Liszt-Manuskripte restituiert | Klassik Stiftung Weimar findet Erben in Argentinien

1. Franz Liszt, Notenmanuskript „Festlied zu Schillers Jubelfeier“, Klassik Stiftung Weimar

>> Zum Blogbeitrag „‚Nur drei Wochen überlebte sie ihre Verschleppung‘“ über den Fall Emma Frankenbacher

Die Klassik Stiftung Weimar hat einen weiteren Fall von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut abgeschlossen und zwei Notenmanuskripte von Franz Liszt restituiert. Die Manuskripte gehörten bis 1937 Emma Frankenbacher, einer Bürgerin jüdischer Herkunft, deren Rechtsnachfolger die Stiftung in Argentinien ausfindig machen konnte. Nach erfolgter Restitution erwarb die Klassik Stiftung Weimar die beiden Manuskripte mit Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei und der Freundesgesellschaft des Goethe und Schiller Archivs. Die Handschriften befinden sich nun rechtmäßig im Liszt-Bestand des Goethe- und Schiller-Archivs.

Bei den Notenmanuskripten handelt es sich zum einen um eine von Liszt umfassend überarbeitete Partiturabschrift seines 1. Klavierkonzertes Es-Dur. Sie gilt als letztgültige Kompositionsfassung und diente dem Erstdruck (Wien, Haslinger 1857) als Stichvorlage. Das zweite Manuskript − eine Abschrift des „Festliedes zu Schillers Jubelfeier“ − enthält eine eigenhändige Widmung Liszts.

Emma Frankenbacher, geboren 1875 im fränkischen Ansbach, lebte in Nürnberg, als sie die Notenmanuskripte Ende 1937 zum Kauf anbot. Zu diesem Zeitpunkt war die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland unter anderem durch die 1935 erlassenen sogenannten Nürnberger Rassengesetze erheblich verschärft worden. Viele Verfolgte mussten ihr Hab und Gut verkaufen, um ihr Überleben zu sichern, um Zwangsabgaben zu leisten oder um ihre Emigration zu finanzieren. Das Goethe-Nationalmuseum, heute Teil der Klassik Stiftung Weimar, erwarb die Manuskripte von Emma Frankenbacher für insgesamt 150 Reichsmark. Erst im Liszt-Museum verwahrt, wurden sie später in den Liszt-Bestand des Goethe- und Schiller-Archivs überführt. Emma Frankenbacher wurde im September 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie kurz darauf starb. Ihrer Tochter und deren Ehemann war es zuvor gelungen, sich durch Emigration nach Argentinien zu retten.

Im Rahmen ihrer systematischen Provenienzforschung identifizierte die Klassik Stiftung Weimar die beiden Notenmanuskripte als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut. Die anschließende Erbensuche stellte jedoch eine Herausforderung dar. Frankenbachers Tochter Elisabeth Zimmer hatte selbst keine Kinder. Zudem lagen keine Dokumente zur Rechtsnachfolge in Argentinien vor. Erst durch aufwändige Recherchen im familiären Umfeld Frankenbachers konnte über einen entfernten Verwandten in Guatemala Kontakt zu den Erben in Argentinien hergestellt werden: Elisabeth und ihr Mann hatten ihren Cousin und dessen Familie zu ihren Erben bestimmt.

Im Januar 2021 unterzeichnete die Klassik Stiftung Weimar mit den Erben eine Vereinbarung über die Restitution der Autographen.

Aufgrund der Bedeutung der Werke für die heutigen Sammlungen der Stiftung vereinbarten beide Parteien einen Rückkauf. So können die Notenhandschriften im Kontext des umfangreichen Nachlasses von Franz Liszt für die internationale Forschung und Öffentlichkeit im Goethe- und Schiller-Archiv nun rechtmäßig bewahrt werden. Den Ankauf ermöglichten Mittel der Thüringer Staatskanzlei sowie die Unterstützung der Freundesgesellschaft des Goethe- und Schiller-Archivs. Die kompletten Notenhandschriften von Franz Liszt sind über die Archivdatenbank digital zugänglich.

Seit 2010 überprüft die Klassik Stiftung ihre Bestände systematisch, das heißt chronologisch und bestandsübergreifend, auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter, sogenanntes NS-Raubgut. Seit 2020 werden die Recherchen über NS-verfolgungsbedingte Entziehungen hinaus auf unrechtmäßige Entziehungen in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR ausgeweitet.

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