Sozialisten als Judenfeinde

Jeffrey Herf über den deutschen Antisemitismus nach 1945

Quelle: Wallsteinverlag

Im Januar hatte der deutsche Publizist Henryk Broder eine etwas bizarre Auseinandersetzung mit Jeffrey Herf, einem Historiker aus den USA. Dieser hatte sein Buch bei der Amadeu-Antonio-Stiftung vorgestellt, und zwar mit deren Anetta Kahane. Es ging darum, ob eine ehemalige Stasi-Mitarbeiterin die richtige Adresse ist, wenn es darum geht, ein Buch über den sozialistischen Antisemitismus in Deutschland vorzustellen. Darüber sollte nicht vergessen werden, wie wichtig dieses Buch an sich ist. Eine Rezension jenseits heutiger Befindlichkeiten soll dazu beitragen.

Spätestens ab dem Sechstagekrieg im Jahre 1967 trat er offen zutage, der deutsche Antisemitismus. Nach dem Holocaust – immer noch Judenfeindschaft in Deutschland. Wer die Bilder aus Auschwitz kennt, der möchte es nicht glauben. Doch es gab sie – eine unheilige Allianz zwischen der politischen Linken in der Bundesrepublik und dem sozialistischen Unrechtsstaat DDR. Immer im Hintergrund, im Osten und auch im Westen: die DDR-Staatssicherheit. Welch eine niederschmetternde Erkenntnis. Zwischen zwei Buchdeckel gebracht hat sie jetzt Jeffrey Charles Herf, Geschichtsprofessor an der Universität Maryland. Der 1947 geborene Herf ist spezialisiert auf die Geistes- und Kulturgeschichte im Europa des 20. Jahrhunderts. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Deutschland.

Schon in seiner Einleitung erklärt der Forscher: „Als die westdeutsche Linke 1967 die zentralen Elemente des linken Antiimperialismus übernahm, ordnete sie Israel ebenfalls auf der ‚falschen’ Seite der in ihren Augen zentralen weltweiten Spaltung zwischen einem bösen und ausbeuterischen Imperialismus und einer tugendhaften, ausgebeuteten ‚Dritten Welt’, wie es damals hieß, ein.“ Nach Herf war das Ergebnis „sowohl in Ostdeutschland als auch in der westdeutschen radikalen Linken ein besonders leidenschaftlicher Einsatz für die Palästinensergruppen, die Israel bekämpften“. Die westdeutschen Linksradikalen schlossen sich dem Kampf gegen den jüdischen Staat „aus freien Stücken“ an, das betont Herf ausdrücklich. Der militärische Beistand für arabische Staaten und palästinensische Terroristen war dabei für das SED-Regime wie auch für die westdeutsche radikale Linke ein Teil des Kampfes gegen den „weltweiten US-Imperialismus“. Hochschulgruppen wie der SDS oder der MSB Spartakus kämpften Seit’ an Seite mit der DKP, dem SED-Regime in Ost-Berlin und bald auch mit der in den frühen 1970er Jahren entstehenden Rote Armee Fraktion gegen Israel.

Herf zeigt auf, wie breit angelegt die Feindseligkeiten gegen den jüdischen Staat waren. Das ging von Beleidigungen Israels über gezielte Propaganda bis hin zu Waffenlieferungen an arabische Staaten, die sich mit Israel im Kriegszustand befanden. Die Linksextremisten aus der Bundesrepublik scheuten dabei ebenso wenig wie das sozialistische Regime in Ost-Berlin vor einer Zusammenarbeit mit terroristischen Organisationen zurück. Diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs war dabei unisono von „Antifaschismus“ die Rede – ganz so, als ob das Land der Opfer des Holocaust als „faschistisch“ einzustufen wäre. Schon diese Anmutung zeigt, wie pervers sich die „internationalen“ Sozialisten nach 1945 an die Nationalsozialisten vor 1945 angenähert hatten. Das Ausmaß und die Details dieser mörderischen Wiederbetätigung im sozialistischen Ungeist waren bislang hierzulande sorgsam verschwiegen worden.

