Lebt es sich auf fernen Planeten besser? Menschheitlicher, irdischer und extraterrestrischer Unlustüberschuss – und die Wechselseitigkeit der Hoffnung bei Eduard von Hartmann (1842–1906)

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Für den pessimistischen Philosophen Eduard von Hartmann steht fest, dass das Leben eine Plage ist, weil Verdruss und Schmerz stets Freude und Euphorie überwiegen. Wer dies bezweifelt, den bittet er etwa zum Reinkarnations-Test: Jede Person, die lange genug gelebt hat, würde es ablehnen, das Spiel des Lebens noch einmal durchzumachen. Und zwar würde ein Jeder dies sogar unter selbstentworfenen und beliebigen Bedingungen ablehnen (ausgenommen die Bedingungen seien diejenigen von Fantasiewelten). Das häufig zu vernehmende Ja zum Leben entspringt laut Hartmann einer Kombination aus einem nur schwer zu durchschauenden Naturinstinkt und einer uns eingeimpften Sozialnorm, wonach man stets bekunden müsse, dass es einem gut gehe.

In diesem Beitrag gilt es zu zeigen, wie Eduard von Hartmann seinen pessimistischen Blick auf die Menschheit nicht nur auf die empfindende Tierwelt ausdehnt, sondern überdies auf alle denkbaren außerirdischen Lebewesen. Das heißt: von Hartmann erweitert seine Weltsicht zunächst von einem menschheitlichen Pessimismus zu einem irdischen Pessimismus, der neben den Menschen auch die Tiere umfasst. Und schließlich dehnt er den irdischen Pessimismus zu einem extraterrestrischen Pessimismus aus. Lange bevor man sich im 20. Jahrhundert mit Hilfe von Radioteleskopen auf die Suche nach Signalen außerirdischer Intelligenz machte, hatte Eduard von Hartmann die extraterrestrischen Lebewesen bereits entdeckt. Sein einziges Instrument: naturwissenschaftlich basiertes Nachdenken. Neben anderem hinterließ von Hartmann uns die Aufgabe, extraterrestrischen Lebensformen nachzusinnen, bei denen Verdruss oder Schmerz nicht überwiegen.

Trügerische Waldesstille führt in den gesamt-irdischen Pessimismus

Ein Weg, den von Hartmann zur Desillusionierung beschreitet, ist der Gang in den Wald oder der Blick auf die spiegelnde Oberfläche eines Teiches. Auf der Suche nach Frieden und Entlastung von zwischenmenschlicher Kommunikation blicken wir fälschlicherweise dorthin, wo unablässig zahllose erbarmungslose zwischen-tierliche Auseinandersetzungen stattfinden:

„Mögen wir in den schweigenden Schatten des Waldes oder in den friedlich daliegenden Teich blicken, überall wütet der grausame Krieg aller gegen alle, und der scheinbare Frieden ist bloß ein ästhetischer Schein der oberflächlichen Betrachtung. Ob wir die Moosdecke an der Wurzel eines alten Baumes abheben oder den Wassertropfen unter das Mikroskop bringen, überall ist die geängstete Beute auf der Flucht vor den Verfolgern, überall fallen die Verfolger selbst wieder anderen ihnen auflauernden Feinden zur Beute, überall machen Schmarotzer dem Sieger das Leben sauer, überall sind die Mittel zur Ernährung geringer als der Bedarf.“ (Alle Zitate aus: E. v. Hartmann, Grundriss der Axiologie von 1908)

Nachdem von Hartmann den menschheitlichen Pessimismus auf diese Weise – seine näheren Ausführungen sind hiermit nur angedeutet – zum irdischen Pessimismus ausgeweitet hat, öffnet sich sein fragender Blick zum Außerirdischen:

„Können nicht auf anderen Planeten unseres Sonnensystems oder anderer Fixsterne oder in anderen Weltlinsen millionenmal mehr glückliche Geschöpfe wohnen als hier auf Erden elende? Dürfen wir also das Erdenleid zum Weltleid erweitern?“

Bemerkenswert ist hier allein schon die Blickweite von Hartmanns. Für extraterrestrische Lebewesen zieht er nicht nur die Planeten unseres Sonnensystems oder der Milchstraße in Betracht, sondern zudem andere „Weltlinsen“ (Galaxien). Auf die Entlarvung des trügerischen Blicks in den tiefen Wald oder auf die spiegelnde Oberfläche eines stillen Weihers folgt eine Desillusionierung des harmoniesuchenden und hoffnungsfrohen Blicks in den gestirnten Himmel. Sofern ein ferner Planet überhaupt bewohnt ist, werde er ein Jammertal wie die Erde sein und den Suchenden somit enttäuschen:

„Wenn der leidgequälte Mensch sehnsuchtsvoll und hoffend zu einem Stern aufblickt und in ihm eine bessere, friedensreiche, selige Welt ahnt, so ist das entweder ein Irrtum, wenn der Stern unbewohnt ist, oder eine Täuschung, wenn er von uns ähnlichen bewusstgeistigen Individuen bewohnt wird; eines von jenen schaut vielleicht ebenso sehnsuchtsvoll zu dem Stern empor, als der ihm unsere Erde erscheint, und träumt sich auf ihr eine bessere Welt zurecht. Solche Projektionen der eigenen glückverlangenden Wünsche in den Himmelsraum ähneln den ästhetischen Hineintragungen der menschlichen Friedenssehnsucht in den stillen Wald oder in den träumerisch daliegenden Weiher, in denen der grausamste Kampf ums Dasein wütet.“

Bemerkenswert ist hier die von Hartmann aufgedeckte Reziprozität des Blicks: Ihm zufolge dürfen wir unterstellen, dass die Harmoniewünsche, Friedenssehnsüchte und Hoffnungen, die wir in das Weltall hineinprojizieren immer schon an anderer Raum-Zeit-Stelle aus dem Weltall in unsere – unbekannte – Richtung projiziert werden. Unserer Suche nach einer besseren Welt entspreche das Verlangen anderer Welten nach uns, wobei die Kenntnis von uns – auf dem Boden des von Hartmann dargelegten menschheitlichen Pessimismus – bei außerirdischer Intelligenz nur zur Enttäuschung führen könnte.

