Georgien und „das weiße Rußland des großen Nordens“. Ein gegenwärtige Unbilden erhellender Blick in die Vergangenheit

Spuren im Schnee, Foto: Stefan Groß

Am 18. März 2014 hielt Präsident Putin nach der Reannexion der unter Katharina II: der Großen gewonnenen Halbinsel im Schwarzen Meer im Georgssaal des Kreml eine Rede an die russische Nation, in welcher er die Krim als „so heilig wie den Tempelberg“ bezeichnete. Kurz darauf erklärte er, daß er in der Ukraine auch jenen Teil der Bevölkerung zu verteidigen gedenke, welcher sich der „weiten russischen Welt“ zugehörig fühle. Unter dieser ist nicht allein die Landmasse der Russischen Föderation – aus russischer Sicht der verbliebene rechtsnachfolgende Rumpf des Sowjet- und Zarenreiches – zu verstehen, sondern der gesamte Raum, den Rußland je kulturell geprägt hat; in denen die Sowjetunion russische Minderheiten hinterlassen hat, der von der in Kiew anno 988 von Großfürst Wladimir I. dem Großen empfangenen Taufe bestimmt ist, schließlich der von russischer Literatur und Sprache berührte Raum, ausgespannt durch seine Kulturträger. Anders als die geopolitisch real gravitierende Anglosphere verleiht die russische Welt jenem imperialen Phantomschmerz Ausdruck, den Putin schon 2005 in die Worte faßte, der Zerfall der Sowjetunion stelle „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ dar. Seine Präsidentschaft ist der Versuch, die seit 1991 erlittenen Verluste zu revidieren bzw. den weiteren Zerfall der russischen Landmacht zu beenden. Von Anbeginn richtete er sein Augenmerk auf den Kaukasus, zunächst auf Tschetschenien, dann auf Georgien, welches ihm im August 2008 durch das kurzschlüssige Handeln seines Präsidenten Saakaschwili einen glücklichen Vorwand zum Einmarsch lieferte.

Den russischen Anspruch auf den Kaukasus verdeutlich eine Episode, welche sich kurz nach dem Untergang der Sowjetunion in einer Dahlemer Villa zutrug. Der letzte Oberkommandierende der Westgruppe der sowjetischen Streitkäfte Matwej Burlakow und der letzte in Bonn residierende sowjetische Botschafter Julij Kwizinski beklagten gegenüber dem 2013 verstorbenen Publizisten und Verleger Wolf-Jobst Siedler den Verlust des Kaukasus, insbesondere Georgiens. Dagegen äußerten sie ihr gänzliches Unverständnis, wie klaglos die Deutschen 1990 ihre Ostgebiete preisgegeben hätten. Auch die 2014 verstorbene Sowjetdissidentin Valerija Nowodworskaja bezeugte vor ihrem Ableben, daß die „überwältigende Mehrheit“ der russischen Menschenrechtler in der Ära des Jelzinschen Liberalismus den Verlust des Kaukasus nicht hinzunehmen bereit war. Bereits der russische Literaturkritiker Wissarion Bjelinski (1811-48) prägte das Bonmot: „Der russische Demokrat endet bei der Nationalitätenfrage.“

Mit der seit 2014 anhaltenden blutigen Auseinandersetzung in der Ostukraine sind die fortbestehenden russisch-georgischen Spannungen aus dem Blickfeld geraten. Der bis heute bestehenden Konflikt zwischen der in ihrem imperialen Selbstverständnis gekränkten Großmacht im Norden und dem in seinem kulturellen Selbstverständnis verletzten kleinen Kaukasusland wurzelt in historischen Tiefenschichten. Die Beziehungen Rußlands zu Georgien sind alt. Georgische Einflüsse auf die Slavia lassen sich bereits am glagolitischen Alphabet der Slawenapostel Kyrill und Method aus dem 9. Jh. und in der altrussischen Nestorchronik aus dem 12. Jh. ablesen. Ebenso alt ist die russische Sehnsucht nach dem georgischen Paradiesgarten. Bereits in der Belehrung des Kiewer Großfürsten Wladimir Monomach (1053-1125) ist vom ersehnten Garten vyrij sad – eine Verballhornung des kirchlichen Namens Iberien für Georgien – die Rede, aus welchem „die himmlischen Vögel kommen…“. Einen Widerhall dieser altrussischen Paradiessehnsucht finden wir ein Jahrtausend später in John Steinbecks Russian Journal von 1948, als der Dichter mit dem Photographen Robert Cappa Stalins atheistische Sowjetunion bereiste: “Indeed, we began to believe that most Russians hope that if they live very good and virtuous lives, they will not go to heaven, but to Georgia, when they die.” Das Lob des atheistischen Paradiesgartens gab 1924 der als Sohn eines russischen Revierförsters in Westgeorgien geborene „proletarische Dichter“ Majakowski vor: „Wohl weiß ich: Wahn ist das Paradeis./ Doch wähnten sich die Poeten/ In Georgien. Ihm nämlich galt der Preis,/ Wenn einst sie sangen von Eden.“ Die russische Hinwendung zu Georgien ließe sich, pathetisch gesprochen, ähnlich der deutschen Liebe zu Italien als eine „Sehnsucht der Mitternacht nach dem Licht“ bezeichnen.

