und Flut hatte dieser Mann eine Erklärung gefunden – der Mond sollte die Gezeiten bewirken. Das war zweifellos ein kluger Kopf, wie geschaffen für das riskante Unternehmen. Pytheas, so hieß dieser Mann, war griechischer Abstammung wie die meisten Bewohner Massilias. Er folgte der verlockenden Aufgabe des Handelsrates ohne Zögern, denn schon immer hatten die unbekannten Regionen jenseits der Zinninsel – dem heutigen Großbritannien – seinen Forschergeist beflügelt.

Wie es Pytheas von Massilia aber gelang, unbemerkt von den Karthargern die Meerenge zwischen Afrika und Gibraltar zu passieren, wird in seinem Reisebericht nicht erwähnt. Vielleicht kam ihm die damalige Lockerung der Seesperre durch die Kartharger zu Hilfe. Möglicherweise wählte Pytheas auch einen anderen Weg. Wer auf der alten Handelsstraße rhoneaufwärts zur Loire reiste, gelangte von da aus nach weiteren dreißig Marschtagen in das Gebiet des heutigen St. Nazaire, nach Corbilo, einem damals florierenden Handelsplatz, der zu Cäsars Zeiten allerdings schon wieder vergessen war.

Von Corbilo aus konnte Pytheas gefahrlos seine Reise nach Norden auf gecharterten Schiffen beginnen. Dabei dürfte es sich um sogenannte Naos oder Nefs gehandelt haben, einen überaus seetüchtigen Schiffstyp mit breit ausladendem Körper und hochgezogenem Schanzkleid, der die Besatzung vor den gefürchteten Brechern schützte. Solche Schiffe waren in erster Linie Segler. Als Baumaterial dürfte vor allem Eichenholz verwendet worden sein. Dreißig bis vierzig Meter lang waren die Schiffe und mit einem Rahsegel von etwa 300 Quadratmetern getakelt. Bei einer Breite von acht bis zehn Metern erreichten diese Fahrzeuge eine Wasserverdrängung von 400 Tonnen. Ihre Besatzung bildeten dreißig bis vierzig handfeste Männer, die Tod und Teufel nicht fürchteten. Für sie war die Welt bei den Säulen des Herakles, der Meerenge von Gibraltar, noch längst nicht zu Ende. Mit einer solchen Flotte segelte Pytheas im Sommer des Jahres 330 v. Chr. nach Norden in unbekannte Gewässer.

Länger als ein Jahr war der Wissenschaftler aus Massilia mit seinen Gefährten unterwegs. Nach ihrer Rückkehr wurde der ausführliche Reisebericht des Pytheas gründlich ausgewertet, um danach in den geheimen Archiven des Handelsrats von Massilia zu verschwinden. Der Gelehrte starb, ohne daß die Welt von seinen Entdeckungen erfuhr.

Über zweihundert Jahre vergingen. Die Römer hatten inzwischen nach drei blutigen Kriegen das Erbe Karthagos angetreten. Mit der Eroberung Südgalliens im 2. Jahrhundert v. Chr. fiel auch Massilia in römische Hände. Zu jener Zeit wurde das Werk des Pytheas von römischen Wissenschaftlern wiederentdeckt.

Der Astronom Hipparch, der zu jener Zeit in Alexandria lehrte, schrieb als erster über die Arbeit des Pytheas:

„Am Himmelspol gibt es keinen Stern, sondern dieser Ort ist leer. Und ihm nahe stehen drei Sterne, mit denen der Punkt am Pol ein fast regelmäßiges Viereck bildet. Dies sagte auch Pytheas von Massilia.“

Hipparch beruft sich hier auf astronomische Beobachtungen des Pytheas. Dazu sei angemerkt, daß diese Fixierung des Himmelspols in der Antike durchaus zutreffend war. Pytheas muß also in der Tat bei seiner Reise weit nach Norden vorgedrungen sein.

Was er sonst noch auf dieser Fahrt erlebte, überliefern zumeist römische Schriftsteller der Kaiserzeit, die unfähig waren, seine Beobachtungen nachzuvollziehen, und ihn deshalb oftmals zu Unrecht als Lügner und Aufschneider bezeichnen. Vielleicht ist diese Einschätzung seiner Arbeit auch der Grund, warum Pytheas’ Buch „Über den Okeanos“ im Original nicht erhalten geblieben ist.

