München 1972: Ein Weltereignis des Sports – und des Terrors

Brauckmann / Schöllgen "München 72 – Ein deutscher Sommer"

Markus Brauckmann und Gregor Schöllgen, München 72 – ein deutscher Sommer, München 2022, Hardcover mit Schutzumschlag, 368 Seiten, 15,0 x 22,7 cm, 20 s/w Abbildungen, ISBN: 978-3-421-04875-2, 25 Euro.

 

Die XX. Olympischen Sommerspiele in München, die zweiten auf deutschem Boden, können als das erste Weltereignis in der Geschichte der Bundesrepublik gelten. Aus 122 Ländern kamen vor 50 Jahren die Athleten, um gemeinsam und vereint eine Art Weltjugend-Wandertag des Sports zu feiern, und sie wurden zu Betroffenen und Zeugen einer neuen Form des Terrors – so jedenfalls schildern es Markus Brauckmann und Gregor Schöllgen in einem wunderbaren, schwelgerischen Erzählband.

Zwei renommierte Autoren, ein renommierter Historiker und ein als Fernsehredakteur erfahrener Politiloge, haben sich zusammengetan. Ihr Buch ist chronologisch aufgebaut, zu lesen ist von einer Mixtur aus Mondlandung und Woodstock, aber eben in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit, von Einheimischen und internationaler Presse bestaunt und gefeiert. Natürlich stehen zuerst, der Reihe nach, zehn unbeschwerte Tage im Fokus, rund 200 Seiten unbeschwerten Vergnügens, wobei die Autoren manch heutzutage merkwürdig anmutende gesellschaftliche Realität der 1970er Jahre mit distanziertem, aber nicht unfreundlichem Interesse beschreiben. Doch dann wird es düster, drohend. Was am elften Tag der Spiele geschah, war ein Fingerzeig – bis hin zum 11. September 2001. Die Autoren benennen das nicht explizit, aber dem aufmerksamen Leser, der die Geschichte zu deuten weiß, bleibt es nicht verborgen. Auch der Untertitel des Werkes lässt eine dunkle Ahnung aufkommen: „ein deutscher Sommer“ – wer dächte nicht an den „deutschen Herbst“?

Nichts von der Düsternis ist auf dem Titelbild zu sehen – ein zärtlich aneinandergeschmiegtes Paar ist dort zu sehen, auf dem Olympiaberg, inmitten eines bunten Treibens voller Heiterkkeit. Liebe und Zuneigung auf einem Hügel, der gerade mal 25 Jahre zuvor aus den Hinterlassenschaften von Bombenkrieg und Diktatur aufgeschüttet worden war. Das Stadion unübersehbar im Blick. Fröhlich die Stimmung, leicht das Geschehen, sonnig jedes Gemüt. Brauckmann und Schöllgen beschreiben in den ersten Kapiteln im Grunde ihr Titelbild, das Wesentliche dieser Tage von Anfang an im Blick: „Die Welt war zu Gast in Deutschland. Die Sicherheitsbelange wurden ein Stück weit zurückgestellt für das öffentlich-fröhliche Image dieser Spiele.“

München 1972. Alles sollten, alles durften diese Spiele sein – aber niemals die militärisch gedrillten, exakten, von Leni Riefenstahl als „Triumph des Willens“ apostrophierten Spiele von 1936. Genial war deswegen das scheinbar schwerelose, komplett asymmetrische Dach, das sich auf dem Münchner Olympiagelände vom Stadion bis zur Schwimmhalle entlanggipfelt. Ein radikaler Bruch mit alten Zöpfen die Gestaltung der Plakate. Auf Schildern und Fahnen fanden sich weder Pathos nach nationalistische Symbole sollten keine Erinnerungen an die NS-Vergangenheit aufkommen lassen. München 1972 sollte ganz ausdrücklich das Gegenbild zu Berlin 1936 sein, so attestieren Brauckmann und Schöllgen, ja, der Blick auf die Spiele 1936 unter dem Hakenkreuz war geradezu feindlich.

