Vergewaltigungen durch die „Rote Armee“ – Waren die Opfer selbst schuld?

Mein Studienfreund Gerhard F. ist 1937 noch im altenOstpreußen geboren! Wir haben, Jahre vor dem Berliner Mauerbau 1961, miteinander Literaturwissenschaft studiert, an der Freien Universität in Berlin und später in Mainz, jetzt ist er Emeritus der Universität Koblenz-Landau. Während seiner aktiven Zeit hat er drei Ehrendoktortitel verliehen bekommen, einen in Polen, zwei in Russland. Während der Feiern zur dritten Auszeichnung an einer Universität in Sibirien wurde er, nachdem viel Wodka geflossen war, gefragt, was er denn über Russland denke. Er überlegte und antwortete dann, er hätte drei Russlandbilder im Kopf: das erste durch seinen Vater, der bis 1941 immer nach Russland auf Wolfsjagd gegangen sei, und das dritte durch die herzliche Gastfreundschaft, die er jetzt hier in Sibirien erfahre. Und das zweite Russlandbild? So wurde nachgefragt. Das sei negativ besetzt, antwortete er freundlich, er habe auf der Flucht 1945 aus Ostpreußen die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten der „Roten Armee“ selbst miterlebt. Davon, antworteten die sibirischen Germanisten, wüssten sie nichts, und das könnten sie auch, bei aller Freundschaft zu Gerhard F., nicht glauben.

Vergewaltigungen durch die „Rote Armee“? Von russischen Historikern wird das noch heute, 71 Jahre nach Kriegsende, heftig bestritten. Die Sowjetarmee wäre auf ihrem Vormarsch 1945 einem strengen Ehrenkodex verpflichtet gewesen, Übertretungen wären scharf geahndet worden. Die Wirklichkeit sah leider ganz anders aus. Im Herbst 1996 traf ich, wenige Tage vor seinem plötzlichen Tod, auf der Wartburg in Thüringen den CSU-Politiker Hans Klein (1931-1996), der aus Mährisch Schönberg im Sudetenland stammte. Er erzählte mir, dass 1945 drei seiner Klassenkameradinnen, alle 14 Jahre alt, von Rotarmisten zu Tode vergewaltigt worden waren. Nach heutigen Erkenntnissen waren rund 500 000 deutsche Frauen und Mädchen, vor allem aus Ostpreußen, Hinterpommern und Schlesien, von Vergewaltigungen betroffen, was manche linke Historiker hierzulande damit begründen, dass damit Rache geübt wurde für die Verbrechen, die die deutsche „Wehrmacht“ 1941/44 in Russland begangen hätte. Eine höchst merkwürdige Begründung, weil die „Rote Armee“ auf ihrem Vormarsch nicht nur deutsche, sondern auch polnische, slowakische, rumänische, ungarische Frauen vergewaltigt hat. Haben die Vergewaltiger vielleicht das wimmernde Bündel Mensch, das vor ihnen lag, nach der Nationalität befragt? Von der „Roten Armee“ wurden auch, wofür es Zeugnisse gibt, auf dem Vormarsch ganze Dörfer umstellt und zur Vergewaltigung freigegeben.

Der DDR-Schriftsteller Boris Djacenko (1917-1975), ein geborener Lette, hatte 1958 den Roman „Herz und Asche“ abgeschlossen. Er lief, ehe die Buchfassung selbst erscheinen konnte, schon als Fortsetzungsroman in der „Neuen Berliner Illustrierten“. Von einem Tag zum anderen wurde der Vorabdruck eingestellt, die Druckfahnen des Buches wurden eingestampft! Warum? Der Autor hatte es gewagt, die Vergewaltigung einer deutschen Frau durch Rotarmisten zu schildern. Der inzwischen auch verstorbene DDR-Schriftsteller Werner Liersch (1932-2014), der mit Boris Djacenko befreundet war, hat 1958 von ihm einen Satz Druckfahnen geschenkt bekommen, von denen ich mir Kopien ziehen durfte. Eine eigentliche Vergewaltigungsszene, so las ich, wird dort überhaupt nicht beschrieben, lediglich das Vergewaltigungsopfer, das voller Schmerzen im Bett liegt. Aber selbst diese Szene war den Literaturüberwachern vom ZK der SED zu viel, weshalb der Roman seine Leser nie erreichte.

Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf (1929-2011), die aus Landsberg an der Warthe in der Neumark stammte, war etwas schlauer als ihr Kollege Boris Djacenko. In ihrem Roman „Kindheitsmuster“ (1976) ließ sie die Vergewaltigungen nicht durch Sowjetsoldaten begehen, sondern durch desertierte Rotarmisten. Der Leser soll denken, diese Soldaten wären schon vor der Desertion verkommene Subjekte gewesen, deshalb hätten sie auch vergewaltigt. Im 17. Kapitel, überschrieben „Ein Kapitel Angst“, schilderte sie, wenn auch sehr dezent, Plünderungen und Vergewaltigungen der „Roten Armee“ in Mecklenburg 1945. Der Leser soll denken: Ein echter Rotarmist vergewaltigt nicht! Er denkt aber anders: Die Deserteure, die da deutsche Frauen vergewaltigen, waren vorher alle Soldaten der „Roten Armee“. Für die vergewaltigten Frauen in ihrer Angst und ihrem Schmerz war es höchst unerheblich, ob der Vergewaltiger desertiert war oder nicht!

In der DDR-Literatur war dieses Thema höchst unerwünscht! Man erinnert sich an Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ (2009), wo ein Verlagsleiter mit seinem Gutachter über ein von einer Schriftstellerin eingereichtes Romanmanuskript diskutiert, in dem Vergewaltigungen beschrieben werden. Der Verlagsleiter argumentiert so: „Aber die Frage ist, wem es nützt, wenn sie davon berichtet! Dieses Land hat es schwer genug, ebenso geht`s den Freunden (Das ist die sowjetrussischen Besatzungsmacht), und dann kommt die mit diesen ollen Kamellen! Mein Gott, wer hat denn den Krieg angefangen! Das ist die Gegenrechnung, und die jammert rum. Bloß weil ein paar Nazi-Weiber…“. Der Verlagslektor antwortet mit leiser Stimme: „Es waren nicht nur Nazi-Weiber…sie schildert ganz normale Leute.“ Und nun spricht der Verlagsleiter ein Machtwort: „Genau diese…ganz normalen Leute waren es doch, die 33 die Nazis gewählt haben! Sie haben Sturm gesät und wundern sich, dass ein Orkan zurückgekommen ist!“

Dass in der DDR-Literatur das Thema „Vergewaltigungen durch Sowjetsoldaten“ in den vier Jahrzehnten 1949/89 kein Thema sein durfte, ist nur allzu verständlich: Die 400 000 im SED-Staat zwischen Rügen und Rennsteig stationierten Soldaten garantierten schließlich den Machterhalt des SED-Politbüros, das mit harter Hand über knapp 17 Millionen Untertanen herrschte. Deshalb durften die sowjetischen „Freunde“ auf keinen Fall verstimmt werden! Paradebeispiel für die harsche Reaktion der DDR-Zensur ist der Fall des aus Oberschlesien stammenden Schriftstellers Werner Heiduczek (1926), der heute in Leipzig lebt. Er hatte 1977 den autobiografischen Roman “Tod am Meer“ veröffentlicht und darin, wenn auch in abgeschwächter Form, Vergewaltigungen 1945 in Oberschlesien erwähnt. Das genügte schon, dass Sowjetbotschafter Pjotr Andrejewitsch Abrassimow (1912-2009) bei Erich Honecker protestierte: Der Roman wurde sofort verboten!

Da verwundert es schon, dass eine 1962 in Freiburg geborene, 1998 promovierte und 2008 habilitierte Historikerin in ihrem neuesten Buch „Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs““ (2015) die Vergewaltigungsopfer in hämischer Weise verspottet. Miriam Gebhardt, die heute eine außerplanmäßige Professur in Konstanz versieht, erklärt mit einem Federstrich die vergewaltigten Frauen und Mädchen (wohlgemerkt: zwischen sechs und 80 Jahren alt!) „mindestens potentiell“ zu „Täterinnen“. Warum? Die Beweisführung ist einmalig in ihrer dreisten Dummheit und platten Unwissenschaftlichkeit: „Selbst Kinder waren nicht immer nur unschuldig, sondern haben sich unter Umständen an Schikanen von Zwangsarbeitern beteiligt, jüdische Mitschüler gemobbt und sich für Angehörige einer Herrenrasse gehalten.“ Mit einem Wort: Ostpreußische Mädchen, selbst im Kindesalter, durften guten Gewissens zu Tode vergewaltigt werden, weil sie einmal Hakenkreuzfähnchen geschwenkt hatten! Bei dieser verqueren Argumentation wird dem Leser schlecht!

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Jörg Bernhard Bilke
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Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.

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