Nach Überzeugung des Petersburger Publizisten Jakow Gordin, Autor des 2013 erschienenen Werkes „Wozu brauchte Rußland den Kaukasus?“, war das Vordringen Rußlands in den Kaukasus für die russische Kultur notwendig, um einen seelischen Zustand zu erreichen, in dem sie selbst klassisch wurde und die große klassische Literatur hervorbrachte. Dies geschah, indem die Dichter, verbannt oder als Militärs stationiert, sich den Kaukasiern in Gewand und innerer Haltung anverwandelten. In ihrer Geschichtsbetrachtung Rußland ist einsam schrieb Sonja Margolina 1990: „Vor dem Hintergrund der unendlichen russischen Räume, in dem nur schwermütige Kutscherlieder geboren wurden und sogar die schneidigsten Husaren in Melancholie und Suff verfielen, war der Süden mit seiner mannigfaltigen Natur und ethnischen Vielfalt ein Ersatz für Griechenland und Italien, der romantische Zufluchtsort der Dichter…“

Der sowjetische Schriftsteller und „Serapionsbruder“ Nikolai Tichonow (1896-1979) schrieb in seinem Essay Das Land des großen dichterischen Atems: „Es gibt Länder voll von besonderer Bedeutung für andere Länder. Dies drückt sich nicht auf dem Gebiet der Wirtschaft oder Politik aus. Nein, sie erscheinen vielen einander ablösenden Generationen in einem besonderen poetischen Glanz. Ihre Natur, ihre Kunst, ihre uralte Kultur bewegen nicht nur die Kenner. Sie üben ihren Einfluß auf Künstler, Schriftsteller und Gelehrte aus. Sie ziehen tausende Reisende an. Eines solcher Länder in Europa, solcher Länder, welche für das europäische Bewußtsein als voll von besonderem Sinn erscheinen, ist meines Erachtens – Italien. Sämtliche europäischen klassischen Dichter bereisten es, alle erwiesen ihm einen besonderen Herzenstribut. Den russischen Dichtern wurde unser Italien zweifelsohne Georgien.“ Den nordkaukasischen Terek und die südkaukasische Kura erklärte der oben erwähnte Belinski zur Ἱπποκρήνη, zum Roßquell der russischen Dichtung. Die zweihundert Jahre russischer Kaukasusdichtung resümierte der im April dieses Jahres verstorbene sowjetischrussische Dichter Jewgeni Jewtuschenko mit dem Wort: „Wer Georgien unachtsam vergißt, wird in Rußland von der Muse nicht geküßt.“