Die römischen Quellen berichten jedoch, daß es Pytheas gelungen ist, im Verlauf einer vierzigtägigen Fahrt, während der von ihm die verschiedensten Untersuchungen angestellt wurden, die britische Hauptinsel zu umsegeln. Vom nördlichsten Punkt Britanniens aus wagte er einen Vorstoß über das offene Meer in Richtung des sagenhaften Landes Thule, welches in der Antike als das nördlichste Land der Erde galt.

Aufgrund seiner griechischen Abstammung war Pytheas sicher mit den religiösen Vorstellungen der hellenistischen Kultur bestens vertraut. So dürften ihm auch die Berichte und Legenden über das Leben und Wirken des Gottes Apollon bekannt gewesen sein. Phoibos Apollon war ein Sohn des Zeus und der Leto. Er galt den Griechen als Gott des Lichtes, der Musik und der Künste, aber auch als großer Jäger und Liebling der Frauen, seien diese nun göttlich oder sterblich. Von diesem Gott wird auch erzählt, daß er die eine Hälfte des Jahres in Griechenland verbrachte, die andere Hälfte jedoch in einem“ „Land jenseits des Nordwindes“, das Hyperborea genannt wurde. Die Bewohner dieses Landes sollen keine Menschen, sondern Halbgötter gewesen sein. Am ehesten lassen sich die Berichte über Hyperborea mit den Legenden um die „Reinen Länder“ Asiens vergleichen, von denen das bekannteste Shambhala ist. Legenden von solchen verborgenen Paradiesen sind im fernen Osten wohlbekannt. In frühen buddhistischen Schriften taucht ein Ort unter dem Namen Chang Shambhala auf und wird als Quelle antiker Weisheit beschrieben. Das Wissen um seine Existenz war einstmals in Asien weit verbreitet. Aus China ist überliefert, daß es im Kunlun-Gebirge ein Tal geben soll, wo Unsterbliche in nicht gekannter Harmonie lebten. Indische Legenden berichten von Kalapa, einem Ort, an dem vollkommene Menschen zu Hause sein sollen. Den Bewohnern dieser Reiche wurde ebenso wie den Meistern von Shambhala neben einem hohen moralischen und gesellschaftlichen Entwicklungsniveau vor allem eine außergewöhnliche geistige Reife nachgerühmt. Von einer solchen Art soll auch das Volk der Hyperboräer gewesen sein. Hyperborea wird in den alten griechischen Quellen auch oft mit Ultima Thule, dem Land am nördlichen Ende der Welt, gleichgesetzt. Dieses Land nun steuerte die Flotte des Pytheas an.

Sechs Tage waren die Schiffe auf dem offenen Meer unterwegs, ehe am Horizont die Küstenlinie eines neuen Landes heraufwuchs. Die Flotte aus Massilia hatte Ultima Thule erreicht. Doch die Seefahrer fanden keine von Halbgöttern bevölkerten paradiesischen Gefilde vor, sondern einen rauhen Landstrich, dem seine Bewohner auf kargen Feldern das Lebensnotwendigste abtrotzten. In seinem Bericht erwähnt Pytheas, daß die Sommernächte hier nur zwei bis drei Stunden dauerten. Trotzdem sei der Mangel an Nahrungsmitteln wegen der Nähe des Ewigen Eises bedeutend, so daß sich die Menschen lediglich von Hirse, Gemüse, Früchten und Wurzeln ernährten. Das Getreide wurde wegen der häufigen Niederschläge und des seltenen Sonnenscheins nicht in offenen Tennen, sondern in Häusern gedroschen. Aus Getreide und Honig bereiteten die Einheimischen ein berauschendes Getränk, das den fremden Besuchern aus dem Süden als Willkommenstrunk kredenzt wurde. Daraus läßt sich ersehen, daß der Met schon damals seine Freunde hatte.

