Hanns-Josef Ortheil. Die Mittelmeerreise. Roman eines Heranwachsenden

Mittelmeer, Foto: Stefan Groß

Hanns-Josef Ortheil. Die Mittelmeerreise. Roman eines Heranwachsenden. München (Luchterhand), 640 S., 24.- EURO. ISBN 978-3-630-87535-4.

 

Eine zwanzigtägige Schiffsreise von Antwerpen bis Istanbul im Juli 1967 aus der Erzählperspektive eines Sechzehnjährigen, in der Form von Tagebüchern aufgezeichnet – das verspricht ein besonderes Lesevergnügen, zumal der Roman des Heranwachsenden oft die Ebenen in der Wahrnehmung des Erzählers wechselt. Bereits die Ankunft im Hafen von Antwerpen gestaltet sich aus ungewöhnlich. Ständig führt er Gespräche mit seinem Papa, beschreibt dessen Äußeres, flüchtet sich in innere Monologe, kommentiert Papas Aussagen über die bevorstehende Schiffsreise mit dem Frachtschiff Albireo, reflektiert seine wachsende Unruhe und diffuse Angst vor dem Koloß. Er träumt sich sogar in die Welt eines Hafenarbeiters hinein, solange, bis er aufwacht und seinen Papa aus einem Friseurladen abholt, in dem der sich für die lange Seereise aufpolieren lässt. Selbst der langwierige Einstieg über die Gangway in das Frachtschiff ist Gegenstand ihres Zwiegesprächs, das langatmig, aber nicht langweilig ist. Es dient dem vorsichtigen Abtasten der Konturen des riesigen Schiffs, in dem sie länger als drei Wochen als Passagiere verbringen werden.

Der äußeren Wahrnehmung der Albireo folgt die intensive Inspektion der Schlafkabine, des Speisesalons und der vielen Gänge, die zum Deck oder in die Maschinenräume führen. Doch damit nicht genug, auch die Besatzungsmitglieder werden bald in Gespräche verwickeln, ihre zufälligen Kommentare benutzt der jugendliche Erzähler in seinem Extra-Tagebuch, in dem er die Vorzüge und Verhaltensweisen seiner jeweiligen Bekanntschaften aufzeichnet. Überhaupt scheint ihm – auch mit Papas Hilfe – nichts zu entgehen. Kein Wunder, denn die beiden übertreffen sich gegenseitig in ihren lehrreichen Kommentaren und wissensbeladenen Aussagen. Besonders wenn es um die Odyssee von Homer geht, die sie in der Schiffsbibliothek entdeckt haben. Sie dient ihnen als antikes Vorbild für ihre Reise durch das Mittelmeer, darüber reden sie ständig, um sich gegenseitig zu beweisen, wie lückenhaft ihre Kenntnisse in Altgriechisch sind. Oder sie füllen diese Lücken, wenn der jugendliche Joannis zum Beispiel mal eine ganze Passage aus der Odyssee auswendig zitiert. Da begreift der Leser sehr schnell, dass er es hier mit einem superklugen, spät pubertierenden jungen Mann zu tun hat und mit dessen allseitig gebildeten, immer auf der Höhe seiner Zeit denkenden und handelnden Papa. Das merken auch Kapitän, Erster Offizier und Schiffsingenieur sehr schnell, denn sie suchen immer öfter die Nähe der beiden hochintelligenten Passagiere, um von ihren zu lernen, aber auch ihnen vieles aus ihrem Leben und von ihren Schiffsabenteuern preis zu geben.

