Christina Morina zählt zu den renommiertesten Demokratieforschern Deutschlands. Die 50jährige ist seit 2019 Professorin für Geschichte an der Universität Bielefeld. Sie hat zwei Bestseller über die Entwicklung der Demokratie in Deutschland und in Amerika geschrieben. Am 10. September 2024 war im Deutschen Bundestag eine Feierstunde zum 75. Jahrestag der ersten konstituierenden Sitzung des Deutschen Bundestags. Es ist sicherlich kein Zufall, dass gerade Christina Morina eingeladen wurde, zu diesem Anlass eine Rede zu halten. Sie betonte dabei die große Relevanz des Parlaments für die Demokratie und legte eine Analyse zur aktuellen Situation des Parlamentarismus vor. Dabei akzentuierte sie die schwache Zustimmung zu traditionellen Parteien und den steigenden Einfluss rechts- wie linkspopulistischer und völkisch-nationalistischer Bewegungen. Diese vertreten einen „unverhohlenen Antiparlamentarismus“, der demokratiegefährdend sei.
Kürzlich veröffentlichte die Wochenzeitung „Die Zeit“ ein ausführliches Dossier mit dem Titel „Die neuen Vordenkerinnen“. Untertitel: „Nach dem Abschied von großen Welterklärern wie Jürgen Habermas drängen jetzt intellektuelle Frauen nach vorn. Wofür stehen sie – und wie verändern sie die Gesellschaft?“. In ihrem Beitrag „Alles ist plötzlich hell erleuchtet“ gibt Elisabeth von Thadden einen Überblick über die profiliertesten Denkerinnen Deutschlands in der Gegenwart. Unter den Geisteswissenschaftlerinnen hebt sie lobend Christina Morina hervor (Thadden 2026).
Kurzporträt der akademischen Karriere
Christina Morina wurde am 8. Januar 1976 in Frankfurt an der Oder geboren. Sie studierte Geschichte, Politikwissenschaften und Journalistik an den Universitäten Leipzig sowie der Ohio University und der University of Maryland. Von 2008 bis 2015 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Jena. Vier Jahre lang war sie Visiting Assistant Professor an der Universität Amsterdam. 2016 erfolgte ihre Habilitation an der Universität Jena mit einer Studie über den Marxismus. Seit 2019 ist sie ordentliche Universitätsprofessorin für Allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld.
„Tausend Aufbrüche“ (2023) – die Demokratie-Entwicklung in Deutschland nach 1980
Ihr Interesse für Erinnerungskultur im Nachkriegsdeutschland und für das Demokratieverständnis der Bevölkerung in beiden Teilen Deutschlands inspirierte Christina Morina zu einer groß angelegten und umfassenden Studie über die Demokratie-Entwicklung sowohl vor als auch nach der politischen Zäsur durch den Mauerfall im Jahr 1989. Damals war sie 13 Jahre alt und lebte in ihrer Heimatstadt Frankfurt an der Oder. In ihrem späteren Studium in Leipzig (1995 bis 2000) erlebte sie hautnah den politischen Umbruch und den Wandel der Gesellschaft und der Politik mit. Sie durchlebte selbst die „tausend Aufbrüche“, die später ihrem Buch den Titel gaben. In ihrer Studie wertete sie Dokumente aus den Archiven sowohl der DDR als auch der BRD der Jahrzehnte vor und nach 1989 aus. In der DDR waren es Briefe, Eingaben, Ausreiseanträge und sonstige Bürgerpost an die Staats- und Parteiführung, Ministerien und Medien der DDR. Aus der BRD waren es Briefe von Bürgern an die Bundespräsidenten dieser Zeit, Karl Carstens und Richard von Weizsäcker. Hinzu kamen themenbezogene Petitionen, Flugblätter und Unterschriftensammlungen zu Bürgeranträgen. Aus diesem umfangreichen Quellenmaterial analysierte Morina das Demokratieverständnis in beiden Staaten Deutschlands. Der Umbruch nach dem Mauerfall 1989 war wie ein „demokratisches Laboratorium“ und „ein erstaunlich grenzenloses, vielstimmiges innerdeutsches Geschehen“. Morina sieht ihr Werk als eine „politische Kulturgeschichte von unten“. Für sie ist Demokratie kein