Nicholas Flamel – Der Meister des Großen Werkes

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Sein Werk und seine Person haben Historiker, Philosophen, Theologen und Hermetiker über die Jahrhunderte hinweg gleichermaßen fasziniert. Die sagenhafte Geschichte Nicholas Flamels begann in Paris um die Mitte des 14. Jahrhunderts.

Damals erwarb der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Schreiber von Urkunden, welcher darüber hinaus auch vereidigter Bücherexperte an der Universität von Paris war, um den recht ansehnlichen Preis von zwei Gulden ein antikes, vergoldetes Buch. Flamel hat dieses Buch schon einmal gesehen – in einem visionären Traum wurde es ihm von einem ganz in Weiß gekleideten Engel gezeigt. Dieses Lichtwesen hatte ihm bereits angekündigt, daß er den Inhalt dieses Buches nicht verstehen würde.

Das von Flamel erworbene Manuskript wies einige Besonderheiten auf. Es bestand aus 3 x 7 Blättern, beschriftet mit geheimnisvollen Buchstaben und ergänzt durch noch rätselhaftere Zeichnungen. Die Blätter bestanden nicht aus Papier oder dem damals gebräuchlichen Pergament, sondern waren aus der Rinde junger Bäume gefertigt. Die Inschrift auf dem Titelblatt legte Zeugnis vom Verfasser des Werkes ab: Abraham der Jude, Fürst, Priester und Levit persönlich sollte es verfaßt haben.

Flamel vertiefte sich vollkommen in das Studium der mysteriösen Schrift, die ganz augenscheinlich von der alchimistischen Herstellung des Goldes handelte. Obwohl Flamel als Autodidakt manche der beschriebenen Operationen nachvollziehen konnte, mußte er doch einsehen, daß ihm der Schlüssel zum endgültigen Verständnis des Werkes fehlte und auch niemand in der Lage war, ihm weiterzuhelfen.

So vergingen insgesamt 21 Jahre unter mühevollen Versuchen und Beratungen mit seiner Frau und Assistentin Peronelle. Dann beschloß Nicholas Flamel, sich auf eine Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela zur Grabstätte des Hl. Jakob zu begeben, in der Hoffnung, an diesem heiligen Ort endlich Aufklärung zu erlangen. Doch erst auf seiner Rückreise nach Paris ereignete sich ein schicksalhaftes Zusammentreffen. Nicholas Flamel begegnete einem Fremden, der sich Magister Canches nannte. Dieser gelehrte Mann war ein zum Christentum übergetretener Jude. Er erkannte anhand von Kopien, die Flamel in seinem Reisegepäck mitführte, das geheimnisvolle Buch und erklärte sich bereit, dessen Inhalt zu entschlüsseln. Doch noch vor Beendigung seiner Arbeit erkrankte der Magister und starb kurz darauf. Doch Flamel hatte auf der kurzen gemeinsamen Reise immerhin soviel gelernt, daß es ihm drei Jahre nach der Rückkehr gemeinsam mit seiner Frau gelang, die erste Metallumwandlung am 17. Januar 1382 durchzuführen. Insgesamt dreimal war es ihm vergönnt, die Transmutation – das Große Werk der Alchimisten – zu vollziehen.

Trotz dieser Erfolge behielt er den gewohnten, bescheidenen Lebenswandel bei. Doch seine Wohltätigkeit machte Flamel rasch berühmt. So soll er den Bau von 14 Hospitalen und drei Kapellen veranlaßt und finanziert haben. Außerdem wurden mit Hilfe der Mittel, die Flamel zur Verfügung gestellt hatte, sieben Kirchen renoviert. Dies steht jedenfalls auf seinem Grabstein geschrieben, der aus der Kirche Saint-Jaques-la-Boucherie stammt und heute im Cluny-Museum zu Paris verwahrt wird.

Bemerkenswert ist weiterhin, daß aus den Vermächtnissen Flamels noch bis in das Jahr 1742 Spenden an Bedürftige ausgezahlt wurden.

Für seine Zeit ist Flamel zudem sehr alt geworden – er starb erst mit 87 Jahren. Der französische Arzt und Hermetiker Paul Lucas, welcher drei Jahrhunderte später den Orient bereiste, berichtete sogar von einem Derwisch, der ihm mitgeteilt habe, daß Flamel mit seiner Gattin Peronelle noch immer in Ostindien lebte. Denn die Kraft des Steines der Weisen, den Flamel bei seinen Forschungen schuf, schenkt eine Lebenszeit von tausend Jahren.

