Nachruf – Der Frankfurter Historiker und Islamwissenschaftler Fuat Sezgin ist tot

Foto: Stefan Groß

Professor Dr. Fuat Sezgin starb am 30. Juni 2018 im Alter von 93 Jahren in Istanbul. Sezgin gründete 1982 das Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften an der Universität Frankfurt am Main, dessen langjähriger Leiter er war. Er lebte für die Wissenschaft und galt als einer der profiliertesten Vertreter des Faches. Seine umfangreiche „Geschichte des arabischen Schrifttums“ avancierte zum internationalen Standard- und Referenzwerk. Das 17-bändige Werk führt den Leser in die islam-arabische Kultur ein, die sich ab dem 7. Jahrhundert im ehemaligen römischen Reich zwischen den Pyrenäen und Indien entwickelt, persische, syrische, arabische, griechische, römische, jüdische, indische und chinesische Elemente unter dem Namen “islam-arabische Kultur” vereint und bis zur Renaissaance als Parallelkultur zum mittelalterlich-lateinsprachigen Kulturkreis (“Klosterkultur”) zu verstehen ist.

Das Studium der Dokumente und Quellen lässt erkennen: Beide Kulturen sind nicht zu vergleichen. Die “Klosterkultur” schottet sich ab und pflegt eine monothematische, “katholische” Lebenswelt. Zurückgezogen hinter Mauern, in einsamen und schwer zugänglichen Orten lebend, getragen von der Überzeugung, weltliches Treiben und Genuss wären für die besinnliche Suche nach Gott abträglich, verrichten die Mönche ihren Dienst an Gott und kennen meist kaum mehr als einen schmalen geografischen Ausschnitt ihrer Heimat. Im scharfen Gegensatz dazu, so belegt Fuat Sezgin eindrucksvoll, ist der damalige islamisch-arabische Kulturkreis von Offenheit gegenüber anderen Völkern und deren Ideen gekennzeichnet. Diese Aufgeschlossenheit bildet eine der Voraussetzungen für die wissenschaftliche, kulturelle und materielle Überlegenheit der arabischsprachigen Region, die auch von christlichen Zeitgenossen neidlos anerkannt wird. So klagt Paulus Alvarus (um 800–859) in seiner Streitschrift „Indiculus luminosus“: „Weh uns! Alle jungen Christen, die sich durch Begabung auszeichnen, kennen nur noch die arabische Sprache und Literatur. Sie tragen große arabische Bibliotheken zusammen und erklären überall, diese Literatur sei bewundernswert. Wenn man von christlichen Büchern spricht, antworten sie voller Verachtung, sie seien nicht der Aufmerksamkeit wert. Bertrand Russel bewertet in seiner 1948 publizierten „Philosophie des Abendlandes“ die mittelalterliche Kultur bis zur Renaissance als „dunkles Zeitalter“ und Epoche der „Barbarei“, die mit Hilfe der Araber ab dem 13. Jahrhundert überwunden worden sei.

Obwohl die deutsche Sprache bis heute mit hunderten von arabischen Ausdrücken – von Algebra bis Zucker – bereichert ist, obwohl wir mit „arabischen Ziffern“ rechnen, obwohl Istanbul einst unter dem Namen Konstantinopel Mittelpunkt des römischen Reiches war, obwohl Spanien siebenhundert Jahre lang unter arabisch-islamischer Herrschaft blühte und es dort noch heute von arabischen Kulturelementen nur so wimmelt, kann dennoch ein Großteil deutscher Historiker mit der „islam-arabischen Kultur“ und dem Namen Fuat Sezgin wenig anfangen und reduziert damit eine „abendländische Kultur“, die von Rechts- und Katholischgläubigen als Bollwerk gegen den Islam missbraucht wird.

Fuat Sezgin wurde am vergangenen Sonntag unter Anteilnahme der gesamten türkischen Prominenz im Istanbuler Gülhane-Park vor dem Museum mit von ihm gestifteten Objekten beerdigt. Obwohl er eine Ikone der freien Wissenschaft in Deutschland war, ein Mann, dessen Herz für die Türkei und für Deutschland schlug, ein Brückenbauer, der im Stile des „West-östlichen Divans“ eine Brücke zwischen Islam und „Abendland“ zu schlagen vermochte, war kein Vertreter Deutschlands zu seiner Beisetzung anwesend.

