Vor wenigen Jahren trafen wir uns noch einmal zufällig im Steglitzer Restaurant Jungbluth und tauschten uns aus, wie es Alte tun, ein wenig persönlich und ein wenig über die Zeiten. Sie kam immer noch regelmässig aus Neuss in ihr Berliner Büro, das ihr als ehemaliger Bundestagspräsidentin zustand. Dorthin hatte Helmut Kohl sie abgeschoben. Sie hatte es nicht gewollt und übte es dann fast zehn Jahre aus, die bislang am längsten amtierende Bundestagspräsidentin.
Darüber lernten wir uns kennen. Rita Süssmuth hatte für Bonn als Sitz der Bundesregierung des vereinten Deutschlands gestimmt und war nun für den Umzug des Bundestages nach Berlin verantwortlich. Anders als der „Spiegel“ in seinem Nachruf fälschlich behauptet, verzögerte sie den Umzug nicht, sondern trieb ihn mit dem Unions-Vorsitzenden Wolfgang Schäuble voran, aus Verantwortung gegenüber der Entscheidung „ihres“ Bundestages und wohl auch, weil Bundeskanzler Helmut Kohl lieber auf die Befindlichkeiten der Rheinschiene seiner Partei Rücksicht nahm und überhaupt mit Berlin fremdelte.
Karl Feldmeyer von der FAZ und mich führte dieses zentrale Thema immer wieder mit Rita Süssmuth zusammen. Als Korrespondent der „Berliner Zeitung“ drang ich naturgemäß auf Beschleunigung, für Karl Feldmeyer war es wiederum ein Stück Erfüllung deutscher Geschichte. Blieb sie trotz ihrer Hartnäckigkeit wieder einmal im Ältestenrat des Bundestages stecken, rief sie uns anschliessend an. Ich konnte – in Zweifel mit einem guten Schäuble-Zitat – in meiner Redaktion leichter einen Aufmacher durchsetzen als Karl Feldmeyer in der FAZ, der sich dort wiederum auf uns berufen konnte.
Als Kohl sie auch aus diesem Amt drängen wollte und aus dem Bundeskanzleramt lanciert wurde, Rita Süssmuth habe die Flugbereitschaft auf Dienstreisen genutzt, um Abstecher zu ihrer ihr eng verbundenen Tochter in der Schweiz zu machen, berichteten wir natürlich darüber, verzichteten aber auf die heute fast zur Gewohnheit gewordenen Erregungen. Rita Süssmuth blieb.
In meiner Erinnerung kam sie immer zu spät, jedenfalls zu Terminen ausserhalb des Bundestages. Aber politisch war sie ihrer Zeit voraus. Bei der Auseinandersetzung um den Paragraphen 218 und im Kampf gegen Aids setzte sie auf Verantwortung der Menschen für sich und andere, auf Aufklärung. Gegen den zum Teil erbitterten Widerstand der Unions-Fraktion erreichte sie eine Bundestagsmehrheit für die Verhüllung des Reichstages und liess so ein neues Gemälde des vereinten Deutschlands zu.
Anders als manche Nachrufe suggerieren, stellte sich Rita Süssmuth nicht gegen ihre CDU, sondern stand für die Fähigkeit dieser Volkspartei, neue Entwicklungen und Strömungen der Gesellschaft aufzunehmen. Das gelingt Parteien nur durch Menschen, die sie in Ämter wählen, und führt natürlich zu Spannungen, Reibungen und Auseinandersetzungen. Parteien brauchen beide, Kohl und Süssmuth. So lange es sie gibt, leben die Parteien. „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“, pflegte sie gelegentlich zu bemerken.
Bei der Wahl von Friedrich Merz sass sie auf der Zuschauerbank „ihres“ Bundestages. Sie wird das als Zeichen des Respekts verstanden haben.
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