Museum Ludwig: 450.000 Besucher! Kusamas Punkte machen Köln zum Kunst-Magneten

Köln, Bridge, Europe, Quelle: JDPhotography, Pixabay. Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig.

Die Retrospektive von Yayoi Kusama im Museum Ludwig endet mit einem historischen Rekord. Hinter dem Selfie-Erfolg steht eine Künstlerin, deren Werk von Angst, Wiederholung und dem Wunsch nach Auflösung erzählt.

Köln hat in diesem Sommer erlebt, was geschieht, wenn Kunst zum Massenereignis wird. Mehr als 450.000 Menschen besuchten die große Retrospektive von Yayoi Kusama im Museum Ludwig. Damit übertraf die Schau den bisherigen Hausrekord der Edward-Hopper-Ausstellung von 2004 und 2005, die rund 380.000 Besucher angezogen hatte. Die Tagesschau meldete den Rekord, das Museum Ludwig dokumentiert Umfang und Stationen der Ausstellung.

Das Museum reagierte in den letzten Tagen mit verlängerten Öffnungszeiten. In zwei Nächten konnten Besucher bis 2 Uhr morgens durch die Räume gehen. Solche Bilder kennt man sonst von Konzerten, Fußballspielen oder der Veröffentlichung eines neuen Smartphones. Hier warteten die Menschen auf Kürbisse, Punkte, Spiegel und Räume, in denen die eigene Gestalt scheinbar in der Unendlichkeit verschwand. Die Ausstellung wurde damit selbst zu einem Ereignis, das den üblichen Museumsbesuch sprengte.

Mehr als ein Hintergrund für Fotos

Kusamas Kunst ist wie geschaffen für die Gegenwart der Smartphones. Ihre leuchtenden Muster, die verspiegelten „Infinity Rooms“ und die übergroßen Kürbisse lassen sich sofort erkennen und verbreiten. Doch der Erfolg wäre missverstanden, würde man ihn nur auf Instagram-Tauglichkeit reduzieren. Die Punkte sind nicht bloß Dekoration. Sie gehen auf frühe Halluzinationen und Zwangserfahrungen der Künstlerin zurück. Kusama beschrieb, wie Muster ihre Umwelt überzogen und die Grenzen zwischen Körper und Raum verschwanden. Aus einer Erfahrung der Bedrohung entwickelte sie eine unverwechselbare Formensprache.

Die Kölner Retrospektive zeigte rund 300 Werke, von frühen Zeichnungen bis zu späten Installationen. Dadurch wurde sichtbar, dass Kusama nicht erst mit den Spiegelräumen begann. Sie arbeitete mit Malerei, Skulptur, Performance, Film und Mode, lebte in den 1960er-Jahren in New York und bewegte sich im Umfeld der Avantgarde, ohne sich dauerhaft einer Gruppe unterzuordnen. Ihre Aktionen gegen Krieg und für sexuelle Befreiung gehörten ebenso zu ihrem Werk wie die akribisch gemalten Netze, deren Wiederholung zugleich Konzentration und Selbstauflösung bedeutet.

Der lange Weg zum Superstar

Dass Kusama heute zu den bekanntesten Künstlerinnen der Welt zählt, war keineswegs vorherbestimmt. Nach ihrer Rückkehr nach Japan 1973 geriet sie im westlichen Kunstbetrieb zeitweise aus dem Blick. Seit 1977 lebt sie freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Tokio und arbeitet in einem nahe gelegenen Atelier. Der internationale Durchbruch setzte spät ein. Erst große Museumsprojekte und die Wiederentdeckung ihrer frühen New Yorker Jahre machten aus der Außenseiterin eine globale Ikone.

Gerade dieser späte Ruhm erklärt einen Teil der Faszination. Kusama steht für eine Kunstgeschichte, in der eine Frau aus Japan nicht mehr als Randfigur der amerikanischen Nachkriegsavantgarde erscheint. Sie behauptete ihre Motive über Jahrzehnte, lange bevor der Markt sie liebte. Heute werden dieselben Punkte auf Taschen, Tassen und Luxusprodukten verkauft. Darin liegt ein Widerspruch, den die Ausstellung nicht auflösen konnte: Eine Kunst, die vom Verschwinden des Ichs spricht, ist zum Markenzeichen einer weltweit wiedererkennbaren Persönlichkeit geworden.

Was der Rekord über Museen verrät

Der Besucherrekord ist auch eine Nachricht über die Museen. Häuser, die um Aufmerksamkeit kämpfen, brauchen Namen und Bilder, die außerhalb des Feuilletons funktionieren. Kusama erfüllt diese Bedingung wie kaum jemand. Dennoch wäre es zu billig, den Erfolg als bloße Eventkultur abzutun. Viele der 450.000 Besucher betraten vielleicht zum ersten Mal seit Jahren ein Kunstmuseum. Sie kamen wegen der Spiegelräume und begegneten zugleich Zeichnungen, politischen Aktionen und einer Lebensgeschichte, die sich nicht auf ein spektakuläres Motiv reduzieren lässt.

Nach Köln zieht die Retrospektive nach Amsterdam weiter. Im Stedelijk Museum soll sie ab Mitte September zu sehen sein. Der Andrang dürfte dort kaum geringer werden. Kusamas Werk besitzt jene seltene Doppelwirkung, die Museen suchen: Es ist unmittelbar zugänglich und bleibt doch rätselhaft. Man kann sich in den Punkten fotografieren. Man kann in ihnen aber auch eine existentielle Frage erkennen: Was bleibt vom Einzelnen, wenn die Grenzen, die ihn sichern, sich auflösen?