Billige Räume, teure Erinnerung
Die große Neunziger-Ausstellung der Tate Britain zeigt eine Epoche, die inzwischen selbst zum Museumsstoff geworden ist. Fast 70 Künstler, Fotografen und Designer werden zusammengeführt, darunter Alexander McQueen, Juergen Teller, Sarah Lucas, Steve McQueen und Chris Ofili. Die Versuchung liegt nahe, daraus eine nostalgische Parade von Cool Britannia zu machen. Interessanter ist etwas anderes: die materiellen Bedingungen, unter denen diese Szene entstehen konnte.
Billige Mieten, leere Gebäude und ein expandierender Musik- und Modemarkt prägten das London jener Jahre. Künstler, Fotografen, Models, Designer und Musiker lebten näher beieinander, arbeiteten improvisierter und gründeten Zeitschriften, Clubs, Galerien und Labels mit vergleichsweise niedrigen Einstiegskosten. Das erklärt nicht die Kunst. Aber es erklärt, warum so viele unterschiedliche Milieus aufeinandertrafen.
Heutige Großstädte feiern Kreativität häufig, nachdem sie ihre Voraussetzungen beseitigt haben. Ateliers werden zu Luxuswohnungen, Clubs zu Hotels, Werkstätten zu Büros. Danach hängen Stadtmarketing-Kampagnen Bilder jener Szenen auf, die sich die Stadt inzwischen kaum noch leisten könnten. Genau darin liegt die politische Pointe dieser Ausstellung.
Kunst braucht keine Armut. Die romantische Vorstellung vom hungernden Genie ist Unsinn. Sie braucht aber Räume, in denen Scheitern bezahlbar ist. Wer bei jedem Projekt sofort Miete, Investorenrendite und Reichweite rechtfertigen muss, produziert vorsichtiger. Kreative Milieus entstehen selten dort, wo alles optimiert ist.
Die Tate-Ausstellung kann deshalb mehr sein als eine gute Erinnerungsschau. Sie hält einer Gegenwart den Spiegel vor, die ständig nach Innovation ruft und gleichzeitig fast jeden ungenutzten Quadratmeter als ökonomisches Problem betrachtet.
Kreativität braucht Reibung
Die Tate zeigt nicht nur Kunstwerke, sondern auch Zeitschriften, Fotografie, Mode und Clubkultur. Das ist historisch plausibel: Publikationen wie i-D oder Dazed & Confused, Fotografen wie Corinne Day und Juergen Teller und Designer wie Alexander McQueen arbeiteten in überlappenden Szenen. Die Grenzen zwischen Kunst, Mode und Musik waren durchlässiger als viele Museumskategorien vermuten lassen.
Auch das Narrativ von Cool Britannia wird bewusst relativiert. Künstler wie Yinka Shonibare, Maud Sulter oder Chris Ofili verweisen auf Erfahrungen, die in der nationalen Erfolgsmarke der 90er oft weniger sichtbar waren. Die Ausstellung versucht also nicht nur, ein Jahrzehnt zu feiern, sondern seine Widersprüche zu zeigen.
Das macht sie für heutige Städte interessant. Kreativpolitik lässt sich nicht bestellen wie ein Festival. Szenen entstehen aus Nähe, Zufall, billigen Räumen und sozialen Mischungen. Sobald jede Fläche vollständig monetarisiert ist, bleibt häufig nur noch die Marke der Kreativität.
Die Ausstellung beginnt deshalb folgerichtig bei der „Do it yourself“-Haltung des Jahrzehnts. Fotografie und Mode entstanden oft mit geringem Budget, dafür mit hoher Geschwindigkeit. Diese Arbeitsweise war ästhetisch sichtbar: raue Bilder, improvisierte Settings, Magazine mit starkem Eigenprofil. Später wurde genau dieser Stil von großen Marken übernommen.
Das ist die Ironie jeder erfolgreichen Subkultur. Was aus Mangel und Improvisation entsteht, wird später zum vermarktbaren Look. Ein Museum kann diesen Prozess sichtbar machen, wenn es nicht nur die Ikonen zeigt, sondern auch die ökonomischen Bedingungen ihrer Entstehung.
Nostalgie hilft keiner heutigen Szene
Einige der in der Tate gezeigten Werke entstanden aus konkreten politischen Konflikten der Zeit. Chris Ofilis „No Woman, No Cry“ reagierte auf den Mord an Stephen Lawrence, Keith Piper beschäftigte sich mit Sport und nationaler Identität, Hamad Butt mit der Aids-Krise. Das Jahrzehnt war also keineswegs nur Party und Mode.
Gerade diese Mischung aus Pop und Politik unterscheidet die 90er-Rückschau von einfacher Nostalgie. Ein Clubfoto und ein Werk über rassistische Gewalt können nebeneinanderstehen, weil die damaligen Szenen kulturell tatsächlich ineinandergriffen. Das Museum muss diese Gleichzeitigkeit aushalten, statt daraus eine einheitliche Erzählung zu bauen.
Die Gegenwart neigt dazu, vergangene Jahrzehnte als Stilpakete zu recyceln. Die Tate hat die Chance, genau das zu vermeiden: nicht Plateauschuhe, Grunge und Magazine als Dekor auszustellen, sondern zu zeigen, welche sozialen Bedingungen und Konflikte hinter diesen Bildern lagen.
Wer die Neunziger bewundert, sollte weniger nach ihrem Stil fragen als nach ihren Bedingungen. Eine Stadt wird nicht kreativ, weil sie Street Art duldet und Designfestivals finanziert. Sie wird kreativ, wenn Menschen Zeit, Raum und ein gewisses Maß an Unordnung haben.
