Die Wärme der Wolle: Französische Gobelins – die Winter-Attraktion der Kunsthalle München, nicht nur für Matisse-, Picasso- und Mirò-Fans

70 Jahre alter Wandteppich nach Matisse DIE LAUTE von 1943

Der Reiz liegt im Haptischen, im Stofflichen, sagt Roger Diederen, Direktor der Kunsthalle München. Und er schwärmt von der „absoluten“ Modernität einer der ältesten kunsthandwerklichen Traditionen (nicht nur) des Nachbarlandes im Westen, die die Pariser „Manufacture des Gobelins“ von Staats wegen noch immer hochhält: die Herstellung von Tapisserien per Hand. „Nichts ist hier maschinell gefertigt“, betont Diederern, der sich persönlich von der Manu-Faktur-Arbeit des „Mobilier national“, Paris und der Manufactures des Gobelins, de Beauvais und de la Savonnerie überzeugen konnte, um es zu einer gemeinsamen Ausstellung in München kommen zu lassen.

Unter dem Titel „Die Fäden der Moderne“ stellt sich kaum jemand etwas Konkretes vor. Erst der Untertitel „Matisse, Picasso, Morò … und die französischen Gobelins“ versucht zu präzisieren, gleichzeitig aber auch die an den genannten Top-Malern des 20. Jahrhunderts Interessierten anzulocken. Dabei wählte Diederens Kuratorenteam weder Ma noch Pi noch Mi als Blickfang beim Betreten der großflächig behängten Räume der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, sondern das dreiteilige Landschaftstriptychon von acht Metern Breite „Die Pyrenäen“ nach Edmond Yarz` Gemälde aus seiner Serie der Provinzen und Städte Frankreichs von 1917. Sieben Jahre später entstand der hymnisch auf Gebirge, Wald und Fluren eingehende Wandteppich. Es sei die „ungewöhnliche Wärme, die das gewaltige Bildwerk ausstrahlt“, fand ein Kollege, der damit das Ungewöhnliche der ganzen großartigen Schau erfasste. Die Wärme der Wolle, des Hauptstoffs der Tapisserie-Weberei, zieht den Betrachter – wie Diederen betont, noch mehr als ein mit dem Pinsel gemaltes Bild – an, so dass er am liebsten „handgreiflich“ würde, um einmal die Milde und Weichheit des Monumentalen zu erleben.

Denn riesenhaft wirken sie alle, die ausgehängten Wandbekleidungen, so repräsentativ, dass eigens, beim Verlassen der Ausstellung, auf deren Dekor-Haftigkeit ausgewählter Stücke etwa im Pariser Elysee-Palast – ein Foto zeigt Macron und Merkel vor einem Miró-Wandteppich – hingewiesen wird. NB: Keine Tapisserie ist käuflich. Die staatliche Institution weist stets auf die  Eigenständigkeit der Kunstwerke hin. Also hier sieht man keine Kopien bekannter Gemälde. Produziert wird nicht für den Verkauf; der Staat beauftragt sich selbst und sorgt für die Erhaltung der Tradition eines bedeutenden Bereichs der französischen Luxusgüterindustrie.

42 Künstlerinnen schufen die 70 Exponate mit einem breiten Spektrum unterschiedlicher Ansätze. Sie erhielten von den berühmtesten Malern des 20. und 21. Jahrhunderts für ihre „Bildwirkerei“ neue Impulse, von Picasso bis Louise Bourgeois, von Matisse bis Le Corbusier, von Miró bis Hans Hartung. Ausgefallen: der auf eine Bedeckfläche von gut 72 qm angelegte Kolossal-Wandteppich „Die Erdkugel“ nach dem Entwurf Werner Peiners – für Hermann Görings Vorhaben, eine Wand von „Carinhall“ bei Berlin zu schmücken. Da wendet sich der Gast eher mit Grausen – und sucht sich beruhigende Motive aus. Findig wird er bei Matisse`s „Lautenspielerin“ von 1943, dessen Leichtigkeit und Helligkeit versöhnlich wirken. Zugleich ist dieses Exponat ein Beispiel für die Entstehung einer Tapisserie nach einem Gemälde. Das Lesen  der Beschriftung empfiehlt sich immer, aber hier besonders. – Bis 8. März täglich 10 bis 20 Uhr. Mit reichem Begleitprogramm und Katalog des Münchner Hirmer-Verlags.                                                                                       

Foto (Hans Gärtner)

Vor 70 Jahren entstanden: Henri Matisse`s „Lautenspielerin“ von 1943 als Wandbehang aus staatlich gelenkter Produktion

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.