Die unbegriffene DDR

Schon 1870 lobte Theodor Fontane die Spreewaldgurke. Der humusreiche Boden im feuchten Spreewald und eine spezielle Gewürz-Mixtur bei der Zubereitung machen ihren Geschmack aus. Warum hat es nun gerade dieses Regionalprodukt an die Spitze der ostalgischen Verklärungslisten mit DDR-Rückerinnerungswert geschafft? Und nicht zum Beispiel die Thüringer Bratwurst, die zu DDR-Zeiten genauso gern gegessen wurde, wie sie heute verzehrt wird? Eine brutale Vorstellung für einen Thüringer, jede DDR-Betrachtung würde mit einer Bratwurstreflexion beginnen, jede Diskussion zur inneren deutschen Einheit zeigte bratende Thüringer am Grill. Dazu die Frage, warum sich die Thüringer der Vereinigung mit den Nürnberger Würstchen widersetzten: die Durchschnittslänge beider Produkte als neue deutsche Einheitswurst.

Marke DDR

Einige Produkte stehen also für die DDR, andere bleiben Dinge, die es während der Zeit der DDR (auch) gab. Die regionalen Marken aus der DDR konkurrieren mit der alles umfassenden Marke DDR, die wiederum aus einzelnen Teilen besteht und sich doch nicht auf die Summe regionaler Marken reduzieren lässt.

Zum Beispiel das DDR-Fernsehen. Zu Zeiten des Staates eine Marke von bescheidenem Gebrauchswert. Was aber waren die DDR-Fernsehquotenhits, wenn es denn zuverlässige Messungen gegeben hätte? Der Montagabendfilm: Die DDR besaß die Rechte an den alten UFA-Filmen und lockte mit den Schauspielerberühmtheiten aus der Nazizeit Leute vor die Ost-Glotze. Oder Sendungen im Kinderprogramm, die (nicht nur) mit russischen Märchenfilmen und lustigen Zeichentrickserien brillierten. Oder am Samstagabend flimmerte der berühmte „Kessel Buntes“ als Art Show-Wundertüte über die meist noch sehr kleinformatigen Bildschirme. Es traten immer ein Weststar auf und Berühmtheiten aus Osteuropa. Die eher ungeliebte Marke DDR-Fernsehen also ein Patchwork aus DDR-igem, scheinbar unpolitischem Nazizeug, sorgsam vorsortierter Westkultur (Katja Ebstein immer, die Rolling Stones nimmer) und vielen osteuropäischen Beigaben.

Eine Summe von Wahrnehmungsstörungen Die Ostalgie ist eine Summe von Wahrnehmungsstörungen und Entzugserscheinungen von Dingen, die man einmal loswerden wollte. Oder deren Existenz selbstverständlich und ungefährdet erschien. Beim Identitätswechsel zwischen DDR-Bürgersein und dem Einheitsdeutscher-Werden klammert sich die liebe Seele an Marken-Produkte, die zu DDR-Zeiten keine waren. Dafür gab es sie zu selbstverständlich – oder zu selten, dann waren sie Mangelware wie nicht nur das Radeberger Bier. Marken ohne wirklichen Markt sind merkwürdig, sie wurden ja nicht richtig vermarktet. Es sei denn man arbeitete laut innerdeutschen Verträgen als Billiglohnland schon damals westlichen Ketten und Versandhäusern zu.

Das sozialistische Recht

Und wie passt das nun zur Diskussion um den Unrechtsstaat? Der DDR-Bürger lebte in einem Staat, der stolz darauf war, das sozialistische Recht eingeführt zu haben. Und die positiven Rechte? Das Recht auf Arbeit zum Beispiel? Ich sehe den Ingenieur im VEB Carl Zeiss Jena noch vor mir, wie er Karteikarten mit der Schere zerschnipselt. Monatelang – es gab keine Arbeit für ihn. Lösen Beschäftigungstherapien das Problem der Arbeitslosigkeit wirklich?

Zurückkatapultiert in die Weltmarktwirklichkeit

Die DDR war ein Absurdistan zwischen Versklavung und scheinemanzipierter Wichtigkeit des Einzelnen. Die deutsche Einheit katapultierte die geschützt und unterdrückt lebenden Ostdeutschen aus einer Zeitblase in die Weltmarktwirklichkeit zurück. Vorher konnte man den Staat für alles verantwortlich machen, da er ja für alles verantwortlich sein wollte. Diese ganze Ostalgie und Nostalgie stellt vielleicht nur die nachträgliche Verwandlung der DDR in eine in Marktbegriffe übersetzbare Gesellschaft dar, man will dem Westen ähnlich gewesen sein. Ihre populärste Marke verlor sie freilich – eine, deren Verlust die Ostalgie gleich mit kompensieren muss: den Westen. Es reichte, die Himmelsrichtung an ein Produkt oder Gegenstand anzuhängen, schon wirkten Schokolade, Pakete oder Autos magisch verwandelt. (Und erst die West-Reise! Für immer vorbei, nie mehr West-Pakete bekommen! Höchstens selber welche packen, liebe Ostdeutsche: Wir sind jetzt der Westen.)

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Über Rathenow Lutz 17 Artikel
Lutz Rathenow, Schriftsteller, 1952 geboren, Studium der Germanistik/Geschichte. Kurz vor dem Examen 1977 wurde er aus politischen Gründen von der Universität ausgeschlossen. Er ist Lyriker, Essaiist, Kinderbuchautor, Satiriker, Kolumnist und Gelegenheitsdramatiker. Rathenow ist Landesbeauftragter der Staatssicherheit in Sachsen.

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