“Nichts konnte schlimmer sein als Auschwitz!“

Juedischer Armleuchter, Foto: Stefan Groß

David Scrase/ Wolfgang Mieder (Hrsg.). “Nichts konnte schlimmer sein als Auschwitz!“ Überlebende des Holocausts und ihre Befreier berichten. Aus dem Englischen von Michael Lehmann. Bremen (Donat-Verlag) 2016. 238 S., Hardcover, 14,80 €. ISBN 978-3-943425-58-1.

Zwanzig Überlebende des Holocausts, manche wegen der lebensklugen Entscheidung ihrer Eltern, vor den Nazis rechtzeitig zu fliehen, andere aufgrund der Hilfe von Mitbewohnern oder der couragierten Unterstützung von Diplomaten, nur einige wenige mithilfe von Glück und Zufall. Wer die Überlebensberichte aufmerksam liest, die die Herausgeber der Dokumentation, zwei Germanistik-Professoren an der Universität Vermont in Burlington (USA) auf der Grundlage des von Aranka Siegal und Emil Landau zusammengetragenen Materials mit einem Vorwort versehen haben, der vermag die Ausmaße des millionenfachen Mordens an den Juden in Mitteleuropa nur ansatzweise begreifen. Zu ungeheuerlich sind die Dimensionen des psychischen und körperlichen Leids derjenigen, die irgendwie überlebt haben, wie Irene Kahn, Jahrgang 1914, die 2011 verstorben ist. Sie ist die erste in der alphabetischen Reihenfolge der berichtenden Personen. Während sie und ihr Mann noch kurz vor Kriegsausbruch nach England ausreisen konnten, überlebten ihre Eltern das Massaker an ihren Leidensgeführten nicht.
Die Flucht- und Überlebensberichte sind so vielfältig wie unerträglich. So dokumentiert der 1921 in Mannheim geborene Max K. Liebmann ausführlich seine Schuljahre zwischen 1933 und 1938, die Folgen der Pogromnacht vom 10. November 1938, seine Deportation im Oktober 1940 in das von den Nazis besetzte Frankreich und den Aufenthalt in einem Konzentrationslager in Gurs und die Flucht in die Schweiz. Andere wie Eva Schaal überlebten als Jugendliche in England, weil sie mit einem Kindertransport noch vor Kriegsbeginn Nazi-Deutschland verlassen konnten. Das ganze schreckliche Ausmaß von Deportation, Aufenthalt in Konzentrationslagern und die Befreiung in Buchenwald durch die amerikanische Armee musste Emil Landau (1925-2007) erleben und erleiden. Die 1930 geborene Aranka Siegal musste nach ihrer Befreiung im KZ Bergen-Belsen erfahren, dass ihre ganze Familie ermordet wurde.
Ein ungewöhnliches Überleben ist Stephan H. Levy vergönnt gewesen. 1925 in Berlin geboren, wurde er mit dem ganzen Terror der Nationalsozialisten gegen Juden konfrontiert. Seinen Eltern gelang es, ihren Sohn mithilfe eines Kindertransports nach Frankreich zu retten, ihnen selbst gelang die Ausreise in die USA. Im Frühjahr 1942 konnte er über Portugal mit einem Passagierschiff nach New York reisen. Mit dem Status ‚feindlicher Ausländer‘ meldete er sich als Kriegsfreiwilliger 1943 und war als Soldat der 6. Division der 3. US-Army bei der Befreiung von Buchenwald dabei. Über diese ersten Eindrücke bei der Einnahme des Zwangsarbeitslagers Buchenwald am 11. April 1945 berichtet Clinton C. Gardner, Autor zahlreicher Publikationen über den Zweiten Weltkrieg, aus der Sicht eines Befreiers, eines Offiziers der US-Army. Ein Jahr nach der militärischen Besetzung des Lagers geschrieben, enthält diese Dokumentation eine Fülle von Details über das entsetzliche Ausmaß der Massenvernichtung durch die SS, über die innere Organisation des Lagerlebens und jene denkwürdige 1. Mai-Manifestation, auf der 10.000 überlebende, ausgemergelte ehemalige Häftlinge ihren Befreiern dankten. Ebenso aufschlussreich ist der Bericht von Irving Lisman, Obergefreiter in der 42. Infanterie-Division der US-Army, über die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau. Er beschreibt in seinem Bericht verschiedene Arten von Selbstjustiz, die überlebende Häftlinge an Aufsehern, Kapos und SS-Leuten ausübten; er bringt auch seine Empörung über das Elend der Befreiten zum Ausdruck, besichtigt die luxuriösen Wohnungen der SS-Schergen in den unweit vom Lager befindlichen Wohnblocks und erzählt, wo überall die in der Lagern überlebenden Juden nach ihrer Befreiung untergebracht und verpflegt wurden.
Diese dokumentarischen Berichte von Angehörigen amerikanischer Befreiungstruppen sind insofern besonders aufschlussreich, weil sie auch die beinahe vergessenen Todeslager wieder ins Gedächtnis der nachfolgenden Generationen rufen, wie zum Beispiel Henry Golovins Dokumentation über die Befreiung von Wöbbelin, einem Außenlager von Neuengamme, südlich von Schwerin. Seine erschütternden Erlebnisse beim Anblick der zu Skeletten abgemagerten Überlebenden und der beißende Geruch von Urin und verfaulten Körpern in den Baracken bleiben ebenso haften wie Rabbi Max Walls eindringliche Wahrnehmungen und Beobachtungen über das Schicksal überlebender Juden, die unmittelbar nach Kriegsende zu ihrem Glauben zurückkehren durften. Und nicht zu vergessen auch die Dokumentation von Marion P. Pritchard, die im niederländischen Untergrund viele Juden rettete, und nach dem Krieg in den Lagern für Displaced Persons der UN-Hilfsorganisation UNRRA arbeiteten.
Das 2001 unter dem Titel The Holocaust – Personal Accounts im Center for Holocaust Studies an der Universität Vermont publizierte Buch, gedruckt mit der Unterstützung der Evan Scheuer Foundation und der Silk Foundation in St. Louis, hinterlässt rund siebzig Jahre nach Kriegsende, eine doppelte schmerzhafte Erinnerung, die immer wieder von ihrer Auslöschung im Gedächtnis nachfolgender Generationen bedroht ist. Sie fördert die tendenzielle Verharmlosung gigantischer Verbrechen, die die Vorstellungskraft menschlicher Psyche überschreitet und zur Wiederbelebung von wahnhaften Ideen rechts- und radikalpopulistischer Gruppen führt. Nicht zuletzt deshalb sind solche Berichte von Überlebenden und ihren Befreiern auch für den Schulunterricht zu empfehlen. Die transparente Übersetzung und die vorbildliche Lektorierung der Texte werden Schulbuchkommissionen sicherlich von ihrer Quellen-Nutzung für den Unterricht in Gesamtschulen und Gymnasien überzeugen!

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