Zur bitteren Ironie des russisch-georgischen Verhältnisses gehört das Faktum, daß die Annäherung ursprünglich von Georgien ausging. Nach dem Fall Konstantinopels ersuchten georgische Könige erstmals 1483 das „weiße Russland des großen Nordens“ um Schutz, welchem nach der geschichtstheologischen Überhöhung des Pleskauer Mönchs Philotheos zum „Dritten Rom“ (1523/24) die Rolle zufiel, das Böse der Welt in Schach zu halten und die Schutzherrschaft über die orthodoxe Christenheit wahrzunehmen. Als der ostgeorgische König Alexander II. von Kachetien 1586 angesichts der türkischen Bedrohung den Sohn Iwans des Schrecklichen Fjodor um Schutz für sich und sein Volk bat, konnte dieser seine Zusage militärischen Beistands zwar nicht einhalten, doch führten er und seine Nachfolger fortan den Titel „Herrscher des iberischen Landes und der georgischen Könige“. Seither beginnt für die Georgier „die Sonne im Norden aufzugehen“, wie es der Dichter Mamuka Barataschwili im 18. Jh. formulierte. Gänzlich entging den Georgiern die Säkularisierung Rußlands seit Peter dem Großen, als an die Stelle der „Heiligen Rus“ die „Große Rus“ trat, welche sich nicht mehr von eschatologischem Sendungsbewusstsein und religiöser Affinität, sondern von strategischen Interessen und ragion di stato leiten ließ. Dieses tragische Mißverständnis liegt der bis heute währenden Entfremdung, einem „Dialog von Taubstummen“, zugrunde.

Zentral für das Verständnis des Konflikts ist die Geschichte der russisch-georgischen Kirchenbeziehungen. Nach Ansicht der aus dem georgischen Königsgeschlecht stammenden, an der Moskauer Lomonossowuniversität lehrenden Professorin Irina Bagration-Muchraneli schwebte dem russischen Patriarchen Nikon (1605-81) bei seiner Kirchenreform die georgische Kirchenverfassung mit ihrem Ehrenvorrang der geistlichen Macht als sakrale Utopie vor. Die Reformen führten zur Kirchenspaltung der russischen Orthodoxie und schließlich zu ihrer „Enthauptung“ unter Peter dem Großen (1672-1725), der der Kirche eine anglikanische Verfassung überstülpte und sich selbst zu ihrem Oberhaupt erklärte.

Anstelle des Moskauer Patriarchats übernahm im 19. Jh. die russische Literatur die Rolle des geistigen Gegengewichts zur weltlichen Macht und säkularisierte das Sehnsuchtsbild des großen Patriarchen zum arkadischen Traum. Ein einschlägiges Beispiel finden wir in der Persönlichkeit Leo Tolstois. Der Dichter wollte in der 1905 etablierten revolutionären sozialdemokratischen Bauernrepublik im westgeorgischen Gurien den Vorschein des Reiches Gottes erkennen können, auch wenn den Bauern die Idee des sozialistischen Gemeineigentums so fremd war wie Tolstois Philosophie der Gewaltlosigkeit.

Vom russischen Starzen Seraphim von Sarow (1754-1833) ist das Wort überliefert, in den Tagen vor der Wiederkunft Christi werde man in Rußland das Meßopfer mit georgischem Wein vollziehen. Im jähen Gegensatz dazu stand die mit der Annexion Ostgeorgiens 1801 einsetzende Annihilierung der Georgischen Kirche als der Trägerin der älteren orthodoxen Tradition durch die russische Synodalherrschaft.

Den Ausgangspunkt der gesamten Konfliktgeschichte bildet der 1783 abgeschlossene Vertrag von Georgiewsk, in dem sich das ostgeorgische Bagratidenkönigreich unter Erekle II. in der Hoffnung auf einen Schutzschirm gegen die muslimischen Anrainer und Vormächte dem russischen Protektorat unterstellte. Mit dem Auftakt der Annexion Ostgeorgiens 1801 kam es stattdessen in Enttäuschung dieser Hoffnungen zur Einverleibung der diversen georgischen Herrschaftsgebiete sowie in deren Gefolge zu einer bürokratischen Homogenisierung durch das russische Imperium. Die Beseitigung der kirchlichen Autokephalie Georgiens vollzog sich sodann im Rahmen der allgemeinen Aufhebung georgischer Selbständigkeit. Widersprach die Deportation der Bagratidendynastie nach Rußland den Vertragsvereinbarungen von Georgiewsk und den Zusicherungen Zar Pauls I. (1796-1801) auf Erhalt des Königtums, so bedeutete die Aufhebung der georgischen Autokephalie einen eklatanten gänzlichen Bruch der diesbezüglichen kirchlichen Canones.