Trost einer interplanetarischen Fortführung der Zivilisation auf jeweils höherer Stufenleiter?

Für von Hartmann gilt für die kulturelle Evolution auf der Erde, „dass auf eine Periode der Zunahme der Bewohnbarkeit später eine solche der Abnahme folgen muss, die unweigerlich aus äußeren Gründen auch den Kulturniedergang und schließlich das Aussterben der Menschheit nach sich ziehen muss. Demnach wäre das, was uns jetzt als Entwickelung erscheint, nur der aufsteigende Bahnast des Lebens der Erde dem später der absteigende folgt.“
 
Mit dieser Reflexion eröffnet er kurz die faszinierende Perspektive auf eine sich fortwährend höherschraubende Folge kultureller Fortschritte im Takt aufblühender und niedergehender Zivilisationen von Planet zu Planet. Wobei die Errungenschaften einer abtretenden planetarischen Zivilisation von einer antretenden planetarischen Zivilisation aufgegriffen würden. Der Kulturfortschritt würde jeweils auf andern Planeten weitergehen, „die inzwischen in den Zustand der Bewohnbarkeit eingetreten sind. Die Menschheit träte dann, wie jetzt der einzelne Mensch, vom Schauplatz ab, ohne die Aufgabe des Weltprozesses zu Ende geführt zu haben, und überließe die Fortsetzung des Werkes anderen Händen.“
Der Gedanke hinter dieser Reflexion: Was uns hier misslingt, wird vielleicht anderswo im Weltall fortgesetzt oder zu Ende gebracht. Hiergegen wendet Hartmann allerdings ernüchternd ein: „Wenn es den neuen Menschheiten auf andern Planeten dann aber ebenso erginge, dann wäre die Entwickelung Illusion, der Entwickelungswert der Welt gleich Null…“ (Man bemerke, dass Hartmann „Menschheit“ hier in de Plural setzt, dass er unser Humanum somit nicht biologisch auffasst.)
Spektralanalytischer Pessimismus

Die Grundlage für von Hartmanns extraterrestrischen Pessimismus ist durchaus wissenschaftlich zu nennen, sofern er sich auf Ergebnisse der Spektralanalyse und der Analyse von Meteoriten beruft: „Sowohl die Meteoritenfälle als auch die Spektralanalyse lehren uns, dass dieselben chemischen Elemente, die unsre Erde zusammensetzen, im ganzen Universum vertreten sind…“ Vor dem Hintergrund einer derartigen chemischen Homogenität, mutmaßt von Hartmann nicht ganz schlüssig, dürften auch extraterrestrische Lebewesen in ihrem Erlebens-Spektrum den irdischen ähneln, auch wenn ihre Baupläne von denen irdischer Lebewesen abweichen mögen:

„Die Lebewesen auf anderen Weltkörpern werden in dem Lustsaldo ihres Lebens immer denjenigen irdischen Lebewesen gleichzusetzen sein, denen sie in ihrer Organisationshöhe gleichen, wenn sie auch in der näheren Einrichtung ihrer Organisation behufs Anpassung an abweichende Umgebung größere oder geringere Abweichungen zeigen mögen. Protisten, Pflanzen, Weichtiere, Gliedertiere und Skelettiere anderer Himmelskörper werden den dortigen Lebensbedingungen grade so gut angepasst sein wie auf Erden den irdischen und werden deshalb auch ungefähr dieselben Abstände ihres negativen Lustsaldos vom Nullpunkte zeigen, nämlich so, dass dieser Abstand mit der Organisationshöhe wächst. Wo immer im Universum Lebewesen von annähernd gleicher Organisationshöhe und bewusstgeistiger Entwickelung wie die Menschen leben, werden sie auch ein annähernd gleiches Lustwägungsergebnis liefern. Wem sich aber irgendwo höher entwickelte Geschöpfe mit feinerer Empfindung und gesteigerter Intelligenz finden sollten, so würde sicherlich der Unlustüberschuss ihres Lebens durchschnittlich noch größer als der des menschlichen sein.“

Man hüte sich, Eduard von Hartmanns Projektion irdischer Organismen und Lebewesen in ferne Planeten naiv zu nennen. Die Erforschung außerirdischer Wesen steckte zu seinen Lebzeiten noch nicht einmal in den Kinderschuhen. Statt über seine Ausführungen zu schmunzeln, stelle man sich der von ihm hinterlassenen extraterrestrischen Aufgabe: Können wir vor dem Hintergrund unseres Wissens um die Evolution außerirdische Lebensformen so konzipieren, dass bei ihnen im Unterschied zu irdischen Lebensformen Leid oder Unlust keine wesentliche Rolle spielen?

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Über Karim Akerma 61 Artikel
Dr. Karim Akerma, 1965 in Hamburg geboren, dort Studium u.a. der Philosophie, 1988–1990 Stipendiat des Svenska Institutet und Gastforscher in Göteborg, Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Leipzig, Tätigkeit als Übersetzer aus dem Englischen, aus skandinavischen und romanischen Sprachen. Wichtigste Publikationen: „Verebben der Menschheit?“ (2000) sowie „Lebensende und Lebensbeginn“ (2006).