Zur Belehrung hinterließ Flamel der Nachwelt zahlreiche Schriften und eine Anzahl bildlicher Darstellungen. Sein berühmtestes und zugleich umstrittenstes Werk ist zweifellos das Buch der hieroglyphischen Figuren, in dem er wortgewandt, allegorisch und in dunklen Gleichnissen den Prozeß der Goldherstellung beschreibt. Vielleicht trug neben seinem märchenhaften Vermögen gerade auch dieser Nachlaß zu Flamels Berühmtheit bei. In beinahe allen Geschichten der Alchimie nimmt Flamel einen Ehrenplatz ein.

Doch im Gegensatz zu zahlreichen anderen bekannten Alchemisten – so etwa Basilius Valentinus – gibt es kaum Zweifel daran, daß Flamel tatsächlich lebte. Zwar ist umstritten, ob er im Jahr 1330 nun in Paris oder aber in Pontoise geboren wurde. Jedenfalls starb er in Paris zwischen 1417 und 1418. Sein Testament datiert auf den 22. November 1416. Im französischen Nationalarchiv finden sich weitere Spuren Flamels. Dort sind seine Manuskripte Summarium Philosophicum, das Livre der Laveurs (Buch der Wäscher), das Brevarium und weitere Schriften hinterlegt.

Seine Schreibstube in der rue de Ecrivains existiert zwar nicht mehr, doch das 1407 errichtete Privathaus „au Pignon“ kann noch heute in der rue de Montmorency Nr. 51 besichtigt werden.

Der von Flamel bereits im Titel seines Buches der Hieroglyphischen Figuren erwähnte „Kirchhof der unschuldigen Kinder zu Paris“, dessen Figuren Flamel mit dem Werk zu erklären gedenkt, ist heute leider jedoch nicht mehr vorhanden.

Es hat daher im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder Adepten der Alchimie gegeben, die Flamels Lebensgeschichte nicht als faktischen Bericht, sondern als allegorische Darstellung des alchimistischen Weges verstanden wissen wollen.

Auch über Flamels nicht unbeträchtliches Vermögen wurde bereits vielfach spekuliert. Manche Autoren nehmen an, daß Flamel einerseits durch seine Tätigkeiten als Kopist und vereidigter Sachverständiger nicht unbeträchtliche Einkünfte erzielte und zum anderen durch die Heirat mit seiner Frau Peronelle in den Besitz deren ebenfalls recht stattlichen Vermögens gelangte. Böswillige Interpreten behaupten sogar, Flamel habe das Vermögen jüdischer Mitbürger unterschlagen, die im Verlauf von Vertreibungen aus Paris fliehen mußten und verweisen daher die Berichte der gelungenen Transmutationen ins Reich der Fabel. Doch bei näherer Betrachtung erweisen sich solche Spekulationen als unhaltbar, zumal über Flamel und sein Großes Werk noch andere Überlieferungen im Umlauf sind. So berichtet der esoterische Historiker Arthur Edward Waite, daß Flamel dem Neffen seiner Frau Peronelle etwas von seinem geheimnisvollen Transmutationspulver überlassen habe. Der vererbte es ungenutzt an seinen Sohn weiter. Nachdem auch dieser verstorben war, fand dessen Enkel Dubois das Pulver im Nachlaß. Er ließ mehrfach in der Öffentlichkeit verlauten, im Besitz dieser mysteriösen Substanz zu sein. Diese Gerüchte drangen bis an den Hof des in ständigen finanziellen Schwierigkeiten steckenden Königs Ludwig XIII. Dubois wurde eine Audienz gewährt und tatsächlich gelang ihm vor dem König und weiteren Augenzeugen die Transmutation von Blei, Eisen und weiteren unedlen Metallen in Gold. Er versprach nun dem sehr zufriedenen König, das Pulver auch selbst herstellen zu können, was ihm natürlich nicht gelang. Ludwig XIII. nahm daher an, ihm solle das Geheimnis des Goldmachens vorenthalten werden und ließ Dubois schließlich hinrichten.