Von Anbeginn sahen sich die Georgier vom Verhalten des „weißen Rußland des großen Nordens“ überrascht. Wie im Mittelalter gegenüber Byzanz hatten sie eine Anlehnung an das Imperium oder eine elastische, „verstreute Herrschaft“ (pers. parakandeh-shahi bzw. arab. muluk al-tawa’if) wie unter den Persern erwartet. Mit der Wucht des imperialen Ausgreifens und der verwaltungstechnischen Angleichung aller Lebensverhältnisse hatten sie nicht gerechnet. Als erstes von vielen Traumata erfuhren sie den „Verrat“ von 1795, die ausbleibende militärische Hilfe gegen den Kadscharenkhan Agha Mohammed, der nach der Schlacht von Krzanissi Ostgeorgien völlig verwüstete. König Erekle II. von Ostgeorgien beklagte den Treuebruch in einem Brief an seinen Sohn und seinen Gesandten Garsewan Tschawtschawadse nach Petersburg: „Nichts ist und geblieben. Alles haben wir verloren…“

Die Zurückhaltung der im Vertrag von Georgiewsk und im Vorfeld des Anmarschs des Khans zugesicherten russischen Truppen wird in Georgien mit dem Warschauer Aufstand von 1944 parallelisiert. Dabei wird georgischerseits gerne übersehen, daß die gescheiterte neuzeitliche Zusammenziehung der eigenen Kräfte das Land erst dem Wohlwollen auswärtiger Mächte auslieferte, daß es ihnen – wenn man so will, bis heute – kaum je gelang, ihre persönlichen Partikularinteressen dem nationalen Gesamtinteresse hintanzustellen. In der erwähnten Schlacht von Krzanissi leistete nur einer seiner zahlreichen Söhne König Erekle Heerfolge. Die Truppen des zu Hilfe eilenden Fürsten von Sighnaghi verließen ihren Heerführer vor der Schlacht, um die Ernte einzubringen.

Die Einverleibung durch das russische Imperium, sowohl im weltlichen wie im kirchlichen Bereich, ging schrittweise vonstatten. Den letzten radikalen Schritten in diesem Prozeß, der Auflösung des georgischen kirchlichen Exarchats in einer gesamtkaukasischen Metropolie sowie der Kolonisierung des Transkaukasus durch Kosaken und russische Bauern, kamen Weltkrieg und Russische Revolution zuvor.

Gegen die fortgesetzten Demütigungen durch russische Militärs und Bürokraten erhoben sich von Anbeginn Bauern unter der Führung von Adligen. Mit dem romantisch gescheiterten Versuch einer Adelsverschwörung im Jahre 1832 endeten die auf national-monarchische Restauration gerichteten Anstrengungen der sogenannten „Väter“. Zugleich inspirierte deren Scheitern die Unternehmungen und die Kritik der jüngeren georgischen Nationalbewegung der „Söhne“, der tergdaleulni (der „Terekwassertrinker“), welche zur Aufnahme eines Studiums in Rußland den Terekfluß überquert hatten. In Petersburg und Moskau sogen sie europäisches Denken auf.

Aus dieser Gruppe nationalbewegter Intellektueller, die auf Volksbildung und wirtschaftliche Entwicklung (nicht zuletzt ihrer eigenen adligen Güter) setzten, ragen Jakob Gogebaschwili (1840-1912), Verfasser der bis heute gebräuchlichen Lesefibel Deda Ena, Akaki Zereteli (1840-1915), sowie der „ungekrönte König Georgiens“ Ilia Tschwatschawadse (1837-1907) hervor, deren 1879 gegründete Alphabetisierungsgesellschaft die georgische Sprache zu schützen und zu erneuern suchte. Von unversöhnlichem Haß gegen Rußland waren die Genannten zu keiner Zeit beseelt. Sie waren im Gegenteil durchaus bereit, positive Leistungen des Imperiums – so unter dem Statthalter Fürst Michail Woronzow (1845-1853), Gründer des ersten Theaters und der ersten öffentlichen Bibliothek in Tiflis – zu würdigen. Chancen für einen Ausgleich bestanden somit bis ins 20. Jahrhundert.

