Sophie Scholl als Vorbild – von Kitsch und Legenden befreit

gefängnis gefängniszelle kriminalität gefangener, Quelle: Ichigo121212, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Ein 100. Geburtstag ist immer ein Meilenstein der Erinnerung. Und das ist auch bei Sophie Scholl so. Dem aktuellen Biographen Robert Zoske kann dabei ein besonderes Verdienst zugesprochen werden: Es ist ihm – das sei vorweggenommen – gelungen, ein Lebensbild zu entwerfen, das frei von Pathos, Kitsch und nachträglichem Zierrat ist.

Geduldig und sorgfältig hat sich Robert Zoske des Nachlasses von Sophie Scholl angenommen. Er hat dies mit neuer Objektivität getan, dieser Eindruck vefstigt sich im Lauf der Lektüre dieses gewichtigen Buches. Mythen und Legenden, die das Bild auf Sophie Scholl deutlich verunklart haben, wie sich in der Rückschau herausstellt, sind verschwunden. Zu wesentlichen Teilen waren sie auf die unermüdliche Arbeit an einem Denkmal, die bei Inge Scholl zu beobachten war, zurückzuführen. Umso stärker ist Zoskes Herangehensweise. Er schildert eine junge Frau, die sich mancher Position unsicher ist, die bezüglich der Nationalsozialisten ihre Meinung wechselt, die durchaus nicht von Anfang an widerständig war, die dann aber – spät – zu der konsequenten Haltung fand, die sie das Leben kosten sollte. Und die hier, als der Tod ihr vor Augen stand, nicht wankte und nicht wich. Das ist für eine 21-Jährige allemal mehr, als erwartet werden könnte.

Mit enormer Geduld also geht Zoske die diversen Briefwechsel von Sophie Scholl durch – Stück für Stück. Gerade hier wird das Suchen, das Verändern von Standpunkten deutlich, das typisch ist für junge Menschen. Aber die geneigte Leserschaft sei gewarnt. Hier sind Geduld und sorgfältige Vertiefung in die Materie gefragt. Sophie Scholl war 1941, fast zwanzigjährig, noch beim BDM, und das schmälert ihre Vorbildrolle mitnichten – das bringt Zoske dem Leser überzeugend bei. Speziell in der Schilderung der noch nicht zum äußersten Widerstand entschlossenen Studentin Sophie Scholl zeitigt diese tiefschürfende Herangehensweise indes schöne Früchte, denn die fast mystische Religiosität und die Sehnsucht nach Transzendenz, die sie in ihren Aufzeichnungen und in Briefen erkennen ließ, lohnt die Lektüre.

Die Wende in Sophies Bild von den Nazis kam wahrscheinlich im Winterhalbjahr 1941 auf 1942, als sie im badischen Blumberg als Kindergärtnerin arbeitete und dabei sowohl Arbeitslosigkeit als auch die Zerstörung der Natur deutlich wahrnehmen konnte. Ein Gerichtsverfahren gegen den Vater und mehr noch der Tod eines Freundes der Familie, Ernst Reden, waren es dann wohl, die den Grundton in Sophie Scholls Denken endgültig veränderten. Zoske selbst schildert das in einem Interview Deutschlandfunks so: „Sechs oder acht Wochen nach Beendigung ihres Kriegshilfsdienstes besorgt sie sich von ihrem Freund tausend Reichsmark für einen guten Zweck, wie sie sagt, und erbittet von ihm einen Bezugsschein für einen Vervielfältigungsapparat. Fritz hat nach dem Krieg geschrieben, das sei wohl im Mai 1942 gewesen.“ Darin sieht er einen deutlichen Hinweis darauf, dass Sophie Scholl, darin einig mit ihrem Bruder Hans, entschlossen war, etwas „gegen Hitler“ zu machen. Die Mittel dazu waren die bekannten und so eindrücklichen Flugblätter. Zoske selbst fasst diese Phase der Hinwendung zum Widerstand im Interview sehr gut und zutreffend zusammen: „Sie war dann bei der ersten Flugblattaktion von Hans Scholl und Alexander Schmorell im Juli nicht dabei, das haben die zwei ohne sie gemacht – mit einem ganz einfachen Vervielfältigungsapparat –, aber dann im Herbst war sie entscheidend dabei, den Widerstand zu fördern. Hans Scholl ist derjenige, der die Weiße Rose ins Leben gerufen hat, ohne Hans Scholl hätte es die Weiße Rose nicht gegeben, aber ohne Sophie Scholl hätte es den zweiten Teil der Weißen Rose, den zweiten Teil der Widerstandsaktion so in seiner Intensität, in seiner Größenordnung qualitativ und quantitativ nicht gegeben.“