 

Amerkung von Adorján Ferenc Kovács

Zunächst sagt der Autor Bergmeier inakzeptabel Falsches: Gerade die, wie man heute sagen würde, international bestens vernetzten Mönche und Orden, ja den allumfassenden Katholizismus in Gegensatz zu einer angeblich „aufgeschlosseneren“ arabischen Welt zu bringen, ist absurd.

Zu Sezgin:

Erstens war Sezgin ein guter, aber ein ausgesprochen tendenziöser Wissenschaftler. Seine „Geschichte des arabischen Schrifttums“ fokussiert, dem arabischen (nota bene!) Imperialismus folgend, der dekretierte, dass der Gott der Araber arabisch gesprochen habe, auf ein Schrifttum, das u. a. sicher überproportional viele Perser als Autoren hatte, die aber, jenem Dogma folgend, überwiegend arabisch schreiben mussten, durch welchen Zwang einige Sprachen (z. B. Aramäisch) ausgestorben sind (was in diesem Falle nicht, aber bei den nordamerikanischen Indianern durchaus zum Problem gemacht wird).

Zweitens geht er, als sei dies selbstverständlich (und Bergmeier übernimmt das kritiklos), davon aus, dass der arabische Kulturkreis islamisch sei. Das war aber bis zum 9./10. Jahrhundert sicher nicht so. Ob die Autoren, die arabisch schrieben, Muslime waren, wird von Sezgin, wie von allen der islamischen Ideologie frönenden „Wissenschaftlern“, nie bezweifelt. Dabei darf sogar noch bei einem Dichter, der im 11. und 12. Jahrhundert lebte, nämlich Omar Chajjam, aufgrund seiner Themen (Wein, Weib und Gesang) bezweifelt werden, ob er Moslem war oder nicht doch Christ oder Buddhist, der sich bereits durch Koranverse tarnen musste. Die bedeutende CHRISTLICH-ARABISCHE Kultur wird völlig ausgeblendet. Aber sie ist ja auch vom Islam praktisch ausgerottet worden, was Muslime im Allgemeinen und Sezgin im Besonderen nicht stört, denn es ist ja islamisches Ziel.

Drittens hat Sezgin in Istanbul (früher Konstantinopel) ein Museum gegründet, mit dem programmatischen Titel „für die Geschichte der Wissenschaft und Technologie im Islam“. Hier ist ebenfalls von einer ideologisch einseitigen Darstellung auszugehen. Wie mir mein Gewährsmann berichtete, der dort zuarbeitete, haben Muslime praktisch alles früher als andere erfunden. So etwas erinnert mich an die Verhältnisse im Kommunismus, als alles von den Russen erfunden worden war. Natürlich stimmt auch einiges davon, keine Frage. Aber mein Gewährsmann, ein Mediziner, schwärmte z. B. von den tollen Operationen, die schon früh im islamischen Kulturkreis durchgeführt worden seien. Sich hier auf Beschreibungen zu verlassen, ist gefährlich, wie ein seriöser Medizinhistoriker, selbst auch Chirurg, den ich ebenfalls persönlich kenne, betont. Meist sind diese Operationen, so wie beschrieben, nicht nachzuahmen, wodurch klar wird, dass sie nie praktisch ausgeführt worden sind. –

Dass Sezgin zuletzt Bücher unterschlagen hat und in die Türkei schmuggeln wollte, was der deutsche Zoll überraschender Weise verhindert hat, gilt ja bei deutschen Historikern wie Bergmeier nicht mehr als erwähnenswert. In einem Land, das „Moral“ über Recht stellt, überrascht dies wiederum nicht.

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Über Rolf Bergmeier 3 Artikel
Rolf Bergmeier, Jahrgang 1940, Studium der Alten Geschichte und Philosophie an der Gutenberg-Universität Mainz. Forschungsschwerpunkt: Grundlagen der abendländischen Kultur. Wesen, Bedeutung und Wechselbeziehungen der antiken, islam- arabischen und christlichen Kultur beim Übergang von der Antike ins Mittelalter.