Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945-1955

Schwarzmarkt, Zigaretten als Währung, trister Alltag, Ausgebombte, Verschleppte und Flüchtlinge

Bild von Michal Jarmoluk auf Pixabay. Freie kommerzielle Nutzung.

Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945-1955, Rowohlt, Berlin 2019, ISBN: 978-3-7371-0013.7, 26 EURO (D)

Harald Jähner befasst sich in diesem Buch mit der Mentalitätsgeschichte der Deutschen nach dem Ende der NS-Zeit bis zum Jahre 1955. Das Buch gewann den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse. 

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes und dem Ende des 2. Weltkrieges standen die Deutschen vor dem selbstverschuldeten Scherbenhaufen ihrer Existenz. Das Grauen des Holocausts warf einen langen Schatten auf die Gegenwart, die Befreiung vom Nationalsozialismus kam von außen.

Fragen danach ließen wohl das Nachkriegselend vieler Deutscher nicht zu oder man wollte es nicht wissen. Das Nachkriegsjahrzehnt mit Armut, Trauer und Wiederaufbau nennt Jähner „Wolfszeit“: ‚Da, wo die Ordnung aufhört, fängt das Reich des Wolfes an‘, hieß es, der für die gesamte Gesellschaft kein Interesse aufbrachte, keine Leidenschaft aufbrachte, sondern nur für sich und sein Rudel.“

Er berichtet von Schwarzmarkthändlern, dem Klauen von Kohle, Zigaretten als Währung aber auch von Ausgebombten, Verschleppten und Flüchtlingen aus dem Osten, deren manchmal schwieriges Verhältnis zur autochthonen Mehrheit und dem tristen Alltag der Menschen. 

Dies ist für ihn aber nur eine Seite der Medaille. Gleichzeitig erzählt er über die neue erwachte Lebenslust nach den Entbehrungen des Krieges vor allem in den Städten: Die schnelle Wiedererrichtung des kulturellen Lebens und Ablenkungen vom tristen Alltag inmitten von Trümmerfeldern. Oder auch vom langsamen Aufkommen von Erotikläden, die auf eine spießige Sexualmoral traf. Oder auch vom Charme der US-amerikanischen Soldaten und Befreier mit großer Wirkung auf die deutsche Damenwelt. Aber auch von Übergriffen sowjetischer Soldaten an einheimischen Frauen, was allerdings auch für andere Soldaten der Alliierten galt. 

Jähner übt mit Recht Kritik an der Betrachtung der sogenannten „Stunde Null“. Die sich oft widersprechenden subjektiven Erfahrungen der Deutschen in Ost- und West spiegeln dieses Jahrzehnt der Gegensätze gut wider. Das Spannungsfeld zwischen Elend, Besatzung, verlorenem Krieg und persönliche Schuld im Nationalsozialismus und aufkeimender Lebensfreude macht das Besondere dieses Buches aus. Allerdings hätte das Scheitern der Entnazifizierung und die alten Seilschaften der NS-Führungspersönlichkeiten in der BRD eine stärkere Gewichtung verdient.

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Michael Lausberg
Über Michael Lausberg 372 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.