Auch die Antwort aus Israel dokumentiert Herf, und zwar ab der Seite 240 seines Buches. So unterstützte Israel im September 1973, als es in New York darum ging, ob die beiden deutschen Staaten in die Vereinten Nationen aufgenommen werden sollten, die Kandidatur der Bundesrepublik – und verweigerte der sozialistischen DDR diese Unterstützung. Zu Begründung hieß es, Westdeutschland habe Anstrengungen unternommen, um „Wiedergutmachung, sofern dies überhaupt noch möglich ist, für die furchtbaren Gräueltaten zu leisten, die vom NS-Regime im Namen des deutschen Volkes begangen wurden“. Herf zitiert gleich darauf den Vertreter Israel in direkter Rede: „Gleichzeitig stellt Israel jedoch mit Bedauern und Abscheu fest, dass der andere deutsche Staat die historische Verantwortung für den Holocaust (…) ignoriert hat und weiterhin ignoriert.“ Zudem lasse die DDR den arabischen Terrorkommandos Unterstützung und praktischen Beistand zukommen: „Somit steht die Welt heute vor der Situation, das einer der deutschen Staaten abermals mit der Negation der grundlegenden Rechte des jüdischen Volkes in Verbindung gebracht wird.“ Wohlgemerkt: „abermals“. Die DDR wie die bundesdeutschen Linksextremisten, deren Erbe im übrigen die heutige Partei „Die Linke“ ist, bewegten sich im Bereich der NS-Wiederbetätigung – bezogen auf ihre Haltung gegenüber Menschen jüdischen Glaubens. Was für ein schlimmes Ergebnis!

War das „Nie wieder!“ in Stukenbrock, auf mancher Kundgebung zum 1. Mai und natürlich an jedem DDR-Gedenktag also nur ein Lippenbekenntnis, war die Absage an den Antisemitismus der politischen Linken diesseits wie jenseits der Mauer schlichtweg eine Lüge? Jeffrey Herf legt mit seiner großen, glänzend recherchierten Studie diesen Schritt mehr als nahe. Er zeigt auch die nahtlos übergehenden Strukturen von der politischen Linken in der Bundesrepublik hinein in die Revolutionären Zellen (RZ), deren Mitglieder zum Beispiel die Flugzeugentführung von Entebbe im Jahre 1976 verübten. RU-Mitglieder wurden wiederum auf palästinensischen Schautafeln als „Märtyrer“ bezeichnet, die mit ihren „heiligen Blut (…) im Kampf gegen Imperialismus, Zionismus und Reaktion“ eröffnet hätten. Herf belegt diese und andere Unglaublichkeiten in Wort und Bild.

Die Faktenfülle, die Herf bietet, ist erdrückend. Und sie ist bedrückend, denn auch für die demokratischen und israelfreundlichen Menschen in Deutschland, die – jedenfalls hoffentlich – noch in der Mehrheit sind, ist es eine Belastung, sehen zu müssen, wie Sozialisten auch nach 1967 dort weiterzumachen versuchten, wo sie 1945 gestoppt wurden: bei der Ermordung von Juden. Und insofern lohnt dieses Buch – Seite für Seite, Kapitel für Kapitel. Das beste Resümee gibt schließlich der Autor selbst: „Das Ost-Berliner Regime und die radikalen Linken im Westen haben ein toxisches ideologisches Gebräu hinterlassen. Ihre verzerrten Darstellungen des Staates Israel, der massive Einsatz von Terror und die Rechtfertigung desselben werfen einen langen und verheerenden Schatten auf die Politik und die politische Kultur des Nahen Ostens, Deutschlands und der ganzen Welt.“

Dem Wallstein-Verlag in Göttingen ist das Kompliment zu machen, ein mutiges Buchprojekt realisiert zu haben, und es ist zu wünschen, dass dieser Mut nicht durch Anschläge auf Mitarbeiter und Verlagsgebäude bestraft wird, denn speziell in Göttingen ist das sozialistische, antisemitische und linksextremistische Lager besonders stark vertreten. Umso mehr: Chapeau! Der Band ist von Norbert Juraschitz kongenial ins Deutsche übertragen worden und im übrigen schön und solide produziert. Die Abbildung auf dem Schutzumschlag – Honecker und Arafat beim Bruderkuss – ist glänzend gewählt. Eine „überfällige Studie“ nennt der Wallstein-Verlag die Studie zu den „unerklärten Kriegen gegen Israel“, und das ist völlig zutreffend.

Diesem Buch sind viele, viele Leser zu wünschen – gerade auch solche, die in der Versuchung stehen, den Verlockungen des Sozialismus zu erliegen. Das Buch, das Jeffrey Herf vorgelegt hat, ist nicht nur notwendig. Nein, dieses Buch ist unverzichtbar.

Jeffrey Herf, Unerklärte Kriege gegen Israel – Die DDR und die westdeutsche radikale Linke 1967-1989. Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Juraschitz, 518 S., 19 Abb., geb., SU, ISBN 978-3-8353-3484-7, 39 Euro.

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Über Sebastian Sigler 13 Artikel
Der Journalist Dr. Sebastian Sigler studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bielefeld, München und Köln. Seit seiner Zeit als Student arbeitet er journalistisch; einige wichtige Stationen sind das ZDF, „Report aus München“ (ARD) sowie Sat.1, ARD aktuell und „Die Welt“. Für „Cicero“, „Focus“ und „Focus Money“ war er als Autor tätig. Er hat mehrere Bücher zu historischen Themen vorgelegt, zuletzt eine Reihe von Studien zum Widerstand im Dritten Reich.