Der hohe Anteil erfolgreicher Georgier in russischem Heer, Verwaltung und Geistesleben wirft weitere Fragen auf. So entwickelten nicht wenige Georgier eine ausgeprägte Russophilie und verabschiedeten sich vom Traum eines freien Georgiens. Kennzeichnend für die Integrationskraft Rußlands im 19. Jahrhundert war der rusetume oder rusapetu, der Typus des plus russe que les Russes, beispielhaft verkörpert durch General Peter Bagration, den in der Schlacht von Borodino gegen Napoléon gefallenen, in Rußland gefeierten Helden, der zuvor anno 1809, als einziger dem Befehl des Zaren folgend, das Eis des Finnischen Meerbusens überquert und in einem kühnen Handstreich Finnland erobert hatte.

Ein wichtiges Thema der Nationalbewegung war im Gefolge der von Zar Alexander I. 1861 eingeleiteten Bauernbefreiung die sich unter spezifisch georgischen Bedingungen entwickelnde „soziale Frage“, welche revolutionären Sprengstoff barg. Zugleich wurde unter der Führung „Ilias“, als der Tschwatschawadse zusehends im Volke verehrt wurde, die Rettung der kirchlichen Tradition und die Wiederherstellung der Autokephalie zu einem Hauptanliegen der Nationalbewegung. Die Verdrängung der georgischen Liturgie durch das Kirchenslawische hatte bereits mit der Annexion Ostgeorgiens 1801 eingesetzt. 1811 unterzeichnete Alexander I. einen Plan des Heiligen Synod, die Georgische Kirche der russische Staatskirche einzugliedern. Die Sequestrierung von Kirchenländereien ging einher mit der Zerstörung alter georgischer Kulturgüter. Dazu gehörte die – auch im russischen Raum – im katholisierenden italienischen Stil praktizierte Übermalung altgeorgischer Fresken. Kirchenschätze und Ikonen mit ihren kostbaren Beschlägen fielen dem Raub anheim.

Die kirchliche Russifizierung fand ihre Zuspitzung im Verbot der georgischen Sprache an den Priesterseminaren. Die repressive Atmosphäre der Priesterseminare verwandelte diese – wie teilweise auch in Rußland – in Brutstätten der Revolution. Unter den der Kirche entfremdeten Tifliser Seminaristen stoßen wir auf den Namen des wohl berühmtesten Zöglings Joseb Dschugaschwili (Stalin) sowie auf dessen menschewikischen Gegenspieler Noe Schordania, den sozialdemokratischen Fraktionsführer der ersten russischen Duma von 1906 und späteren Premierminister der ersten georgischen Republik. Zu den Schülern des Tifliser Priesterseminars zählte auch Stalins bolschewikischer Kampfgefährte Philipe Macharadse, der 1907 maßgeblich an dem Mord an Ilia Tschwatschwadse, inzwischen Führer der georgischen Nationaldemokraten, beteiligt war.

Die nationale Frage wurde von den georgischen Sozialdemokraten beider Flügel der sozialen Frage nur rhetorisch hintangestellt. In der dritten Duma verteidigte Nikolaj (für seine Marxverehrung „Karlo“ genannt) Tscheidse als Fraktionsführer der RSDAP gegenüber den „Schwarzhundertern“ nahestehenden Abgeordneten die Würde der georgischen Kirchensprache: „Sie müssen wissen, meine Herren, daß Georgisch eine Sprache ist, in welche das Neue Testament bereits im 4. Jahrhundert übertragen wurde, zu einer Zeit, als die Ahnen der gegenwärtigen ‚Herren Nationalisten‘ noch durch die Wälder streiften.“

Auch auf russischer Seite gab es stets ein paar verständnisvolle Fürsprecher der georgischen Kirchlichkeit, so den Metropoliten Philaret Drosdow (1782-1867) von Moskau oder den monarchistischen Publizisten Nikolai Durnowo (1842-1919). Der reaktionäre Publizist und als „russischer Nietzsche“ bezeichnete byzantinistische Kritiker Dostojewskis Konstantin Leontjew (1831-91) fragte 1887 in seinen Aufzeichnungen eines Einsiedlers: „Wenn nun aber wir Russen diese Georgier in irgend etwas Nationalgeorgischem zu bedrücken beginnen, nicht etwa im Namen reiner Rechtgläubigkeit, sondern bloß im Namen von irgend etwas Russischem – ist das etwa kein Elend?“

Die Kirchenfrage spitzte sich indes am Vorabend des I. Weltkriegs zu. Ungeachtet dessen war seit der Verschwörung von 1832 kaum noch eine vollständige nationale Loslösung von Rußland ins Auge gefaßt worden. Das änderte sich schlagartig mit dem Ausbruch des Weltkriegs. Nationaldemokraten und einige Sozialrevolutionäre im Exil wandten sich an die Führung des Deutschen Reichs.