Der Journalist und Historiker Sven Felix Kellerhoff, geht mit Brauckmann und Schöllgen d’accord, was diese Stimmung betrifft. Er hat ebenfalls in diesem Jahr, aber etwas früher, ein Buch über die Spiele von München 1972 geschrieben: „Die bunten, die farbigen, die fröhlichen Spiele von München, das genaue Gegenbild zum Olympiastadion in Berlin.“ Dem Olympiastadion in der bayerischen Landeshauptstadt attestiert er, dass „ein enormer Kontrast im positiven Sinne“ zu beobachten war: „Dazu dann das Konzept der fröhlichen Spiele, der Abwesenheit von Uniformen, all das war ein wunderbarer Fortschritt für die Selbstdarstellung Deutschlands und hat dann auch auf das Selbstempfinden Deutschlands zurückgewirkt.“

Olympia 1972 war, vielleicht erstmals nach Krieg und Diktatur, ein deutscher „Summer of Love“, und ein Dackel, das Olympia-Maskottchen „Waldi“ begrüßte die Welt im Land der Dichter und Denker – das um jeden Preis nicht mehr das „Land der Richter und Henker“ sein wollte. Dafür wurden sogar Heimatmotive wie der Bayerische Löwe und das Münchner Kindl komplett aus dem Erscheinungsbild der Spiele herausgelassen, der selbstbewusste Graphiker und selbsternannte Widerständler gegen Hitler, der Graphiker Otl Aicher, zeichnete dafür verantwortlich. Auch sein Wirken beschreiben Brauckmann und Schöllgen – ein sehr interessanter und lesenswerter Aspekt im übrigen.

Brauckmann und Schöllgen gehen in ihrem Buch ausführlich auf das sportliche Geschehen ein. Das liest sich gut, obwohl es bekannt ist. Doch auch die Details wie etwa die Hostessen in ihren Uniformen, in denen sie „modernen, aufgeklärten Frauen“ wurden, interessieren die Autoren. Etwas plattitüdenhaft werden die Freizeit-Aktivitäten der Sportler „zwischen Lederhosen und moderner Architektur“ angesiedelt. Und das München „zum Mittelpunkt der Welt“ avanciert sei, klingt doch eine Spur übertrieben. Aber den Zeitgeist insgesamt erspüren sie dann recht gut: „München 72 macht Olympia endgültig zu einem globalen Ereignis. Die Jugend der Welt trägt jetzt lange Haare, fordert die Autorität der Alten heraus und hat es nicht so mit dem Leistungsprinzip. Nach München kommen sie in Scharen, es ist das größte weltweite Treffen ihrer Generation in diesem jungen Jahrzehnt.“

Das Buch „München 72“ von Brauckmann und Schöllgen ist Unterhaltung im besten Sinne – jedenfalls überwiegend. Das gesellschaftliche und politische Umfeld begünstigten ein völlig neues, von Belastungen der Vergangenheit abgelöstes Lebensgefühl. Die Bundesrepublik befand sich in einer Aufbruchsstimmung, in der die fatalen Folgen der Umbrüche von 1968 mit ihren gesellschaftlichen Verwerfungen noch nicht absehbar waren. Die RAF schien beherrschbar, die Grünen waren noch nicht gegründet, der Terror von rechts war besiegt, der von links wurde zwar in der DDR gefördert, war aber in der Bundesrepublik noch nicht so allgegenwärtig wie heutzutage. Olympia 1972 fällt in eine Wegbiegung der deutschen Geschichte, so erfahren wir bei Brauckmann und Schöllgen – die glückliche Zwischenzeit würde enden, der Terror von München war ein erstes Menetekel.

