Frank Wedekind – Rebell und Erotomane

Links - rechts rechts - links Foto: Stefan Groß

Frank Wedekind zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dramatikern des 20. Jahrhunderts. Seine größten Erfolge hatte er erst posthum in der Weimarer Republik. Er selbst ist leider relativ jung im Alter von 53 Jahren an den Folgen einer misslungenen Blinddarmoperation verstorben. Er konnte deshalb seine Erfolge nicht mehr erleben. Dies wäre ihm sehr wohl zu gönnen gewesen, denn er kämpfte jahrelang verbittert um eine Anerkennung der Fachwelt für seine Leistungen als Dramatiker. Bereits kurz nach seinem Tod war der Erste Weltkrieg zu Ende und die Zensurbehörden des Kaiserreiches verschwanden. Nun feierten seine Theaterstücke die größten Erfolge. In den vierzehn Jahren der Weimarer Republik gab es in Europa etwa 900 Inszenierungen und Tausende von Aufführungen von Wedekind-Werken. Am häufigsten wurden „Frühlings Erwachen“ und die beiden Vorläufer von „Lulu“ („Der Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“) gespielt. Mit dem Aufschwung der Nationalsozialisten und der Machtergreifung Adolf Hitlers war die Erfolgsserie von Frank Wedekind zu Ende. Die Inhalte seiner Dramen passten ganz und gar nicht zur Ideologie des Nazi-Regimes.

Gesellschaftliche Hindernisse

Zu Lebzeiten Wedekinds gab es innere und äußere Hinderungsgründe, die einen Erfolg seiner Dramen erschwerten. Die gesellschaftlichen Hemmnisse bestanden in der Ablehnung seiner Werke durch Zensurbehörden und Gerichte, sowie darin, dass die Gesellschaft für Wedekinds Themen noch nicht offen und tolerant genug war. Wedekind war seiner Zeit weit voraus und hat bevorzugt Tabu-Themen in seinen Dramen aufgegriffen. Kein Dramatiker der damaligen Zeit ist so häufig mit einem Aufführungsverbot belegt worden wie Frank Wedekind. Die Resonanz des Publikums und die Rezensionen der Theaterkritiker waren ebenfalls über viele Jahre sehr ablehnend. Diese geballte Zurückweisung und Ablehnung hat Frank Wedekind lange Zeit als große Kränkung erlebt und es hat ihn über die Jahre seelisch zermürbt.

Frank Wedekind als Rebell

Es gab hemmende Faktoren, die in der Persönlichkeit Frank Wedekinds lagen und seinen Erfolg erschwerten oder verhinderten. Dazu gehört zum einen das rebellische Wesen von Frank Wedekind. Er war ein Provokateur und ein Rebell. Die versuchte Rebellion in den Theatersälen und auf den Bühnen ist ihm von Amts wegen durch Aufführungsverbote verwehrt worden. Wedekind war jedoch auch in vielen anderen Lebensbereichen ein sehr „streitbarer Geselle“. Dies zeigt sich in seiner Herkunft, in seinen gelebten familiären Beziehungen und im Umgang mit Schriftsteller-Kollegen und mit Verlegern. In der eigenen Familie imponiert der Konflikt mit seinem Vater. Spätestens nach dem Abitur gab es immer wieder Streitigkeiten mit seinem Vater, die schließlich in Handgreiflichkeiten und Tätlichkeiten Wedekinds gegen seinen Vater eskalierten. Daraufhin hat ihn sein Vater des Hauses verwiesen und es blieb bei einem Kontaktabbruch bis zum Tod des Vaters. Eine Neuauflage familiärer Zerwürfnisse konstellierte Frank Wedekind in seiner Ehe mit Tilly Wedekind. Er hat relativ spät im 42. Lebensjahr geheiratet und war etwa doppelt so alt wie seine Ehefrau. Von Anfang an war er sehr dominant, kontrollierend und extrem eifersüchtig. Die permanenten Streitereien zermürbten das Ehepaar. Mehrmals war von Scheidung die Rede. Erst kurz vor seinem Tod hat Tilly noch einmal ihr Scheidungsgesuch zurückgenommen. Die Biographen sind einhellig der Meinung, dass der frühe Tod Wedekinds quasi einer unausweichlichen Scheidung zuvorgekommen ist.