Als erste Folge der Februarrevolution 1917 wurde – auf Drängen des sozialdemokratischen Exseminaristen Schordania – die georgische Autokephalie wiederhergestellt. Von Nutzen und Dringlichkeit einer georgischen staatlichen Unabhängigkeit mußten die georgischen Sozialdemokraten jedoch erst im Frühjahr 1918 von deutschen Militärs und Diplomaten – zu nennen sind der Nürnberger Patriziersproß Friedrich Freiherr Kreß von Kressenstein sowie Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg – mit einiger Not überzeugt werden, nachdem sie leichtfertig die geschichtliche Chance vergeben hatten, zu den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk eine eigene Delegation zu entsenden. Anno 1921 pries der Austromarxist Karl Kautsky die mit deutscher Geburtshilfe entstandene sozialdemokratische Bauernrepublik. Deren Ende hatte jedoch schon am 25. Februar 1921 der Einmarsch der Roten Armee unter Führung des Stalinschen Mitstreiters Sergo Ordschonikidse besiegelt. Ein blutiges Nachspiel fand die Invasion in einem von Schordania und seinen Freunden im Exil nur schlecht vorbereiteter Aufstand im Jahre 1924.

Der Verlust nationaler Unabhängigkeit bzw. Versuche diese wiederzuerlangen scheiterten nicht zuletzt an geringem georgischen politischen Wirklichkeitssinn sowie der fehlenden Loyalität der Georgier gegenüber eigener Staatlichkeit. Der deutsche Jurist Julius Reimers schrieb dazu im Jahre 1914, ihnen ermangele es „an der Kraft der Abstraktion [zur] Hingabe an den Staat…“ Für diese georgische Attitüde prägte der englische Diplomat und Historiker W. E. D. Allen den Begriff der aesthetic irresponsibility. Das Nichtvorhandensein jedweden gesellschaftlichen Zusammenhanlts in Georgien erfaßte der intellectuel public Merab Mamardaschwili (1930-1990) am Vorabend des Untergangs des Sowjetunion sehr nüchtern: „Fast wie im Italien des XIX. und sogar XX. Jahrhunderts, als man einen Niedergang der italienischen Gesellschaft beobachten konnte, die Auflösung gesellschaftlicher Bindungen, als das Prinzip ,ein jeder für sichʻ herrschte, und all dies mit dem den Italienern eignen Charme. Wir haben eine ähnliche Situation. Mit eben jenem Charme sitzt ein jeder in seinem eigenen Boot und schätzt dabei gesellschaftliche Interessen gering.“ Der Religionswissenschaftler Vasilios Makrides spricht in bezug auf die der georgischen nicht unähnliche griechische Gesellschaft in diesem Zusammenhang von einem „Individualismus ohne Individualität. Gemeint ist ein Individualismus extrem egoistischer Prägung, ohne jegliche Verantwortung für das Gemeinwohl, die Gesellschaft oder den Staat.“

Das sich 1991 eröffnende Fenster der Möglichkeiten wurde in Georgien anders als im Baltikum nicht besonnen genutzt. Bereits ein halbes Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung stürzte das Land in einen Bürgerkrieg. Der geringe nationale Zusammenhalt offenbarte sich auf bestürzende Weise, als 1993 Georgier ihre aus Abchasien flüchenden eigenen Landsleute ausraubten.