Sie stehen ihnen auch mit Rat und Tat bei, als der erste schwere Sturm aufzieht, der den jungen Ioannis ganz schlimm erwischt, sehr zum Erstaunen seines Vaters, der ganz der erfahrene Seemann, ungerührt in der Schlafkabine weiter in der Odyssee liest. An seiner Stelle aber kümmert sich Denis, der junge Steward, so rührend um Ioannis, dass der Leser ein heimliches homoerotisches Verhältnis vermuten könnte, wenn es Papa nicht mit seinen lebensklugen Kommentaren gebe. Nach dem Sturm ist nicht alles wie vor dem Sturm. Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den gelehrten deutschen Passagieren und der Schiffsleitung verdichten sich so sehr, dass selbst Kapitän Reckling viele private Geheimnisse über sein Leben offenbart, so dass ihm der gerührte Ioannis gesteht, dass Herr Reckling wohl die Freiheit über alles liebe. Spätestens an dieser Stelle des Romans ist der Leser endgültig davon überzeugt, dass er mit den Bekenntnissen eines überreifen Heranwachsenden vertraut gemacht wird. Denn er wird mit so vielen doppelten und dreifachen Reflexionen aus dem intimen Tagebuch, den Aufzeichnungen seines Vaters (die der Autor nach seinen Angaben unmittelbar während der Reise geschrieben hat) und sogar den euphorischen Postkarten an die Mama konfrontiert, dass er manchmal ganz den Überblick über den Reiseverlauf und die vielen lebensklugen Einsichten der handelnden Personen verliert. Erst als die Albireo und Odysseus die schwersten Stürme überstanden haben, gibt er sich ganz erleichtert der Erzählung über die griechischen Landgänge in Patros und Athen hin. Denn nun beginnt das griechische Liebesabenteuer mit der schönen Delia. Stürmisch, unbekümmert (selbst nach Papas anfänglicher Skepsis), leidenschaftlich und offenmütig – so schildert Ioannis seine erotischen Erlebnisse. Allerdings mit der Einsicht, dass er noch nicht reif für die große Liebe sei. Eine Erkenntnis, die der Autor Ortheil in den beiden Erzählpassagen Sex 1 und Sex 2 (vgl. S. 471 -473) ebenso wie die zahlreichen Passagen aus den Reisebüchern über Athen augenscheinlich zu einem späteren Zeitpunkt eingefügt hat. Delias Liebe und Hinneigung zu Ioannis wird als Ausdruck eines emanzipatorischen Handelns der beiden jugendlichen Protagonisten geschildert. Rund fünfzig Jahre nach der Tagebuch-Aufzeichnung könnte der Leser in dem ungestümen Verlangen von Delia gegenüber „ihrem“ Ioannis eine indirekte Andeutung einer anzustrebende Aussöhnung zwischen Griechen und Deutschen erkennen. Eine Vermutung, die sich die durch die Tagebuch-Aufzeichnung von Ioannis am Schauplatz Athen erhärten lässt. Delia bringt dorthin ihre engste Verwandtschaft mit, um „ihrem“ Ioannis zu signalisieren, wie freundschaftlich die Beziehungen zwischen Griechen und Deutschen sind. Eine so herzliche Begegnung überrascht auch den Rezensenten, der zu bedenken gibt, dass die Nazi-Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs in der griechischen Öffentlichkeit immer wieder der Gegenstand von Wut, Empörung und sogar Vergeltung waren und bis in die jüngste Gegenwart öffentlich diskutiert werden. Insofern ist es bedauerlich, dass die langen Romanpassagen über Athen und seine antiken Schätze keine Verweise über die Kriegsverbrechen der Deutschen enthalten, sondern sich – neben fachlichen Kommentaren – in harmonischen Schilderungen über griechisch-deutsche Freundschaft ergehen.

Zweifellos erweisen sich diese abschließenden Kapitel über Athen und Istanbul (23.-30. Juli 1967) als außergewöhnlich dicht in der Vermittlung von sinnlicher Wahrnehmung, während manche der vorausgehenden Kapitel über die Seereise von nicht wenigen klugschwätzerischen Dialogen beherrscht werden. Es sind Erzählverfahren, die aber auch die ironische Distanz zum Erzählten nicht ausschließen, wovon der überreife Erzähler in seinen zahlreichen, in Klammern notierten Ergänzungen ausgiebig Gebrauch macht. Viel spannender noch ist der Gebrauch der verschiedenen narrativen Verfahren, die so manche subjektiv aufgeladene Aussage des Erzählers in Frage stellen, aber auch mit Fakten versehen, die dem Erzählten eine authentische Qualität verleihen. Das betrifft unter anderen wesentliche Geschehnisse aus der Kindheit des Autors. Sie betreffen seine Stummheit in der frühen Kindheit und seine überaus hoch entwickelte Musikalität in der Form einer Pianistenlaufbahn indirekt und direkt in den Roman einfließen. Insofern verweist der Tagebuch-Roman auch auf wesentliche Passagen aus Hanns-Josef Ortheils Roman Die Erfindung des Lebens aus dem Jahr 2010. Sie verweisen auf eine Ich-zentrierte Erzählweise, die in der vorliegenden Mittelmeerreise vielschichtig hinterfragt werden und den erzählten Topoi eine hohe Plastizität vermitteln, sehr zur Freude des Lesers und manchmal auch zu dessen Verdruß, weil ihm die ständigen superklugen Kommentare von Papa, ungeachtet ihrer sarkastischen Konnotationen ein wenig „auf den Docht“ gehen.

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