Das rebellische Erbe – Großvater und Vater als Rebellen

Das rebellische Wesen von Frank Wedekind hat tiefe Wurzeln bei seinen Vorfahren, unter denen es ausgeprägte männliche Rebellen gegeben hat. Der Großvater mütterlicherseits, Jakob Friedrich Kammerer war ein großer Rebell. Er war erfolgreicher Unternehmer, denn er gründete zuerst in Ludwigsburg und dann in Zürich die ersten Zündholzfabriken Europas. Vom Wesen her war der Großvater sehr streitsüchtig und cholerisch. Er war bereits über 40 Jahre alt, als seine zweite Ehefrau starb. Kurz nach dem Tod seiner Frau buhlte er um die hübsche Hausangestellte Hanne, die eigentlich seinen Sohn Wilhelm heiraten wollte. Jakob Friedrich Kammerer setzte sich über die Wünsche aller Beteiligten hinweg und heiratete Hanne. Sein Sohn Wilhelm drohte, Hanne zu erstechen und seinen Vater umzubringen. Die Brüder von Wilhelm konnten ihn überreden, das Feld zu räumen und in der Ferne sein Glück zu suchen. Jakob Friedrich Kammerer, der Großvater von Frank Wedekind indes präsentierte überall stolz seine hübsche und wesentlich jüngere Frau. Der hohe Preis für das rücksichtslose Vorgehen des Großvaters war eine bald aufflammende Eifersucht. Was er getan hat – dem eigenen Sohn die Braut wegzunehmen – das fürchtete er jetzt selbst. Seine krankhafte Eifersucht suggerierte ihm, dass Rivalen oder Nebenbuhler an seiner wesentlich jüngeren Frau Interesse hätten. Die aktuelle Ehe war bereits die dritte Ehe im Leben von Jakob Friedrich Kammerer. Seine pathologische Eifersucht trieb ihn schließlich in den Wahnsinn. Er entwickelte unter anderem einen Eifersuchtswahn und drohte, seine junge Ehefrau mit einer schweren Eisenstange zu erschlagen. Es folgte ein Aufenthalt in einer Irrenanstalt. Der Biograph Anatol Regnier (2008, S. 16) kommentierte dies wie folgt: „Jakob Friedrich Kammerer hat, könnte man sagen, das Feuer zu bändigen versucht und ist an der eigenen Leidenschaft verbrannt.“ Der Feuer- und Zündholzexperte verbrannte selbst. Es ist sehr bemerkenswert, dass bezüglich des Ehedramas und der krankhaften Eifersucht große Gemeinsamkeiten zwischen dem Großvater und Frank Wedekind bestehen.

Auch der Vater von Frank Wedekind, Friedrich Wilhelm Wedekind, war ein Rebell. Bereits als Medizinstudent wurde er wegen „Beleidigungen des Hannoverschen Militärs“ eingesperrt. Nach dem Medizinstudium und der Promotion arbeitete er als Arzt in Konstantinopel. Nach der Revolution im Jahre 1848 war er mit den politischen Entwicklungen in Deutschland derart unzufrieden, dass er nach Amerika ausgereist ist. Dort eröffnete er eine Praxis als Gynäkologe und lernte dort seine Ehefrau kennen. Beide heirateten im März 1862 in Oakland. Bei der Eheschließung war der Vater Wedekinds 46 Jahre alt, seine Ehefrau Emilie 22 Jahre. Hier ist ebenfalls eine interessante Wiederholung des Schicksals. Frank Wedekind heiratete wie sein Vater sehr spät und auch er war etwa doppelt so alt wie seine wesentlich jüngere Ehefrau. Im Jahre 1863 zog das Ehepaar wieder nach Deutschland und lebte in Hannover. Der Vater Wedekinds kam bald in zahlreiche Konflikte mit preußischen Behörden in Hannover und entschloss sich deshalb, im Jahr 1872 in die Schweiz auszureisen und Schweizer Staatsbürger zu werden. Da er durchaus sehr vermögend war, konnte er sich in der Schweiz das Schloss Lenzburg im Aargau kaufen. Dort verbrachte der mittlerweile acht Jahre alte Sohn Frank Wedekind seine gesamte Schulzeit.