Die Historiker haben lange darüber gestritten, auf welche Gegend die Schilderung des Pytheas am ehesten zutrifft. Erst Fridtjof Nansen hat in einer einwandfreien Beweisführung dargelegt, daß Pytheas mit seiner Flotte bis zur Trondheimer Bucht in Mittelnorwegen vorgestoßen ist. Wie lange er in Norwegen verweilte, geht aus seinen Berichten nicht hervor. Jedenfalls kehrte er nach seinem Aufenthalt in Thule nach Britannien zurück und segelte entlang der Westküste nach Süden. Da es jedoch zu seinen Aufgaben gehörte, die Bernsteinländer zu erkunden, änderte die Flotte im Ärmelkanal ihren Kurs und segelte zum Festland.

Plinius d. Ä. berichtet über diesen Teil der Fahrt des Pytheas:

„… daß die Guionen, ein germanischer Stamm, im Wattengebiet des Metuonis genannten Meeres wohnen, daß sich 6.000 Stadien weit erstreckt. Von dort soll man eine eintägige Segelfahrt zur Insel Abalus haben. Auf dieser spülen die Wogen im Frühjahr Bernstein an, der ein Auswurf des verdichteten Meeres ist. Die Bewohner benutzen ihn als Brennmaterial an der Stelle von Holz und verkaufen ihn an die benachbarten Teutonen.“

Nach diesem Bericht hat Pytheas die Küste der Helgoländer Bucht, etwa zwischen Eider und Elbe, erreicht. Er überlieferte die erste Kunde von den Germanen, mit deren westlichstem Stamm, den Teutonen, er direkt in Verbindung kam. Bei der Insel Abalus könnte es sich um Helgoland gehandelt haben. Hier hat Pytheas wohl als erster Untersuchungen über die Entstehung des Bernsteins angestellt. Wenn Plinius weiter berichtet, daß Bernstein erstarrter Baumsaft sei, der von einer bestimmten Fichtengattung stammt, so steht fest, daß es Pytheas war, der mit dem Märchen von den „geronnenen Sonnenstrahlen“ aufräumte.

Auf welchem konkreten Weg dieser erste Nordlandfahrer wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist, verschweigen die Quellen. Neben dem Seeweg bestand die Möglichkeit, die von Hamburg aus über das Rheintal zur Rhone führende westliche Bernsteinstraße zu benutzen.

Pytheas ist in der Antike und auch noch bis zur Neuzeit vielfach zu Unrecht geschmäht worden. Seine Reise in Gebiete der nördlichen Hemisphäre, die bis dahin noch gar nicht oder allenfalls nur sagenhaft bekannt waren, ist eine Forschertat ersten Ranges. Außerdem hat er astronomische Beobachtungen ausgeführt und eine Reihe Spezialuntersuchungen vorgenommen, die diesen Sohn Massilias, der aus einfachen Verhältnissen stammte, als einen der genialsten Forscher der Antike ausweisen. Pytheas war ein universal gebildeter Gelehrter, der, mit dem besten geistigen und materiellen Rüstzeug seiner Epoche versehen, den geographischen Horizont der Antike beträchtlich erweiterte.

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Über Thomas Ritter 75 Artikel
Thomas Ritter, 1968 in Freital geboren, ist Autor und freier Mitarbeiter verschiedener grenzwissenschaftlicher und historischer Magazine. Thomas Ritter hat zahlreiche Bücher und Anthologien veröffentlicht. Außerdem veranstaltet er seit mehr als zwanzig Jahren Reisen auf den Spuren unserer Vorfahren zu rätselhaften Orten sowie zu den Mysterien unserer Zeit. Mit seiner Firma „Thomas Ritter Reiseservice“ hat er sich auf Kleingruppenreisen in Asien, dem Orient, Europa und Mittelamerika spezialisiert. Mehr Informationen auf: https://www.thomas-ritter-reisen.de Nach einer Ausbildung zum Stahlwerker im Edelstahlwerk Freital, der Erlangung der Hochschulreife und abgeleistetem Wehrdienst, studierte er Rechtswissenschaften und Geschichte an der TU Dresden von 1991 bis 1998. Seit 1990 unternimmt Thomas Ritter Studienreisen auf den Spuren früher Kulturen durch Europa und Asien.