Zustand, sondern ein komplexer Prozess – „ein Sammelsurium veränderlicher Ideale“ und eine „gelebte, gestalt- und streitbare Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens“. Demokratie ist kein Status, ist nicht statisch, sondern ein sehr dynamischer Entwicklungsprozess. Spannend ist es natürlich, die Unterschiede im Demokratieverständnis herauszuarbeiten. Das ist nicht einfach, weil Morina keine quantifizierbaren Daten vorlegt. Sie hat vielmehr einen qualitativen Forschungsansatz auf der phänomenologisch-deskriptiven Ebene. Der Leser muss sich aus der Materialfülle die qualitativen Unterschiede im Demokratieverständnis von BRD und DDR selbst erschließen. Es ist wie mit einem Gedicht, das man lesen oder hören muss, um es zu verstehen. Christina Morina geht es in ihrem Forschungsansatz um das Verstehen, nicht um Quantifizierung, Objektivierung und Repräsentativität.
Im fünften und letzten Kapitel ihres Buches geht es um die politischen Hintergründe für den Aufstieg der „Alternative für Deutschland“ (AfD) in den neuen Bundesländern. Hierzu stellt Morina folgende Grundsatzfrage, die die Debatte gut auf den Punkt bringt: „Wie konnte aus der demokratischen Mobilisierung einer sich selbst befreienden Gesellschaft der Nährboden für eine antidemokratische Revolte entstehen?“ Die Autorin betont dabei, dass der Aufstieg der AfD ein gesamtdeutsches Problem sei und dass es auch in Westdeutschland zahlreiche AfD-Hochburgen gebe. Sie plädierte deshalb für Differenzierung statt Simplifizierung. Diese Ausführungen haben große Aktualität, insbesondere angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern im Herbst 2026.
Christina Morina zieht in ihrem Buch das Fazit, dass es bis heute nicht gelungen sei, „Ostdeutschland und damit die ostdeutsche Diktatur- und Demokratiegeschichte auf angemessene Weise in das politische Koordinatensystem der Bundesrepublik zu integrieren.“ (Morina 2023, Seite 279).
Das im Jahr 2023 erschienene Buch von Christina Morina erhielt in der historischen und politikwissenschaftlichen Fachwelt exzellente Rezensionen. Die Krönung war dann die Verleihung des Deutschen Sachbuchpreises bei der Leipziger Buchmesse im Jahr 2024. Im September dieses Jahres war der 75. Jahrestag der ersten konstituierenden Sitzung des Deutschen Bundestages. Für die Feierstunde wurde eine kompetente und würdige deutsche Historikerin als Rednerin gesucht. Die Wahl fiel auf Christina Morina.
„Das amerikanische Beben“ (2026)
Christina Morina war im Jahr 2024/2025 als Gastprofessorin in New York. Dort erlebte sie die Wiederwahl von Donald Trump, die viele Demokraten schockierte. Denn Trump machte in seinem Wahlkampf keinen Hehl daraus, dass die Zerstörung der Demokratie eines seiner Ziele sei und dass er am liebsten als Tyrann agieren möchte. Morina lehrte in dieser Zeit als Heuss-Gastprofessorin an der New School for Social Research in New York. Sie erlebte unmittelbar die Bedrohung, die an den Universitäten spürbar war. Ihre Gespräche mit Professorenkollegen, Studenten und Universitätsangestellten vermittelten ihr die Angst der Betroffenen, denn Trump hatte angekündigt, das bisherige Bildungssystem und die Universitäten zu zerstören oder zumindest ihren Einfluss erheblich zu verringern. In der Zeit zwischen der Wiederwahl und der Vereidigung Trumps war sie ja in New York und schrieb in dieser Zeit einen Aufsatz mit dem Titel: „Das wirkliche Amerika! Beobachtungen aus einem abgründigen Land“ (Morina 2025). Darin beschrieb sie, dass sie sich wie jemand fühlt, der in einem Zug sitzt, der mit rasender Geschwindigkeit auf ein schwarzes Loch zufährt.“ Amerika charakterisierte sie sinnbildlich als ein „boden- und ankerloses Schiff“. Sie selbst schwankte zwischen Zuversicht und Verzweiflung.