Zur Jahrhundertwende wegen Majestätsbeleidigung in Festungshaft

Im Herbst 1898 hat Frank Wedekind ein Spottgedicht auf Kaiser Wilhelm mit dem Titel „Im Heiligen Land“ der Zeitschrift „Simplicissimus“ veröffentlicht. Darin machte er sich über den Kaiser wegen seiner Palästina-Reise lustig. Der Kaiser jedoch fand dieses Gedicht gar nicht lustig. Die entsprechende Simplicissimus-Ausgabe wurde sofort beschlagnahmt. Frank Wedekind wusste, dass er mit einer Verhaftung rechnen muss. Auf den Rat mehrerer Freunde hin ist er deshalb aus Deutschland geflüchtet, zuerst nach Zürich, dann nach Paris. Schließlich hat er sich dann doch im Juni 1899 bei der Leipziger Polizei gestellt. Er kam sofort in Untersuchungshaft. Bei der Verhandlung am 4. August 1899 in Leipzig wurde er zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Nach sechs Wochen Gefängnis wurde er zur Festungshaft auf die Burg Königstein bei Dresden verlegt. Dort verbrachte er Silvester 1899 und damit den Übergang in das 19. Jahrhundert. Das neue Jahrhundert begann also für Frank Wedekind recht unrühmlich in Festungshaft und er ist damit als gescheiterter Rebell dem Vorbild seines Großvaters und seines Vaters gefolgt.

Frank Wedekind als Erotomane – sexuelle Inszenierungen in Tagebüchern und Dramen

Frank Wedekind war seit seiner Jugendzeit ein fleißiger Tagebuchschreiber. Nach seiner ersten Operation im Jahre 1914 las er nochmals seine Tagebücher und hat den Großteil vernichtet. Nur ein Heft blieb erhalten, das sich auf die Zeit von 1989 bis 1894 bezog, also auf die Zeit, die er in München, Paris und London verbracht hat. Besonders die Zeit in Paris (1891-1893) brachte für ihn persönlich einen „erotischen Durchbruch“. Die Hauptbeschäftigung seiner Pariser Jahre war offensichtlich ein ungezügeltes und ausschweifendes Sexualleben mit Ausprobieren aller sexuellen Variationen und Obsessionen. Sein Leben in dieser Zeit war geprägt durch nächtliche Streifzüge durch Cafés, Bars und Bordelle. In seinen Tagebüchern aus dieser Zeit beschreibt er sehr offenherzig und fast pornographisch seine sexuellen Phantasien und die entsprechenden selbsterlebten sexuellen Handlungen. Der Herausgeber der Tagebücher Gerhard Hay schrieb zusammenfassend in seinem Vorwort: „In Berlin und München ist Wedekind noch eher Voyeur, in Paris erlebt er Sinnlichkeit und nimmt sie dankbar an … Pointiert formuliert: Wedekind lebt die Themen der Dekadenz-Literatur.“ (Tagebücher, S. 13). Ausführlich beschreibt er normale Beischlafszenen mit Prostituierten ebenso wie seine bevorzugten Cunnilingus- und Fellatio-Praktiken sowie sadomasochistische Handlungen (Csef 2018). In den erotischen Tagebüchern finden wir die sexuellen Ausschweifungen, die Frank Wedekind selbst erlebt hat. In seinen Dramen erscheint das Spektrum aller möglichen sexuellen Themen. Bereits in seinem Erstlingswerk „Frühlings Erwachen“ ging es um das Entdecken des Sexuellen in der Pubertät. Dann finden sich aber auch erste Beschreibungen von sadomasochistischen Handlungen. Letztlich geht es in diesem Drama um die sexuelle Aufklärung von Kindern und Jugendlichen, um Selbstbefriedigung, Pornographie und Abtreibung. Das Drama „Totentanz“ enthält eine intensive Auseinandersetzung mit dem Leben von Prostituierten. Einen Höhepunkt der Vielfalt sexueller Inszenierungen finden wir im bekanntesten Werk von Frank Wedekind mit dem Titel „Lulu“. In diesem Drama begegnen uns alle möglichen Erscheinungsformen der sexuellen Abgründe von Menschen und alle Variationen des Geschlechterkampfes. Die Hauptthemen von „Lulu“ sind sexueller Missbrauch, weibliche Verführungskünste, Eifersucht, sexuelle Untreue, Sadomasochismus, Gattenmord, Prostitution, Lustmord und Homosexualität. In den 125 Jahren Theatergeschichte des Dramas „Lulu“ begegnet uns eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte: Beginn des Dramas im Jahre 1890 in Paris unter dem Eindruck der intensiven sexuellen Erlebnisse in der französischen Hauptstadt, Uraufführung des ersten Teiles „Der Erdgeist“ im Jahre 1905, Uraufführung der Opernfassung durch Alban Berg im Jahre 1937 in Zürich, Aufführung der gesamten Urfassung im Jahre 1988 durch Peter Zadek. Die Hauptperson des Dramas „Lulu“ ging in die Theater- und Operngeschichte als die „Femme fatale“ oder das „zerstörerische Weib“ ein. Lulu ist eine der großen Frauenrollen im Theater und in der Oper, vergleichbar mit Medea, Lady Macbeth oder Carmen. Fast jede berühmt gewordene Schauspielerin oder Opernsängerin träumt davon, einmal die Lulu spielen zu dürfen.

