Der Mensch in der Revolte. Albert Camus als Protagonist der modernen Protestbewegungen.

Sackgasse, Foto: Stefan Groß

Albert Camus ist wohl der meistgelesene und beliebteste französische Autor des 20. Jahrhunderts. Nach Angaben seines Pariser Verlages Gallimard wurden von seinen Werken auf Französisch etwa 22 Millionen Exemplare verkauft. Dabei stand der Roman „Der Fremde“ an der Spitze mit etwa acht Millionen Exemplaren. An zweiter Stelle rangierte der Roman „Die Pest“ mit etwa vier Millionen Exemplaren (Mark Zitzmann 2013). Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers im Jahr 2013 wurden 61 Fachpublikationen über das Leben und Werk von Albert Camus veröffentlicht. Die Aktualität des Werkes von Albert Camus begründet der Camus-Experte Jeanyves Guérin wie folgt: „Sein Werk hilft Lesern von gestern und heute, über Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie nachzudenken.“ Insofern ist Albert Camus ein sehr politischer Schriftsteller. Sein Gesamtwerk lässt sich in drei Schaffensperioden oder Werk-Zyklen einteilen: 1. das Absurde, 2. die Revolte, 3. Nemesis (Iris Radisch 2013, Herbert Csef 2014). Sein Werk „Der Mensch in der Revolte“ ist im Jahr 1951 im Verlag Gallimard auf Französisch erschienen. In deutscher Sprache erschien es im Jahr 1953 im Rowohlt-Verlag.  Es ist das Kernstück des zweiten Werkzyklus und ist bis heute eine geistige Inspiration für Protestbewegungen.

„Der Mensch in der Revolte“ als Inspirationsquelle für zahlreiche Protestbewegungen im 21. Jahrhundert

Dass Albert Camus als gebürtiger Algerier bei den Protestbewegungen im „Arabischen Frühling“ eine große Rolle spielte, scheint selbstverständlich. Die revolutionären Aufbruchsbewegungen in Ägypten, Tunesien oder Algerien bedienten sich gerne bei Albert Camus als einem glaubwürdigen Zeitzeugen. Weit beachtet wurde er durch die Verbreitung seiner Bücher bei sog. Lese-Protesten. Genau im Jubiläumsjahr des 100. Geburtstags von Albert Camus ging ein Bild einer jungen Frau um die ganze Welt, die auf dem Taksim-Platz in Istanbul das Werk „Mythos des Sisyphos“ von Albert Camus las. Dieser Lese-Protest ging in die Geschichte der Protestbewegungen als „Taksim Square Book Club“ ein und ging über viele Monate. Die protestierenden Menschen standen schweigend auf dem Taksim-Platz und lasen ein Buch, hielten es ab und zu in laufende Kameras. Das am häufigsten gezeigte Buch war jenes von Albert Camus „Der Mythos des Sisyphos“. Ähnliche Lese-Proteste gab es auf dem Maidan-Platz in Kiew und in Bulgarien. Der international renommierte bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov stellte diese Protestbewegungen in den Mittelpunkt seiner Poetikvorlesung an der Berliner Humboldt-Universität im Jahr 2015. Gospodinov wurde in Berlin mit der Siegfried Unseld-Professur ausgezeichnet. In seiner Poetikvorlesung würdigte er die große Bedeutung des Buches für diese Protestbewegungen: „Wie von selbst geriet das Buch zum Zeichen, zur Parole des Widerstands.“  Der Camus-Experte Jeanyves Guérin fasste die Schlüsselrolle von Albert Camus für moderne Protestbewegungen wie folgt zusammen:

„Der arabische Frühling hat sehr stark dazu beigetragen, dass Camus heute eine wichtige Rolle spielt in der intellektuellen Landschaft des Maghreb, in Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten. Es ist kein Zufall, dass dort vor allem die jungen Leute „Die Pest“ lesen, den demokratischen Roman par excellence. „Die Pest“ als Allegorie der demokratischen Revolte gegen ein Unterdrücker-Regime: Die Pest, das waren der Nationalsozialismus und er Stalinismus, heute sind es Diktatur und Islamismus. Das Werk von Camus ist in einer Weise präsent, wie es vor 30 Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Und Camus ist zweifellos ein Inspirator der Revolten.“ (Jeanyves Guérin, zit n. Kathrin Hondl 2013)

„Je me revolte, donc nous sommes“ – „Ich protestiere, also sind wir“

Ein Plädoyer für Solidarität und Gewaltfreiheit in der Revolte

Albert Camus war in den Jahren zwischen 1942 und 1945 Mitglied in der französischen Resistance-Bewegung, die im Untergrund gegen die deutsche Besatzungsmacht agierte. Die Frage, inwieweit Gewalt, Mord oder Terror durch kollektiv „sinnvolle“ Ziele legitimiert werden können, beschäftigte Camus in dieser Zeit besonders. Im Gegensatz zu seinem Widersacher Jean-Paul Sartre lehnte Camus jegliche Form von Gewalt ab. Für ihn bedeutete Revolte einen gewaltfreien Widerstand gegen totalitäre Strukturen oder Gesellschaftsentwürfe, die Menschenopfer mit sich brachten. Die Revolte war für Camus eine tägliche Aufgabe, die die Menschen zusammenbringen sollte zu gemeinsamen humanistischen Zielen (Modehn 2013). Seine Vorstellung von Revolte basierte auf den humanen Grundwerten der Empathie und der Solidarität.   

Werke von Albert Camus:

Camus, Albert, Der Mythos des Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Rauch, Bad Salzig/Düsseldorf 1950

Camus, Albert, Die Pest. Abendlandverlag, Innsbruck 1948

Camus, Albert, Der Mensch in der Revolte. Rowohlt, Hamburg 1953

Zitierte Literatur:

Csef Herbert, Sinnorientierte Lebensentwürfe bei Albert Camus. Ein Brückenschlag zwischen Existenzphilosophie und Psychotherapie. Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik, 10, Ausgabe 1, 2014, S. 1-8

Gospodinov Georgi, Ein Europa aus Empathie. DIE WELT vom 25.7.2015

Hondl Kathrin, Albert Camus und die Revolte. Südwestrundfunk, Manuskriptdienst. Sendung vom 7.11.2013

Modehn Christian, „Mensch bin ich in der Revolte“: Zur Aktualität von Albert Camus. Religionsphilosophischer Salon vom 19.10.2013

Radisch Iris, Camus: Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie, Rowohlt, Reinbek 2013

Zitzmann Marc, Vertrauter Fremder. Neue Züricher Zeitung vom 15.11.2013

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. H. Csef        

Schwerpunktleiter Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Zentrum für Innere Medizin

Medizinische Klinik und Poliklinik II

Oberdürrbacher Straße 6

97080 Würzburg

E-Mail-Adresse: Csef_H@ukw.de

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Über Herbert Csef 32 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.