Ihre Erlebnisse in der New Yorker New School for Social Research fasste sie zu einem Erfahrungsbericht mit historisch-politischer Analyse zusammen. Im Frühjahr 2026 war dieses Buch fertig und ist bereits im Mai 2026 im Siedler-Verlag erschienen. Christina Morina betont die Gefahr, dass auch traditionsreiche Demokratien wie jene der USA „in den autoritären Abgrund rutschen können“. Trump habe sehr geschickt Vorbereitungen getroffen, die seine Macht vergrößern, z.B. die Besetzung des Supreme Courts mit loyalen Gefolgsleuten oder die Umgehung des Parlaments durch eine Flut von Dekreten. Morina sieht die Funktionsweise des deutschen Parlamentarismus besser geschützt vor totalitärer Entgleisung als dies in der USA der Fall ist.
Christina Morina auf den Spuren von Hannah Arendt
Vordergründig gibt es zwei biografische Berührungspunkte von Christina Morina und Hannah Arendt. Der Todestag der letzteren und der Tag der Geburt von Christina Morina liegen eng beieinander. Es liegt gerade ein Monat zwischen beiden Ereignissen. Hannah Arendt starb im Dezember 1975, Christina Morina wurde im Januar 1976 geboren.
Bedeutsamer ist die weltbekannte New School for Social Research in New York, an der beide als Professorinnen wirkten. Hannah Arendt war dort von 1967 bis 1975 Professorin. Genau 50 Jahre später war Christina Morina an dieser Universität und vertrat dort die Heuss-Gastprofessur für Geschichte. Beide beschäftigten sich während ihrer Zeit an der New School for Social Research damit, wie Demokratie funktioniert, was sie fördert oder festigt und was sie gefährdet oder zerstört. Zugespitzt war das Forschungsvorhaben: Wie überleben Demokratien und woran sterben sie?
Im neuen Buch „Das amerikanische Beben“ (2026) von Christina Morina wird diese existenzielle Frage hervorragend in der aktuellen Brisanz analysiert und der bedrohliche „Demokratiezerstörer“ Donald Trump decouvriert. Die Analyse von Christina Morina knüpft an die Totalitarismus-Studien von Hannah Arendt an. Im Jahr 1951 erschien in New York ihr Buch „The Origins of Totalitarianism“, das vier Jahre später in deutscher Sprache mit dem Titel „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ publiziert wurde. Nun hat Morina fast 75 Jahre später ebenfalls in New York beschrieben, wie heute in Amerika durch Donald Trump und seine MAGA-Bewegung eine totale Herrschaft inszeniert wird.
Literatur
Morina, Christina, Tausend Aufbrüche. Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er-Jahren. Siedler-Verlag, München 2023
Morina, Christina, Rede im Deutschen Bundestag zum 75. Jahrestag der ersten konstituierenden Sitzung des Deutschen Bundestages am 10. September 2024. Stenografischer Dienst des Deutschen Bundestages. Texte 2021 – 2026.
Morina, Christina, „Das wirkliche Amerika!“ Beobachtungen aus einem abgründigen Land. Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 1/2 – 2025
Morina, Christina, Das amerikanische Beben. Erfahrungen und Konsequenzen für die deutsche Demokratie. Siedler-Verlag, München 2026
Thadden von, Elisabeth, Alles ist plötzlich hell erleuchtet. Nun hat die Zeit nach Habermas begonnen. Und man sieht: Da sind längst überall Frauen. Die Zeit Nr. 33 vom 30. Juli 2026, Seite 36
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