Der Enkel von Frank Wedekind, Anatol Regnier, gab der Biographie über seinen Großvater den treffenden Untertitel: „Eine Männertragödie“. In der Tat ist Frank Wedekind als Mann und sexuelles Wesen gescheitert. Je älter er wurde, umso mehr hat er sich selbst so erlebt. In jungen Jahren hat Wedekind in der Sexualität Lust gesucht und gefunden. Im höheren Alter ist ihm die Sexualität zum Fluch und Verhängnis geworden. Durch seine krankhafte Eifersucht wurde die Ehe mit der wesentlich jüngeren Frau Tilly zu einer Ehehölle und das Paar zerrieb sich in dieser destruktiven Leidenschaft. Die Einseitigkeit und Überbewertung des Sexuellen ist eine gefährliche Gratwanderung. Dies hat wohl Frank Wedekind immer wieder tief gespürt und geahnt. Folgende Sätze aus seinem Notizbuch Nr. 40 drücken dies sehr plastisch aus: „Der Schwanz ist der Lebenszweck. Der Kopf ist der Tröster des Schwanzes. Die geschlechtlichen Fähigkeiten bestimmen den Wert des Menschen. Die geistigen Fähigkeiten sind der Trost über schlechte Pflege und Behandlung. Die Geschlechtlichkeit ist absolute Herrin.“ (zit. n. Regnier 2008, S. 268). In der pathologischen Eifersucht als destruktiver Leidenschaft ist Frank Wedekind bedauerlicherweise dem Vorbild seines Großvaters Jakob Friedrich Kammerer gefolgt. Beide sind daran zugrunde gegangen. Der Enkel hat also das Schicksal seines Großvaters wiederholt. Die Psychoanalyse von Sigmund Freud beschreibt diesen Vorgang im Konzept des Wiederholungszwanges.

Weitere Literatur des Verfassers zu Frank Wedekind:

Csef, Herbert: Frank Wedekind zum 150. Geburtstag. Universitas 69, Nr. 815, Heft 5, S. 72-88 (2014)

Csef, Herbert: Die Inszenierung des Sexuellen im Leben und Werk von Frank Wedekind. Sexuologie 25 (2018)

Csef, Herbert: Der Schüler-Suizid in der Kindertragödie „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind. Suizidprophylaxe (2018)

Csef, Herbert: 125 Jahre „Lulu“ – das Drama von Frank Wedekind über sexuelle Abgründe und den Geschlechterkampf

Weiterführende Literatur:

Regnier, Anatol: Frank Wedekind. Eine Männertragödie, btb, 2008

Seehaus, Günter: Frank Wedekind. Rowohlt, 1974

Wedekind, Frank: Die Tagebücher. Ein erotisches Leben. Gerhard Hay (Hrsg.). Athenäum 1986

Wedekind, Frank: Werke. Kritische Studienausgabe, 15 Bände. Wallstein-Verlag 2016

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. H. Csef    

Schwerpunktleiter Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Zentrum für Innere Medizin

Medizinische Klinik und Poliklinik II

Oberdürrbacher Straße 6

97080 Würzburg

E-Mail-Adresse: Csef_H@ukw.de

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Über Herbert Csef 33 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.