5. September 1972. Islamischer Terror, erstmals auf der Weltbühne, auf Seite 205 in Brauckmanns und Schöllgens Buch wird das Unfassbare geschildert. Der Terror arabischer Extremisten, eng verwoben mit linksextremem Terror, riss die Olympischen Spiele von München aus der freundlichen, offenen Stimmung, machte sie zu einem ersten, weltweit beachteten Schauplatz dieser neuen Form der brutalen Gewalt aus einem Motivationsamalgam von Religion und Linksextremismus. Der Überfall auf die Sportler aus Israel wurde zu einem beispiellosen medialen Spektakel, denn die Kameras waren bereits vor Ort. Sie mussten lediglich angeschaltet werden. Nicht nur die Wettkämpfe, auch Teile des Geiseldramas wurden deswegen live übertragen. Sven Felix Kellerhoff, der sich in seinem werk schwerpunktmäßig mit dem arabischen Terror befasst, ordnet diesen Moment korrekt ein: „Der Anschlag am 5. September 1972 auf das Olympische Dorf war der erste Terroranschlag, der vor den Augen der Weltöffentlichkeit, soll heißen, vor den Augen von TV-Kameras stattfand, vor einem Milliardenpublikum. Und das ist tatsächlich ein Punkt, der erst mit dem 11. September 2001 in ähnlicher Form wieder erreicht worden ist.“

Sven Felix Kellerhoff wird noch deutlicher: „Der 5. September 1972 hätte verhindert werden können, die Verantwortlichen haben nicht angemessen reagiert; sie haben vielmehr durch Fehler und Vertuschungsversuche die Tragödie noch schlimmer gemacht. Dabei waren sich die zuständigen Behörden durchaus im Klaren, dass es Gefahren durch Terroristen gab.“

Angeregt durch die arabischen Kampfgenossen verfasste die linksextreme RAF-Terroristin Ulrike Meinhof in ihrer Gefängniszelle ein Pamphlet und propagierte das Münchner Massaker als „beispielhafte Aktion des antiimperialistischen Kampfes“. Es ist allen drei Autoren hoch anzurechnen, dass sie bezüglich des Terrors Ross und Reiter nennen, und speziell Kellerhoff benennt auch dessen unheilvollen Folgen klar – der 11. September 2001 steht für ihn in innerem Zusammenhang zu dem, was in München geschah. Seine chronologische Schilderung endet zwar mit der Trauerfeier, den Terroranschlag ordnet er aber völlig korrekt als entscheidend für die Entwicklung des weltweiten Terrors ein.

Anders Brauckmann und Schöllgen. Sie setzen die Schilderung der Spiele fort, und auch das hat eine innere Logik. Sie stellen das Gesamtereignis „Olympia 1972“ in den Mittelpunkt ihrs Konzepts. Die Leser können entscheiden, welches inhaltliche Konzept sie mehr anspricht – die Fokussierung auf die sportlichen Ereignisse bedeutet für das Lesevergnügen einen Vorteil, denn die Spiele gingen schließlich tatsächlich weiter. Mit chronologischer Sorgfalt wird dokumentiert, was im zweiten Teil der durch den Terror im wörtlichen Sinne zerschnittenen Spiele geschah. Doch auch Brauckmann und Schöllgen kommen nicht um die bittere Bilanz herum: „Die Olympischen Spiele 72 in München, das Attentat teilt die eigentlich in zwei Teile. Es gab die heiteren Spiele, und es gab die weiteren Spiele. Diese ganz besondere Magie, die war eigentlich verschwunden.“

 

Über Sebastian Sigler 27 Artikel
Der Journalist Dr. Sebastian Sigler studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bielefeld, München und Köln. Seit seiner Zeit als Student arbeitet er journalistisch; einige wichtige Stationen sind das ZDF, „Report aus München“ (ARD) sowie Sat.1, ARD aktuell und „Die Welt“. Für „Cicero“, „Focus“ und „Focus Money“ war er als Autor tätig. Er hat mehrere Bücher zu historischen Themen vorgelegt, zuletzt eine Reihe von Studien zum Widerstand im Dritten Reich.