Edith Sheffer: Aspergers Kinder. Die Geburt des Autismus im „Dritten Reich“

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Edith Sheffer: Aspergers Kinder. Die Geburt des Autismus im „Dritten Reich“, Campus, Frankfurt/Main 2018, ISBN: 978-3-593-50943-3, 29,95 EURO (D)

In diesem Buch geht es um die Verstrickung des österreichischen Kinderarzt und Heilpädagoge Johann Friedrich Karl Asperger (1906-1980) in der NS-Politik in Wien. Er prägte das  später nach ihm benannten Asperger-Syndroms, einer Form des Autismus.

Asperger war nach eigenen Aussagen in den Nachkriegsjahren und den Darstellungen seiner Weggefährten Gegner der Nationalsozialisten. Dieses Bild eines makellosen Arztes bekam erste Risse, als Historiker Herwig Czech darauf hinwies, dass Asperger im Rahmen der „Kinder-Euthanasie“ in der Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund auf dem Anstaltsgelände der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof auf der Baumgartner Höhe in Wienmehrere Kinder an die Anstalt am Spiegelgrund überwiesen habe, in der etwa 800 Mädchen und Jungen ermordet wurden.

In diesem Buch behauptet die Autorin nach der Auswertung von Akten und in Anlehnung an Czechs Ergebnisse,  dass seine Diagnosen auf der Dichotomie von „wertem“ und „unwertem“ Leben beruhten und er somit als geistiger Erfüllungsgehilfe der nationalsozialistischen Rassenideologie war.

Die sozialdarwinistisch geprägte Rassenideologie des Nationalsozialismus bekannte sich vorbehaltlos zur Maxime, dass sich sowohl auf Ebene der Individuen als auch der Völker und Staaten immer der Stärkere durchsetzen werde. Dieser habe damit ein naturgesetzliches Recht auf seiner Seite. Alle entgegenstehenden religiösen und humanitären Aspekte würden sich letztlich als widernatürlich erweisen. Nur jenes Volk könne sich auf Dauer in diesem stetigen „Kampf ums Überleben“ bewähren, das seine Besten fördere und notwendigerweise alle die eliminiere, die es schwächen. Außerdem könne sich nur ein möglichst rassereines Volk im „Kampf ums Dasein“ behaupten. Zur Erhaltung oder Verbesserung der nordisch-germanischen Rasse müssten daher die Gesetze der Eugenik beziehungsweise der (biologistisch ausgerichteten) Rassenhygiene streng beachtet werden; das heißt, die Förderung der „Erbgesunden“ und die Beseitigung der „Kranken“. Diese müssten im Sinne einer natürlichen Auslese „ausgemerzt“ werden. Die so verstandene Eugenik wurde schließlich die Grundlage der nationalsozialistischen Erbgesundheitspolitik und in den Rang einer Staatsdoktrin erhoben. Der Grundsatz der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ diente zur Begründung der Ermordung von Geistes- und Erbkranken sowie körperlich schwer Behinderten im Rahmen der Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus.

Neun Kinder, die er als „Belastung“  für die Gesellschaft ansah, wies er in die Anstalt am Spiegelgrund ein; zwei von ihnen starben. Als medizinischer Berater für die NS-Verwaltung erstellte er Gutachten für Schulen, Jugendgerichte und die HJ. Für die Autorin war Asperger ein Mittäter eines Diagnoseregimes, als die Einsetzung der menschlichen Eugenik, um das Menschsein neu zu definieren und zu katalogisieren. Nicht gewünschte Verhaltensweisen dienten zur Verfolgung und Vernichtung von Menschen, was die gesamte Psychiatrie im Nationalsozialismus beherrschte: „Es ist schwierig, Aspergers Rolle im Kindereuthanasieprogramm mit seinem Ruf in Einklang zu bringen, er habe sich sein Leben lang für behinderte Kinder eingesetzt.“ (S. 16) Sie spricht von einem „janusköpfigen Verhalten Aspergers: „Er sprach sich für eine intensive und individualisierte Betreuung von Kindern aus, bei denen er Fähigkeiten erkannte. Auf der anderen Seite ordnete er Internierung von Kindern an, die in seinen Augen keinen Nutzen für die ‚Volksgemeinschaft‘ hatten.“ (S. 16)

Dies erlaubt eine neue Sichtweise auf Aspergers Rolle im Nationalsozialismus. Das Bild von ihm muss aufgrund dieser Fakten revidiert werden. Dies steht bei vielen Ärzten, Psychiatern und Heilpädagogen, die im „Dritten Reich“ gewirkt haben, wohl noch aus.

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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.