Die Schüler von Bullerbü – Ein katholischer Schulleiter im thüringischen Haubinda möchte der in Verruf geratenen Reformpädagogik neuen Glanz verleihen

Angelique (17) und ihre Freundin besuchen in Haubinda das berufliche Gymnasium

Zugegeben, Schwedisch wird im Internatsdorf Haubinda in Thüringen eher selten gesprochen. Auch ist nicht bekannt, ob die schwedische Erfolgsautorin Astrid Lindgren dort je zu Besuch war. Und doch erinnert in Haubinda vieles an ihre Bücher, allen voran die „Kinder aus Bullerbü“ von 1947, worin Lindgren in bunten Farben das meist harmonische Zusammenleben, auch Schulleben in der schwedischen Provinz beschreibt. „Herzlich Willkommen“ heißt es auf einem handgemalten Schild am Zufahrtsweg zum Internatsdorf Haubinda. Daneben grasen Ponys und Schafe auf einer Weide und fliegen handgroße Libellen über einem Teich mit Seerosen, Karpfen und Fröschen. Im schuleigenen Backhaus lernen Schüler das Brotbacken und in einer Holzwerkstatt, wie man Tische, Stühle und Kommoden baut. Eigenes Gemüse, Gurken und Tomaten wachsen im schuleigenen Garten, der sich in Blickweite der neu errichteten Mensa befindet; daneben die Schulbibliothek und das toppsanierte Sportgelände. Alle Klassenräume verfügen über WLAN, Laptop und Whiteboard, was aber wohl eher dem „Frontalunterricht dient“, wie ein Lehrer selbstkritisch anmerkt. Die Klassenstärke liegt zwischen 16 und 22 Schülerinnen und Schüler, von der Grundschule bis zum Abitur, das am Beruflichen Gymnasium in drei Jahren abgelegt werden kann; mit Spanisch als zweiter, neu einsetzender Fremdsprache in der Oberstufe.

Wertkonservativ und leistungsorientiert

Haubinda liegt idyllisch in einer grünen Hügellandschaft an der Grenze zu Bayern, inmitten der früheren Sperrzone, die bis 1989 beide deutschen Staaten voneinander trennte. Bis 1971 waren in den Schulgebäuden DDR-Grenzsoldaten einquartiert und anschließend eine Polytechnische Oberschule, in der der heutige Schulleiter Burkhard Werner (55) ein Jahr vor der Wende Physik und Mathematik zu unterrichten begann. Nach dem Ende der SED-Diktatur erfolgte der Wiederaufbau der Schule, die Ende des 19. Jahrhunderts von dem Theologen Hermann Lietz gegründet worden war. Ihr bis heute prominentester Schüler war zwischen 1905 und 1907 der Philosoph Walter Benjamin.

Schulleiter Werner ist verheiratet, Vater zweier Söhne und seit vielen Jahren Mitglied der CDU. Er wohnt in einem kleinen, schmucken Haus auf dem Schulgelände und gilt als wertkonservativer Organisator, der für ein gegliedertes Schulwesen eintritt. Seine Schule verstehe er als „zusätzliches Angebot“, sagt er. Ein nicht unerheblicher Teil seiner Schülerschaft stammt aus Vermittlungen des Jugendamtes, das auch das Schulgeld bezahlt, monatlich zwischen 2500 und 2700 Euro. Doch statt von Jugendamtskindern spricht Werner lieber von „Stipendiaten“, deren Fürsorge der Staat übernimmt. Dass diese Kinder die Allgemeinheit weitaus mehr kosten, als der Staat Familien durch Freibeträge und Kindergeld zur Verfügung stellt, wird von konservativen Politikern oft als „Gerechtigkeitslücke“ kritisiert. Hingegen sagen Befürworter, dass durch Einrichtungen wie in Haubinda auch „Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten geschaffen“ würden.