Den Mangel an inneren Bindungskräften suchten die Georgier wieder und wieder durch äußere Bündnispartner wettzumachen. In der von Personenverbänden geprägten feudalen Welt des Mittelalters noch erfolgreich – die Heirat mit einer kiptschakischen Fürstentochter und das dadurch zur Verfügung stehende Heere von Steppenkriegern ermöglichten Georgiens Aufstieg zur Vormacht im Kaukasus und sein Goldenes Zeitalter – mußte das Rezept in der Zeit der Flächenherrschaftsstaaten scheitern. Seit jener glücklichen Liaison halten die Georgier hartnäckig Ausschau nach qiwtschaqni achalni, nach neuen Kiptschaken. Dabei mündete dieser leichtsinnige „georgische Traum“ schon hundert Jahre nach jener Heirat in einen schweren Alptraum. Wie der spätere georgische Patriarch Kyrion II. (1855-1918) in seiner Monographie Die kulturelle Rolle Iberiens in der Geschichte Rußlands schreibt, schenkten die Georgier im 13. Jh. den von den Mongolen gestreuten Gerüchten von einem sie befehligenden christlichen östlichen Priesterkönig Johannes leichten Glauben und zogen den mongolischen Heeren in einer Prozession entgegen. Die Prozession wurde niedergemacht.

Den Niedergang ihres Landes bereiteten jedoch die Georgier selbst. Ihren Partikularinteressen folgend, entmachteten die georgischen Eliten die königstreuen Kiptschaken bereits im Goldenen Zeitalter Thamars der Großen. Im Schmerz über den Verlust einstiger Größe schwanken nicht wenige Georgier zwischen übersteigerter Beschwörung fast unfehlbarer nationaler grandeur einerseits und wenig später Selbstverleugnung bis hin zu geradezu unbefangener Bereitschaft zum politischen Hoch- und Landesverrat. Der russische Begriff des gosudarstvennik, des seine Arbeit unabhängig von der aktuellen Regierung gewissenhaft erfüllenden Staatsdieners, fehlt im georgischen politischen Vokabular. Eine etatistische Denkschule existiert in Georgien nicht, was politische Interventionen äußerer Mächte erleichtert.

Die aesthetic irresponsibility wurde auch georgischerseits beklagt. In poetischer Weise bildete sie Sulchan-Saba Orbeliani in der Fabel Die Dorferbauer (sophlis mscheneblebi) ab: Ein Hund und ein Hahn beschließen, ein Dorf zu errichten, und setzen ihren Beschluß um, indem der Hahn die erste Stimme kräht, während der Hund die zweite Stimme bellt. Der 1909 zu Halle promovierte Psychologe Dimitri Usnadse, Mitbegründer der Tifliser Universität und der Georgischen Akademie der Wissenschaften, bescheinigte seinen Landsleuten weniger dichterisch die Unfähigkeit, ein Ziel über längere Zeit zu verfolgen und auf dem Weg dorthin Schwierigkeiten zu überwinden. Sie seien nur im Augenblick der Begeisterung handlungsfähig und erkalteten sodann, deshalb dilettierten sie in allem und gelinge ihnen nur äußerst wenig. Es gebreche ihnen an Willensstärke, an Bereitschaft zu routinierter und gründlicher Arbeit. Dies sei der eigentliche Grund, weswegen die Georgier nicht Herren ihres eigenen Landes und in Fremdherrschaft geraten seien. Diese nicht nur in Georgien existierende Neigung zu situativem Handeln bei der Vereinbarungen stets nur rebus sic stantibus gelten, die mangelnde Bereitschaft zu langfristiger Planung, wird von Soziologen mitunter mit einer longue durée einer ständigen Kriegssituation erklärt. Die Gewöhnung an permanente kriegerische Einfälle habe langfristige Planungen unmöglich gemacht und die Menschen gezwungen, stets ad hoc zu entscheiden und zu handeln. Das benachbarte armenische Gegenbeispiel scheint aber einen Determinismus zu widerlegen.

