Nietzsches Leben als Tanz

Das Tanztheater von Johann Kresnik

friedrich nietzsche mann portrait 1882 philosoph, Quelle: WikiImages, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Wenn Philosophen Gegenstand von Romanen, Theaterstücken oder Filmen werden, dann hat meist der Schriftsteller oder Drehbuchautor etwas Interessantes im Leben dieses Philosophen entdeckt und wurde dadurch zu seinem Kunstwerk inspiriert. Die Liebesbeziehung von Hannah Arendt und Martin Heidegger ist hierfür ein gutes Beispiel. Diese Liebesbeziehung wurde als Roman, Theaterstück, Film und als Oper dargestellt. Das Leben von Friedrich Nietzsche war für den Psychoanalytiker Irvin Yalom Inspirationsquelle für dessen Roman „Und Nietzsche weinte“. Dieser Roman wurde auch verfilmt. Im Kinofilm „Lou“ über die Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé taucht Nietzsche als der Begehrende und Heiratswillige auf (Csef 2019). „Also sprach Zarathustra“ inspirierte den Komponisten Richard Strauss zu seiner gleichnamigen symphonischen Dichtung.

„Nietzsche“ als Tanztheater

Im Jahr 1994 brachte der bekannte Choreograph und Theaterregisseur Johann Kresnik sein Tanztheater-Stück „Nietzsche“ am Theater Bremen zur Uraufführung. Das Tanztheater besteht aus 24 Szenen und dauert insgesamt etwa zwei Stunden (Michaelis 1994). Alle Stationen aus Nietzsches Leben werden sehr plastisch, bunt und affektreich dargestellt, von der Kindheit des kleinen Fritz im evangelischen Pfarrhaus, immer wieder Szenen mit seiner Schwester Elisabeth, Begegnungen in Bayreuth mit Richard und Cosima Wagner und auch die von ihm begehrte Lou Andreas-Salomé erscheint, der er erfolglose Heiratsanträge gemacht hat. Schließlich tauchen Hitler und Mussolini auf, die als Doppelwesen bizarr mit rotem Latex verbunden sind. Johann Kresnik galt als einer der großen Provokateure in der Theaterszene im Nachkriegsdeutschland. So erscheint beispielsweise der Vater von Nietzsche in einem asketischen Predigergewand und füttert den Sohn mit Hostien. Er stopft ihm rücksichtslos den Mund voll bis zum Erbrechen. Oder die Schwester Elisabeth zieht ihren Bruder Fritz wie einen Schoßhund an der Leine hinter sich her (Kleinert 1994).

„Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit“

Der Regisseur Johann Kresnik bezog sich in seinem Tanztheater besonders auf das autobiographische Spätwerk Nietzsches mit dem Titel „Ecce Homo. Wie man wird, was man ist.“ Aus „Ecce Homo“ werden folgende Worte übernommen: „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit. Es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat.“ Dieser Satz hat wohl Johann Kresnik besonders fasziniert und dürfte eine Gemeinsamkeit zwischen Nietzsche und Kresnik sein. Überhaupt war Nietzsche eine Identifikationsfigur für den Regisseur: Beide haben in der frühen Kindheit den Vater verloren. Beide waren Kritiker des Christentums und wurden Atheisten. Und beide waren fasziniert von Macht und Gewalt. Das Explosive, das beide Charaktere eint, kommt in der Chiffre vom „Dynamit“ besonders treffend zum Ausdruck.

„Ein Berserker mit Aggressionslust und blutendem Herzen“

Der kürzlich verstorbene Tänzer, Choreograph und Theaterregisseur Johann Kresnik (1939 – 2019) gilt als der männliche Pionier des deutschen Tanztheaters. Insofern ist er in mehrfacher Hinsicht eine außergewöhnliche Erscheinung, weil weltweit das Tanztheater eine Frauendomäne ist. Hinzu kommt, dass Kresnik ein sehr politischer Regisseur war. Er griff überwiegend lebende bekannte Persönlichkeiten auf, die in besonderer Weise heftige Kontroversen auslösten und eine Provokation oder Herausforderung darstellten (Hüster 2019). Seine Figuren sind zum Beispiel Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof, Rosa Luxemburg, Frieda Kahlo, Macbeth als Machtmensch und Hannelore Kohl. Weiterhin setzte er sich intensiv mit dem Nationalsozialismus auseinander. Er war Kommunist und Anarchist. Die meiste Zeit seines Lebens war er Mitglied der kommunistischen Partei. Seine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus spiegelt sich in seinen Werken über Ernst Jünger, Gustav Gründgens, Richard Wagner und „Der Ring der Nibelungen“ und letzlich auch Friedrich Nietzsche. Seine bevorzugten Themen sind die Auseinandersetzung mit dem Faschismus, die Unterdrückung in Familie und Gesellschaft, sexuelle Gewalt, Machtausübung, Mord und Totschlag. Er bearbeitete in seinen Werken vor allem das Schicksal von Außenseitern – von Mördern, Selbstmördern, Ermordeten oder Todkranken (Klett 1990). Die Tanzkritikerin Renate Klett beschrieb ihn deshalb treffend mit folgenden Worten:

„Er ist, was es heute eigentlich nicht mehr gibt: ein Künstler mit Wut im Bauch, ein Berserker mit Aggressionslust und blutendem Herzen: Johann Kresnik, der letzte politische Kämpfer des deutschen Theaters.“ (zit. n. Höbel 2019).

Johann Kresnik hat wohl in der Gestalt von Friedrich Nietzsche genau jene Phänomene entdeckt, die ihn selbst faszinieren: der Wille zur Macht, der Kampf der Geschlechter, sexuelle Gewalt, der gewaltsame Tod, Mord und Totschlag.

Literatur:

Csef, Herbert, Lou Andreas-Salomé und ihre Beziehung zu Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud. Tabularasa-Magazin vom 18. Mai 2019

Höbel, Wolfgang, Zum Tod von Johann Kresnik. Er wusste wohin mit der Wut. Der Spiegel vom 28. Juli 2019

Hüster, Wiebke, Werkmeister menschlicher Obsessionen. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.7.2019

Kleinert, Lore, Tanz den Nietzsche. Johann Kresnik tanzt in seinem neuen Stück weiter durch die deutsche Geschichte – mit Nietzsche vom protestantischen Pfarrhaus bis Bayreuth. Taz vom 23.4.1994

Klett, Renate, Theater der schreienden Bilder. Der Spiegel vom 29.10.1990

Michaelis, Rolf, Nietzsche im Vollwaschgang. Tanztheater: Johann Kresniks Abschied aus Bremen. DIE ZEIT vom 29. April 1994

Yalom, Irvin, Und Nietzsche weinte. Kabel, Hamburg 1994

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. H. Csef 

Schwerpunktleiter Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Zentrum für Innere Medizin

Medizinische Klinik und Poliklinik II

Oberdürrbacher Straße 6

97080 Würzburg

E-Mail-Adresse: Csef_H@ukw.de

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Über Herbert Csef 61 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.