Solche Berichte führten natürlich immer wieder dazu, daß Fremde in Flamels Haus eindrangen, um es zu durchsuchen. Das Gebäude wurde dabei fast völlig verwüstet.

Ziel dieser Suchaktionen war Flamels geheimnisvolles Buch von Abraham, dem Juden. Doch alle Anstrengungen waren vergeblich. Das Manuskript blieb verschwunden.

Im Besitz der Königin Blanche von Navarra, für ihr Interesse an den hermetischen Wissenschaften bekannt, soll sich jedoch ein überaus wertvolles alchimistisches Werk aus dem 14. Jahrhundert befunden haben, das auf eine alte Handschrift zurückging. Da Blanche von Navarra darüber hinaus zu den Gönnerinnen Flamels zählte, kann es sich bei der Abschrift durchaus um eine kunstvolle Kopie von Flamels geheimnisumwitterten Baumrindenbuch gehandelt haben.

Petrus Borellius berichtete weiterhin, daß in späterer Zeit Kardinal Richelieu höchstpersönlich im Besitz des Originales dieser Handschrift gewesen sei.

Der Kirchenmann, Sozialist, Magier und Hermetiker Eliphas Levi kam bei seinen Forschungen zu dem Schluß, daß es sich bei Flamels Buch um den kabbalistischen Traktat Aesch Mezareph handelte. Dieser Traktat wurde von Levi dann im seinem Hauptwerk „La clef des grands mysteres“ veröffentlicht.

Auch der anerkannte Hebraist Rafael Patai ist überzeugt, daß es sich bei Flamels Buch der Hieroglyphischen Figuren um die Übersetzung eines alten Textes handeln dürfte, der im 14. Jahrhundert von einem jüdischen Alchimisten geschrieben worden sein könnte. Da in der Bibliotheque Nationale ein weiteres Manuskript aufgefunden wurde, das zwar stark mit christlichen Zusätzen versehen ist, sich jedoch ebenfalls auf die Autorenschaft von Abraham (Habraham) dem Juden beruft, verleiht diese Tatsache der Geschichte Flamels weitere Glaubwürdigkeit.

Möglicherweise wird das geheimnisvolle Baumrindenbuch des Alchimisten Nicholas Flamel eines Tages wieder aufgefunden werden, so wie dies bereits mit einem seiner weiteren Werke, dem „Brevarium“ geschehen ist, welches lange für verschollen gehalten und überraschenderweise im Jahr 1958 in der französischen Nationalbibliothek wiederentdeckt wurde.

Wer jedoch den Weg der Transmutation selbst beschreiten und das Geheimnis der Goldherstellung ergründen will, dem sei die Lektüre der hier genannten Werke Flamels empfohlen. Sie mag das Fundament für eine erfolgreiche Arbeit des Adepten legen, der aus dem Studium der Texte wesentlichen Gewinn ziehen wird. Geduld und Ausdauer, die bei einer solchen Tätigkeit gewonnen werden, sind jedoch Tugenden und Lohn schon für sich allein.

Ora, lege, lege, lege, relege, labora et invenies.

Bete, lies, lies, lies, lies noch einmal, arbeite und Du wirst finden.

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Über Thomas Ritter 100 Artikel
Thomas Ritter, 1968 in Freital geboren, ist Autor und freier Mitarbeiter verschiedener grenzwissenschaftlicher und historischer Magazine. Thomas Ritter hat zahlreiche Bücher und Anthologien veröffentlicht. Außerdem veranstaltet er seit mehr als zwanzig Jahren Reisen auf den Spuren unserer Vorfahren zu rätselhaften Orten sowie zu den Mysterien unserer Zeit. Mit seiner Firma „Thomas Ritter Reiseservice“ hat er sich auf Kleingruppenreisen in Asien, dem Orient, Europa und Mittelamerika spezialisiert. Mehr Informationen auf: https://www.thomas-ritter-reisen.de Nach einer Ausbildung zum Stahlwerker im Edelstahlwerk Freital, der Erlangung der Hochschulreife und abgeleistetem Wehrdienst, studierte er Rechtswissenschaften und Geschichte an der TU Dresden von 1991 bis 1998. Seit 1990 unternimmt Thomas Ritter Studienreisen auf den Spuren früher Kulturen durch Europa und Asien.