Ein gewichtiges Jena-Buch

Jena, Foto: Stefan Groß

Nach sechsjähriger Arbeit wurde im Sommer 2018 in der Stadt Schillers und Goethes, die ebenso durch Carl Zeiss und den Physiker Ernst Abbe zu Weltruhm gelangte, ein in vieler Hinsicht beachtliches Stadtlexikon vorgelegt. Auf 888 Seiten wird die Geschichte der Saalestadt von der Altsteinzeit über die Ersterwähnung in den späten 890er Jahren bis in das Jahr 2010 hinein dargestellt. Die 1271 quellenkritisch duchgesehenen „Einträge“ wurden von 271 Autoren erarbeitet, in der Mehrzahl durch ausgewiesene Wissenschaftler. Es galt, die politische, geistes- und technikgeschichtliche Entwicklung Jenas ausgewogen darzubieten. Ausgewogen hieß auch, das Verhältnis zwischen den Sach- und Personeneinträgen sinnvoll zu gewichten. Die Herausgeber um den Stadthistoriker Dr. Rüdiger Stutz entschieden sich, nur Personen aufzunehmen, die für längere Zeit ihren Lebensmittelpunkt in der Universitätsstadt hatten. Der Leser findet nur Einträge zu verstorbenen Persönlichkeiten. So erklärt sich – wenn ein kurzer Exkurs in die Geschichte der Sportstadt erlaubt ist – dass man den Fussballspieler Roland Ducke findet, den berühmteren jüngeren Bruder Peter aber nicht.

Hervorzuheben ist unbedingt die Bildregie des in jeder Hinsicht gewichtigen Nachschlagewerks, das immerhin 3,5 Kilogramm auf die Waage bringt. Unter der Leitung von Birgit Hellmann vom Jenaer Stadtmuseum wurden Dokumente präsentiert, die meist einen tatsächlichen Stadtbezug haben. Etliche der 1100(!) Abbildungen werden erstmals gezeigt.

1975, lesen wir, wurde mit Ina Kutzschbach die 100 000. Einwohnerin Jenas geboren. Sie erhielt viele Geschenke, von der der Stadt einen Scheck für die Ausstattung eines Kinderzimmers. Das einst anheimelnde Jena ward nun eine Großstadt. Die zentrale Rolle des Zeiss- Kombinats zog Spezialisten aus der gesamten DDR an. Für sie musste schnell Wohnraum geschaffen werben. So entstanden in den 60er und 70er Jahren die Wohngebiete Neulobeda-West und das schöner angelegte Neulobeda Ost. Ortsfremde sehen diese Neubaugebiete von der Autobahn aus und halten diese schlechthin für Jena.

Acht Jahre später, am 23.November 1983, kam Erich Honecker nach Jena und teilte dem Oberbürgermeister mit, dass er den Wunsch des Erlanger Amtskollegen unterstütze, eine Städtepartnerschaft aufzunehmen. (Diese Partnerschaft hat sich übrigens auch bei der Erarbeitung des Lexikons positiv ausgewirkt.) Im Gespräch mit Zeiss-Generaldirektor Biermann betonte Honecker 1983 die immense politische Bedeutung der Microships für die DDR-Wirtschaft. Trotz mancher Fortschritte in Jena war spätestens 1989 klar, dass die DDR auch auf diesem Felde den führenden westlichen Staaten unterlegen war.

Jena – Lexikon zu Stadtgeschichte, Tümmel-Verlag Nürnberg.888 Seitem, 50 Euro, ISBN 978- 3-9819706-0-9

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Über Ulrich Kaufmann 14 Artikel
PD. Dr. Ulrich Kaufmann wurde 1951 in Berlin geboren u. lebt seit 1962 in Jena. Hier hat er nach dem Abitur 1970 Germanistik und Geschichte studiert. 1978 wurde er in Jena über O.M.Graf promoviert u. 1992 über Georg Büchner hablitiert. Von 1978 bis 1980 war Kaufmann als Aulandsgermanist im polnischen Lublin tätig.Von 1999 bis 2016 Gymnasiallehrer für Deutsch u. Geschichte. Er hat 10 Bücher über die deutsche Literatur verfasst.