Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial deckte als erste den Massenmord an Klerikern in der früheren Sowjetunion auf

Wider das Vergessen

Grigori Sinowjew, Ex-Vertrauter Stalins nach seiner Verhaftung. 1936 wurde er nach einem Schauprozess in Moskau erschossen.

Sie gilt als das Gewissen Russlands. Und hat dafür in diesem Jahr den Friedensnobelpreis erhalten: Die 1987 gegründete Menschenrechtsorganisation Memorial, die in Russland mittlerweile verboten wurde und heute im Ausland weiterarbeitet, unterstützt von Regierungen, ehrenamtlichen Helfern und privaten Spendern. Doch warum „Gewissen“? Und was hat das vielleicht auch mit Ostdeutschland, der früheren DDR zu tun? – „Eine ganze Menge“, sagt der Historiker Uwe Puschner von der FU Berlin. Weil fast alle Ostblock-Regierungen der Nach-Stalinära bemüht gewesen seien, die mörderischen Spuren der Vergangenheit zu verwischen, will sagen: dafür zu sorgen, dass die Berge von Leichen mit Gegnern des Kommunismus für immer unter sibirischen Fichtenwäldern verborgen blieben; und niemand auf die Idee kam, mal nachzuforschen, was aus all den Verschwundenen geworden ist, so Puschner.

Genau dieser Aufgabe haben sich die Leute von Memorial, zu Deutsch: Erinnerung, verschrieben, als sie noch in der Ära Gorbatschow als kleiner Verein an den Start gingen und sich in den Archiven des Geheimdienstes auf die Suche machten, damals noch lebende Zeitzeugen interviewten und die kommunistischen Verbrechen weltweit publizierten. Rund eine dreiviertel Million Menschen, darunter Intellektuelle, Priester, Ordensleute, Militärs und Parteifunktionäre waren bis 1953 der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka und ihrer Nachfolgeorganisationen zum Opfer gefallen. „Nicht eingerechnet die Millionen Deportierten, die in Sibirien für Stalins Wahn einer klassenlosen Gesellschaft schuften und sterben mussten“, so eine Mitarbeiterin von Memorial, die heute zurückgezogen im Weimarer Land lebt. Die DDR habe die Verbrechen nicht nur verschwiegen, sondern sich auch derer Methoden bedient, sagt sie. Mit der Folge, dass vor allem die Kirchen einem Aderlass anheimfielen, unter dem sie bis heute leiden. „Menschenrechtsarbeit ist eben immer auch der Kampf um Religionsfreiheit“, sagt die Dame von Memorial, eine studierte Historikerin, also auch das Recht, Missionsarbeit zu betreiben, was den roten Funktionären immer ein Dorn im Auge gewesen sei. Dass der 1989 gestürzte SED-Generalsekretär Erich Honecker ausgerechnet bei einem Pfarrer Asyl fand, gehört wohl mit zu den großen Treppenwitzen der Geschichte.

Im Fokus der mörderischen Politik Stalins, die Memorial in jahrelanger Detailarbeit rekonstruiert hat, stand  auch die Ukraine, nach der Oktoberrevolution 1917 Schauplatz blutiger Gemetzel zwischen kommunistischen und zarentreuen, nationalistischen Gruppen; wobei die Hauptstadt Kiew zwischen Februar 1918 und Juni 1920 nicht weniger als sieben Mal ihren Besitzer wechselte. Wiederholt richteten Tschekisten dort Blutbäder an, auch unter Kirchgängern, die als „reaktionär“ und „bürgerlich“ galten. Im März 1921 wurde die Ukraine zur sozialistischen Sowjetrepublik, ohne jedoch, dass der Kommunismus dort auf fruchtbaren Boden fiel. Bei Stalin und seinem Vertrauten Lasar Kaganowitsch, der 1940 das Massaker von Katyn an Tausenden polnischer Offiziere mitorganisiert hatte, nährte es die Überzeugung, die „Kulaken“ als letzte Träger „bourgeoiser“ Ideale liquidieren zu müssen. In den darauffolgenden Monaten verfrachtete der Geheimdienst Zehntausende Familien in zugigen Eisenbahnwaggons nach Sibirien und in andere, weit entfernte Regionen des Riesenreichs. Zugleich ließ er Kirchen und Klöster schleifen und massakrierte Kleriker jedweder Konfession, die in einzelnen Fällen auch flüssiges Blei in den Mund gegossen bekamen, weil für Stalin der Glaube an Jesus Christus einem Sakrileg innerhalb der kommunistischen Weltordnung gleichkam. „Und doch war das alles nur ein Vorgeschmack auf das, was Hitlers Helfer wenige Jahre später bei Transporten in die Konzentrationslager anwandten, so Historiker Uwe Puscher. Ins kollektive Gedächtnis der Ukraine eingebrannt haben sich auch die mörderischen Maßnahmen Stalins bei der Kollektivierung der Landwirtschaft ab 1931. Eine kontrolliert produzierende Landwirtschaft, so das Kalkül des Diktators, war Voraussetzung für den Aufbau einer Schwerindustrie, der Produktion von Waffen, um sich weitere Länder anzueignen, darunter Teile Polens und 1940 das gesamte Baltikum, das bis 1991 unter der Fuchtel Moskaus stand.

Verdienter Preis

Doch bei weitem nicht alle ukrainischen Bauern haben zu Beginn der 1930er Jahre dem Druck der sowjetischen Kommissare und Armeesoldaten nachgegeben. Als örtliche Kolchosen auch Werkzeuge und Tiere konfiszierten, hinterließen die Bauern verbrannte Erde. Zwischen 1931 bis 1933 schlachteten sie nach Recherchen des Wiener Historikers Philipp Blom Millionen Kühe, Pferde, Schweine, Schafe, Hühner und Gänse, weil sie das kommunistische System ablehnten. Stalin erhöhte indes die Produktionsquoten für Getreide, obwohl gerade die Landwirtschaft durch Deportationen und Massenhinrichtungen, durch die Zerstörung von Maschinen und schlechte Arbeitsmoral auf den Zwangsgenossenschaften, den Kolchosen schwer in Mitleidenschaft gezogen worden war. Nicht 30, sondern nunmehr 44 Prozent der Ernte mussten die wenigen noch freien Bauern abliefern – eine Quote, die absichtlich weit höher als erreichbar angesetzt worden war.

Erst als Millionen Menschen verhungert waren, und in der internationalen Presse Berichte über das Massensterben erschienen, lenkte Stalin ein: Zur Jahreswende 1934/1935 ließ er wieder Getreidelieferungen zu, da die ukrainische Bevölkerung nunmehr zu schwach war, das sattmachende Korn selbst anzubauen. „Wer von diesen Vorgängen im heutigen Russland öffentlich erzählt, läuft Gefahr, verhaftet zu werden“, klagt Historiker Puschner. Und auch vor diesem Hintergrund sei es nur gerecht, dass Memorial mit dem höchsten aller Preise ausgezeichnet worden ist.

Exekutionen während der Stalinära erfolgten meist per Genickschuss
Über Benedikt Vallendar 58 Artikel
Dr. Benedikt Vallendar wurde 1969 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn, Madrid und an der FU Berlin, wo er 2004 im Fach Geschichte promovierte. Vallendar ist Berichterstatter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main und unterrichtet an einem Wirtschaftsgymnasium in Sachsen.