Spuren der Vergangenheit

Aus seinem katholischen Glauben habe er schon zu DDR-Zeiten keinen Hehl gemacht, sagt Schulleiter Werner. Auch der Glaube an Jesus Christus habe ihn bewogen, in Haubinda Verantwortung zu übernehmen, sagt er; will sagen: da zu sein für Kinder und Heranwachsende, die im Internatsdorf den für sie richtigen Ort zum Lernen und Erwachsenwerden gefunden haben. Dass auch der Schulgründer Hermann Lietz überzeugter Christ und kaisertreuer Nationalist war, ist hingegen nur wenig bekannt. Lietz starb 1919 mit 51 Jahren, nachdem er an vorderster Front im ersten Weltkrieg gekämpft und auch Schüler zum Waffendienst animiert hatte. Das Kuriose: Seine Ideen wurden später vor allem von Teilen der linksliberalen, sich gern grün-pazifistisch gebenden Pädagogik aufgegriffen, weiterentwickelt und teilweise auch vereinnahmt.

Das Internatsdorf Haubinda hat seinen Ursprung in der so genannten „Reformpädagogik“, die im 19. Jahrhundert aus England nach Deutschland kam. Die „Liebe zum Kind“ ist von jeher ihr zentrales Merkmal, was unter Fachleuten nicht unumstritten ist. Mit dem 2010 bekannt gewordenen Missbrauchsskandal an der ebenfalls reformpädagogisch orientierten und vor fünf Jahren abgewickelten Odenwaldschule in Südhessen, war die Reformpädagogik in die Negativschlagzeilen geraten. Noch bis in die neunziger Jahre gefeiert, fristet sie heute ein Schattendasein, auch nachdem bekannt wurde, dass ihr 1925 geborener Wortführer Hartmut von Hentig der Lebensgefährte des wegen Missbrauchs an Kindern bezichtigten Odenwaldschulleiters Gerold Becker gewesen ist. 

Eine neue Chance für die Reformpädagogik

Dem umstrittenen Ruf der Reformpädagogik wolle er mit seiner Schule ein gutes Stück entgegenwirken, sagt Werner. Den 2010 verstorbenen Schulleiter Gerold Becker, der für seine Taten wegen Verjährung nie belangt werden konnte, habe er „gut gekannt“, sagt Werner, nachdenklich, traurig und anzusehend, wie nahe ihm die Verbrechen des früheren Kollegen noch immer gehen; auch wenn seit deren Bekanntwerden mehr als zehn Jahre vergangen sind. Gerold Becker gilt bis heute als Haupttäter. Rund 400 Kinder und Jugendliche soll der examinierte Theologe, nach einer Erhebung des hessischen Sozialministeriums, in den siebziger und achtziger Jahren teils bestialisch missbraucht haben; zusammen mit Kolleginnen und Kollegen und auch Schülern, die in den Skandal verwickelt waren.

„In Haubinda hat es solche Fälle nie gegeben und wird es auch nicht geben“, sagt Burkhard Werner fast trotzig. Und dass das vor allem an den getrennten Sanitärbereichen für Lehrer und Schüler läge. Wie in reformpädagogischen Einrichtungen üblich, leben sie auch in Haubinda als „Familie“ unter einem Dach. Und doch gibt es gravierende Unterschiede. An der Odenwaldschule duschten Lehrer und Schüler stets gemeinsam, ohne Trennmauern, womit der Missbrauchsskandal seinen Anfang nahm. In den zwanziger Jahren gab es dort zudem, wie historische Fotos belegen, „Lichtbäder“, bei denen Schüler und Lehrer unbekleidet auf einer Wiese lagen und die Sonne anbeteten; Umstände, die in Haubinda undenkbar wären. „Bei uns gilt das Vier-Augen-Prinzip“, sagt Burkhard Werner. Erzieher und Lehrer kontrollierten sich im Umgang mit Kindern und Jugendlichen gegenseitig, sagt er. Hinzu kommt, dass pädagogische Fachkräfte nunmehr vor ihrer Einstellung ein erweitertes, polizeiliches Führungszeugnis vorlegen müssen, um pädokriminelle Handlungen schon im Vorfeld auszuschließen.

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Benedikt Vallendar
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Dr. Benedikt Vallendar wurde 1969 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn, Madrid und an der FU Berlin, wo er 2004 im Fach Geschichte promovierte. Vallendar ist Berichterstatter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main und unterrichtet an einem Wirtschaftsgymnasium in Sachsen.