Die Blüteperioden unabhängiger Eigenstaatlichkeit nehmen sich auf die Gesamtspanne der georgischen Geschichte betrachtet eher gering aus. In Zeiten des Verlusts nationaler Eigenständigkeit verlegten sich die Georgier auf eine Art empire hopping als Überlebensstrategie. Der erwähnte W. E. D. Allen schreibt: “When the Mongols established their hegemony in Asia Minor and the Caucasus, the Georgians and Armenians played an important role both as intermediaries and as mercenaries. Large Georgian contingents fought under the Mongol banners at Bagdad, against the Assasins at Alamut, and the Mamluks at Ain Jalut; and it is an interesting fact that in the great battle between Erzincan and Erzerum, when the Muslims defeated the Sultans of Konya, a corps of three thousand Georgians fought in the Mongol ranks, while a Georgian prince commanded the Seljuk army. Again, in the seventeenth century, in Persia under the later easy-going Safavid Shahs, both Georgian and Dagestani nobles dominated politics at the court of Isfahan; and Georgian and Dagestani factions, supported by their ladies in the royal harems, carried on a continuos struggle for power. At one period there were Georgian garrisons at Kandahar and other Persian forts in Afghanistan. In the following century a Georgian contingent under King Taymuraz participated in the Indian campaign of Nadir shah. (…) From the eighteenth century Georgians and, to a lesser extent, Armenians began to play a similar role at the Russian court. One of the first and the best of Russian viceroys in the Caucasus was a Georgian prince, Tsitsianov (Georgian, Tsitsishvili), and the celebrated Bagration, who held a command in the field against Napoleon, was a member oft he royal house of Imereti. Georgians and Armenians have continued to play a prominent part in modern Russian politics, both in the pre-revolutionary Menshevik party and in the Bolshevik party.” Der Stalinbiograph Rayfield bezeichnet die Sowjetunion 1939 als “virtually Georgian-run: Stalin was too busy reading books to pay any attention, Beria ran it with Janjgava in Belarus, Sajaia running Uzbekistan, Gvishiani running Vladivostok, Rapava in Georgia. (…) So Georgia can console itself (…) that if it does fall into the hands of an empire it raises to the top.”

Nach Zusammenbruch der Institutionen im Gefolge der Auflösung der Sowjetunion als auch der rosenrevolutionären radikalen Privatisierungspolitik ab 2003 sahen sich viele Georgier gezwungen, ihr Heil im Ausland zu suchen oder im Inland zumindest bei Think Tanks, westlichen Firmen oder Nichtregierungsorganisationen zu arbeiten. Um Donald Rayfield zu zitieren: “When I look at London, look at how many Georgians are in finance and insurance, or look at Afghanistan, you will see that Georgians among the ʻCoalition of the Willingʼ are supplying the largest contingent for the size of their country: 2000 men”

Der arabische Historiker Ibn Chaldun (1332-1406) spricht von einer ursprünglichen Kohäsion (assabija), welche in frühen vorstaatlichen Verhältnissen die Gesellschaft zusammenhalte. Ungeachtet der archaischen Klänge, wie man sie im georgischen Gesang hört, scheint diese soziale Kohäsion in Georgien verzehrt zu sein. Versuche unterschiedlichster politische Einigungsbewegungen, eine modern nationale oder gesellschaftliche Kohärenz herzustellen, scheiterten jedoch nicht selten am Klientelismus, dessen Ursprünge in der vormodernen lehensgesellschaftlichen patronqmoba (von patroni < lat. patronus und qma – Höriger) liegen. So setzte sich das Prinzip des modernen Flächenstaates, durch äußerste Mobilisierung der „eignen Krefte“, wie es der Große Kurfürst des im vom Dreißigjährigen Krieg ausgebluteten Brandenburg formulierte, eine souveräne Entwicklung des Landes zu forcieren, bis heute nicht durch. Wie in Zeiten der arabischen, persischen oder osmanischen Vorherrschaft blieb als einzige landesweite nationale Institution die Kirche.

In einem Versuch, das russische Publikum für eine georgische Wiedervereinigung mit dem abgespalteten Abchasien zu gewinnen, sprach der georgische Geschäftsmann Lewan Wasadse Anfang des Jahres vor der russischen Adelsversammlung in Moskau vom Warten als dem Nomos der Georgier. In gastlicher Erwartung eines göttlichen Gesandten lebten sie von Anbeginn ungerührt in der Bereitschaft zu dessen Empfang. Doch weder Mongolen noch Russen noch westliche Mächte erfüllten diesen georgischen Traum eines das goldene Zeitalter erneuernden Ankömmlings.

In nüchterner Voraussicht bemerkte ein Jahr vor dem russisch-georgischen Augustkrieg 2008 der Georgienkenner Donald Rayfield über die steten georgischen Hoffnungen auf auswärtige Schutzmacht: “The single overriding Georgian illusion is that Russia is the Great Christian Kingdom of the North which will come to the rescue of a small Christian nation… In 2008, nobody should doubt that if Russia were to invade Georgia the West would confine its support to a few unenforcible resolutions in the United Nations.”

 

 

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