Mit der 1959 staatlich verordneten Literaturbewegung „Bitterfelder Weg“ sollte die „Aufbruchsstimmung“ im SED-Staat, zehn Jahre nach DDR-Gründung 1949, neuen Schwung bekommen. Die Schriftsteller gingen, wie erwartet, auf Baustellen, auf Schiffswerften und in Industriebetriebe, fanden dort aber eine Wirklichkeit vor, die sie überhaupt nicht kannten. Die Arbeiter als angeblich „herrschende Klasse“ waren keineswegs die unerbittlichen Wegbereiter und Verfechter des sozialistischen Aufbaus, sondern seine schärfsten Kritiker.
Der Schriftsteller Erik Neutsch (1931-2013) aus Schönebeck an der Elbe war der Hauptautor des „literarischen Aufbruchs“ und legte fristgerecht zur zweiten „Bitterfelder Konferenz“ 1964 seinen Roman „Spur der Steine“ (733 Seiten) vor, der ihm hohe Resonanz bei den Lesern (500 000 Exemplare in 34 Auflagen) und den Nationalpreis einbrachte. Der nach der Romanvorlage gedrehte Film (1966) wurde nach drei Tagen verboten und blieb es bis zum Mauerfall 1989.
Der konfliktreiche Roman, der auf einer Baustelle spielt, endet damit, dass der anarchistisch gesinnte Hannes Balla, Leiter einer Zimmermannsbrigade, sozialistisch gezähmt wird und in die Partei eintritt, während Werner Horrath, der neue SED-Sekretär auf der Baustelle, der Frau und Kind in Rostock hat, die junge Bauingenieurin Katrin Klee schwängert und das Liebesverhältnis vor einem Parteigremium leugnet. Katrin Klee verlässt, von Lüge und Heuchelei angewidert, die Baustelle und fragt Hannes Balla, auf ihr Herz deutend: „Aber hier drinnen? Wie sieht der Kommunismus hier drinnen aus?“
Der 1965 geborene Gunnar Decker ist ein erfolgreicher Buchautor und kenntnisreicher Aufarbeiter von DDR-Geschichte. Unter den vier Dichterbiografien, die er geschrieben hat, ist eine Franz Fühmann (2009) gewidmet, die den Untertitel trägt „Die Kunst des Scheiterns“. Ein solches Fazit möchte er in seinem Buch über Erik Neutsch nicht ziehen, wiewohl sich Anhaltspunkte geboten hätten. In seiner in 48 Kurzkapitel gegliederten Monografie bietet er erstaunliche Einblicke in das Leben und Wirken eines „Parteischriftstellers“ (Selbsteinschätzung), der 1945/46 neun Monate von der Besatzungsmacht eingesperrt war, der 1950 als einziges Arbeiterkind unter bürgerlichen Mitschülern das Abitur ablegte, der in Leipzig Journalistik studierte und der schließlich 1953 bei Hans Mayer seine Diplomarbeit schrieb. Bis 1960 arbeitete er dann als Redakteur der SED-Bezirkszeitung „Freiheit“ in Halle, bat um Urlaub, verließ den Journalismus und begann, literarische Texte zu schreiben, wobei sein väterlicher Freund Horst Sindermann (1915-1990), der 1963/71 Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle war, acht Jahre und länger seine schützende Hand über ihn gehalten hat. Er wusste, dass die Demonstrationen im Herbst 1989 eine Revolution waren und erklärte 1990 hellsichtig: „Wir sind vom Volk davongejagt worden.“
Nicht alles, was Erik Neutsch schrieb, fand Zustimmung bei Staat und Partei. Sein Roman „Auf der Suche nach Gatt“ (1973) konnte erst zwei Jahre nach der Absetzung Walter Ulbrichts 1971 erscheinen. Es ist die Lebensgeschichte eines Bergmanns, der zum Journalismus wechselt. In einer Rezension hieß es 1974, es ginge „um das Schicksal eines in der sozialistischen Gesellschaft gescheiterten Menschen.“
Was Gunnar Decker seinen Lesern noch bietet, sind erhellende Ausblicke auf andere DDR-Autoren, die, weil sie verbotene Themen aufgriffen, Aufklärung leisteten über den Zustand der DDR-Gesellschaft. Genannt werden Werner Heiduczek (1926-2019) mit seinem Roman „Tod am Meer“ (1977) und Werner Bräunig (1934-1976) mit seinem Roman „Rummelplatz“ (2007). Heiduczek hatte von Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Rotarmisten 1945 geschrieben, sein Roman wurde nach Einspruch des Sowjetbotschafters Pjotr Abrassimow verboten. Bräunigs Wismut-Roman, nach dem Vorabdruck eines Kapitels heftigst kritisiert, wurde zu DDR-Zeiten nie gedruckt. Der Autor fing an zu trinken und starb daran mit 41 Jahren. Bei Neutsch lief das etwas anders: Er ging auf die mit staatlicher Gewalt betriebene Kollektivierung der Landwirtschaft ein und beschrieb drastisch das Schicksal der Eltern Hannes Ballas, die Einzelbauern waren. Dass diese Passagen nicht beanstandet wurden, lag offensichtlich daran, dass der Autor die Errichtung landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften für richtig und zwingend notwendig erachtete.
Die letzten Prosatexte Erik Neutschs erschienen 2003, zehn Jahre vor seinem Tod am 20. August 2013: Der Roman „Nach dem großen Aufstand“ über den Maler Mathias Grünewald (1480-1528), der im elsässischen Colmar den „Isenheimer Altar“ (1512/16) geschaffen hat, und die autobiografische Erzählung „Verdämmerung“ über den Krebstod seiner Frau Helga 1996, was er mit dem Untergang seines sozialistischen Staates seit 1989/90 verknüpft hat.
Gunnar Decker „Erik Neutsch. Der letzte Jakobiner“, Verlag Neues Leben“, Berlin 2026, 280 Seiten, 24.00 Euro