Sophie Scholl wurde nun, wie Zoske das entsprechende Kapitel überschreibt, zur „Rebellin“. Als Grundlage für das Rebellentum macht er ihre Fähigkeit zur Mitmenschlichkeit aus, erklärt diesen scheinbaren Gegensatz gut und legt so die Grundlage für ein tieferes Verständnis der Persönlichkeit der Widerstandskämpferin – ohne Pathos und Legenden. Fein erspürt er in einem Brief Sophies an ihren Verlobten Fritz Hartnagel vom 28. Oktober 1942, dass die innere Veränderung nun zur geistigen Transformation geführt hatte, die die noch folgenden knapp vier Monate in ihrem Leben prägen sollten. Dieser Brief gipfelt in dem Satz: „Ja wir glauben auch an einen Sieg der Stärkeren, aber der Stärkeren im Geiste.“ (S. 248) Zoske bescheinigt ihr „moralische Rigorosität“, dazu kommen aus seiner Sicht „der außerordentlich hohe moralisch Anspruch und die Bereitschaft zu leiden“. Er meint explizit, „dass der christliche Glaube für sie existenziell war und auch essenziell für den Widerstand“.

Die Hinführung Zoskes ist schlüssig und baut auf den langen Schilderungen der Korrespondenz in den Kapiteln davor auf. Und so stellt dann auch das elfte Kapitel dieses Buches, in dem es um den Irrtum geht, dass das Dritte Reich und der Krieg vor dem Ende stünden, um die enorm mutigen und risikoreichen Flugblattaktionen, um die Verhaftung, die Verhöre und die Hinrichtung geht, das inhaltliche Herzstück dar. Sehr behutsam, aber gerade deswegen umso wirkungsvoller entkräftet Zoske sodann die Legendenbildung der älteren Schwester, Inge Scholl-Aicher, sowie die Selbstüberhöhung von Otto (Otl) Aicher, mit dem Sophie Scholl zwar gesprächsweise Kontakt hatte, der aber entgegen seiner späteren Angaben wohl nie ihr Ideeengeber war, wie er selbst behauptete. Neben Aicher entzaubert Zoske gleich mehrere weitere Lebenslegenden.

So bleibt denn die Widerstandkämpferin Sophie Scholl auch bei Zoske eine Ikone – er benennt das im DLF wie folgt: „Die einzige Frau, dazu noch eine junge Frau, ein wunderbares Bild, an dem man sich dann auch bestimmte Ideen ableiten kann oder auf das man Ideen projizieren kann.“ Aber er tut das ohne jede Hinzufügung, ohne alle Legenden. Zoske hat das erkannt und genau herausgearbeitet, unaufgeregt und mit ruhiger Souveränität. Schon deswegen hat dieses Buch seinen Platz bereits jetzt gefunden – manch ältere Scholl-Biographie verblasst nun deutlich. Und auch die Annahme, sie habe sich bereits 1934, als zwölfjährige, aktiv gegen den Antisemitismus eingesetzt, wird nun als Legende enttarnt, die mutmaßlich von ihrer älteren, überlebenden  Schwester im nachhinein erfunden wurde. Zoske aber zeigt, warum derlei Hagiographie gar nicht nötig ist. Unbedingt zur Lektüre gehören die anrührenden Erinnerungen von Else Gebel und Susanne Hirzel.

Der bewährte und renommierte Propyläen-Verlag hat einen gewichtigen Band produziert, der handwerklich und gestalterisch zu gefallen weiß. Besonders schön ist der mittige Bildteil, der kompakt – und auf dafür geeignetem Papier – einen Überblick über Sophie Scholls Leben gibt und auch einige weitere Protagonisten, wie etwa den Gestapo-Mann, der sie verhörte, sichtbar macht. Ein schöner Band von 448 Seiten mit ausführlichem Dokumententeil, Anmerkungen und einem richtig dimensionierten Personenverzeichnis. Chapeau! Dieser Band, dem viele Leser gewünscht seien, wird Bestand haben.

Zoske, Robert M., Sophie Scholl: Es reut mich nichts – Porträt einer Widerständigen, 448 Seiten, 28 Abb., ISBN: 978-3-549-10018-9, 24 Euro.

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Der Journalist Dr. Sebastian Sigler studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bielefeld, München und Köln. Seit seiner Zeit als Student arbeitet er journalistisch; einige wichtige Stationen sind das ZDF, „Report aus München“ (ARD) sowie Sat.1, ARD aktuell und „Die Welt“. Für „Cicero“, „Focus“ und „Focus Money“ war er als Autor tätig. Er hat mehrere Bücher zu historischen Themen vorgelegt, zuletzt eine Reihe von Studien zum Widerstand im Dritten Reich.