Klotz am Bein – Rossinis „Semiramide“ in München: Stimmenglanz in Absurdistan

Rossinis „Semiramide“ in München, Foto: Hans Gärtner

Rossini musste es mal wieder sein. Und zwar der ernste Rossini. Um den Münchnern den Zahn zu ziehen, Rossini sei nix als zuckrige „Cenerentola“ und frischfröhlicher „Barbiere“. Vor Jahren hatte München mal einen herrlichen Seria-Rossini: „Mosé“. Aber „Semiramide“ – seit fast 200 Jahren nicht mehr. Als die Gruberova mal konzertant mit der mörderischen Partie der babylonischen Herrscherin an der Isar gastierte, dachte man kaum über den mythischen Inhalt des 1823 in Venedig ur- und im Jahr darauf in München erstaufgeführten „Melodramma tragico in 2 Akten“ nach. Alle Aufmerksamkeit gehörte der mühelosen Koloratur-Bewältigung – wie schafft die Belcantistin, was Gioacchino Rossini einst seiner Gattin Isabella Colbran in angeblich gar nicht mehr so geläufige Gurgel geschrieben hatte?

Keine Frage: Joyce DiDonato (Foto) ist d i e Semiramide von 2017. Eine bessere gibt`s weit und breit nicht. Eine, die die Verruchtheit der eiskalten Giftmischerin abgefeimter darstellen kann als sie, die als Background-Sängerin bei Billy Joel anfing und seit ihrer Verkörperung der „schlechtesten Sängerin der Welt“ (Film: „Die Florence Foster Jenkins Story“) sogar in aller Cineasten-Munde ist. 1969 in Kansas geboren, ist die grandiose Bühnenerscheinung mit dem optimistischen Vornamen Joyce heute als weltweit gestylte First Lady des dunklen Ziergesangs nicht vom Thron zu stürzen. Ihr, der perfekten Könnerin, ist es zu verdanken, dass sie ihr Rollen-Debüt als Semiramide in München geben kann – man munkelt, dass ohne DiDonato an „Semiramide“ in der BSO-Chefetage nicht gedacht wurde.

Gut so – wenigstens ein Zugpferd muss her, um den Betrieb „Opera Seria“ am Kochen zu halten. Mit DiDonatos Widersachern und Mitstreitern auf Münchens Nationaltheaterbühne aber hatte man, abgesehen von der Orchesterbrillanz, für die ein begeisterter Rossini- und begnadeter Sängerversteher am Pult sorgte, ein weiteres Mal Riesenglück: mit dem Arsace der glutvoll-virilen Daniela Barcellona, dem mit aller Bassbariton-Kraft gegen seine geringe Körpergröße ankämpfenden Assur des wendigen Alex Esposito und dem indischen Silber-Prinzen Idreno des tenoralen Leichtfußes Lawrence Brownlee. Das musikalische Entzücken machte allerdings der aus Pesaro geholte, mit allen Wassern des Rossini-Funkelns   gewaschene, von der Ohrwurm-Ouvertüre über heikelste Passagen von Arien und (terzenselig anrührenden) Duetten, leider statisch gebliebene Chor-Tableaus und eine peinliche Ballett-Einlage bis hin zum bitteren Ende eines unfreiwilligen Muttermordes geschmackvoll durchhaltende Michele Mariotti vollkommen. Der Mann ist ein Pultvirtuose der erfrischenden Art. Er und das Bayerische Staatsorchester bilden vier Stunden lang eine Einheit – in Spontaneität und Raffinesse.

In dieser Oper geht es um die zähe Aufarbeitung einer ungeheuren Schuld der Titelheldin (Beseitigung des Gatten mit Hilfe des machtgierigen Geliebten). Natürlich auch um verwickelte Liebesbeziehungen, die auf Missverständnissen beruhen. Erst im 2. Akt nimmt die holprige Handlung Tempo auf, nachdem Arsace als der seit 15 Jahren tot geglaubte Königs-Sohn entdeckt wurde. Dem Produktions-Team um den nach 11 Jahren wieder ans Haus geholten New Yorker Regisseur David Alden (Bühne: Paul Steinberg, Kostüme: Buki Shiff, Video: Robert Pflanz, Choreografie: Beate Vollack) gelang es nicht zu verhindern, dass diese Neuinszenierung den Münchnern ein Klotz am Bein bleiben wird. In ein unbestimmtes Absurdistan führt der dem Patzig-Pompösen verfallene Alden den schwer durchatmenden Zuschauer. Ihm wird, statt ihm die Geschichte ruhig, schlüssig und spannend zu erzählen, zu viel zugemutet: Baal-Riesen-Bonzen-Bronze (mit Feuer in der Armbeuge), rabenschwarz bemalte, weiße Turbane tragende Magier-Riege, Geisterstunde mit Sonnenbrillenträger-Opfer. Das alles in wuchtigen, verstellbaren holzgetäfelten Wandteilen mit kitschigen Family-Fotos und folkloristisch gemusterten Fenstervorhängen. Gelegentlich darf`s dann durchaus Nachvollziehbares und Verstehbares sein wie Neo-Barock-Liebeslotterbett und Hosenträger-Lässigkeit des Schurken, Schreibtischtäter-Diktatorisches und Gewalt-Propaganda-Pathos, das bis ins Lächerliche geht, aber sich nie ins Ironische vorwagt. Das hätte, vielleicht, das Klotzige dessen erträglich gemacht, was zu anzuschauen war.

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Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 329 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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