Über Louis Fürnbergs Gedicht „Jena“

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Louis Fürnberg

JENA

Er hatte bloß eine Hand,

die andre verlor er im Kriege

bei einem glorreichen Nazi-Siege,

man suchte nach ihr,

man suchte nach ihr,

ohne daß man sie fand.

Er hat nichts gelernt,

er geht wieder um und schwärmt von Blank, –

das nächstemal bleibt von ihm

kaum mehr als Gestank.  (Werke 2, S. 427)

In seinen letzten Lebensjahren (1954 bis 1957) entstand Fürnbergs einstrophiges Gedicht „Jena“. Es besteht aus nur zwei Sätzen, die der Dichter in zehn Verse gegossen hat. Die ersten sechs Verszeilen sind balladesk- schildernd. Die sich anschließenden Zeilen, den zweiten Satz bildend,    haben ausschließlich einen bewertenden Duktus.

Erzählt wird von einem Einarmigen, der im II. Weltkrieg verwundet wurde. Dieser Namenlose hat aus dem ihm Zugestoßenen nichts gelernt:

„er geht wieder um und schwärmt und schwärmt von Blank, –“ wie es im achten und längsten Vers heißt. Böse prophezeit der Dichter dem Unbelehrbaren eine schlimme Zukunft.

Der Antifaschist Louis Fürnberg, der mit seiner Frau Lotte in der Nazizeit 28 Familienangehörige verloren hatte und in Weimar erfahren muss, dass seine Kinder Jahre nach dem Krieg antisemitischen Beschimpfungen ausgesetzt wurden, ist in seiner abschließenden Bewertung unerbittlich.

Unklar bleibt, warum der Poet diesen lyrischen Text mit „Jena“ überschrieiben hat. Ja, Fürnberg war – wie gezeigt werden konnte – in den fünfziger Jahren mehrfach in Jena. Indessen spricht einiges dafür, dass Fürnberg den Titel verfremdend nutzt, um in der Nachbarstadt an der Ilm Erfahrendes nicht direkt benennen zu müssen.

Das eingängig gebaute, unregelmäßig mit Endreimen arbeitende Fürnberg-Gedicht gehört keinem seiner Gedichtzyklen an. Im zweiten Band der Werkausgabe gibt es zu dem „Jena“- Gedicht keine kommentierende Lesehilfe.

Fast zeitgleich schrieb Bertolt Brecht das Gedicht „Der Einarmige im Gehölz“, welches er in seine letzte Sammlung „Buckower Elegien“ aufnahm. Bei Brecht erfährt der Leser erst im Schlussvers, dass es sich bei dem mühsam Brennholz Bündelnden um einen „gefürchteten SS-Mann“ handelt.

Über Ulrich Kaufmann 18 Artikel
PD. Dr. Ulrich Kaufmann wurde 1951 in Berlin geboren u. lebt seit 1962 in Jena. Hier hat er nach dem Abitur 1970 Germanistik und Geschichte studiert. 1978 wurde er in Jena über O.M.Graf promoviert u. 1992 über Georg Büchner hablitiert. Von 1978 bis 1980 war Kaufmann als Aulandsgermanist im polnischen Lublin tätig.Von 1999 bis 2016 Gymnasiallehrer für Deutsch u. Geschichte. Er hat 10 Bücher über die deutsche Literatur verfasst.