Vom Geist der Gastfreundschaft: Interview mit Pater Pascal Meyerhans

Pater Pascal Meyerhans, Foto: Constantin und Ulrike von Hoensbroech
Einsiedeln Klosterkirche, Quelle: Constantin von Hoensbroech

Das Schweizer Benediktinerkloster Schweiz, rund 900 Meter hoch im Kanton Schwyz gelegen, ist eine bedeutende Station auf einem der verschiedenen Jakobswege. Es besteht ohne Unterbrechung seit dem Jahr 934. Der Gemeinschaft unter der Leitung von Abt Urban Federer gehören aktuell rund 50 Mönche an. Gemäß der Ordensregel des heiligen Benedikt von Nursia stehen Stundengebet, Eucharistie, Schriftlesung und das persönliche Gebet im Mittelpunkt der Mönche. Darüber hinaus sind viele von ihnen im Gymnasium, in der Betreuung von Pfarreien und Seelsorge, den klostereigenen Werkstätten und in der Wallfahrt tätig. Denn Einsiedeln ist der bedeutendste Wallfahrtsort der Schweiz. Erste Wallfahrten sind seit dem Ende des 11. Jahrhunderts bekannt. In diesem Jahr gibt es zudem ein Wallfahrtsjubiläum: Vor 200 Jahren wurde der Neubau der Gnadenkapelle mit der weltberühmten „Schwarzen Madonna“, das spirituelle Herz Einsiedelns, vollendet. Pater Pascal Meyerhans ist Gastpater der Abtei. Im Gespräch mit Graf und Gräfin Constantin und Ulrike von Hoensbroech äußert er sich über die theologischen und spirituellen, aber auch praktischen Aspekte der Gastfreundschaft.

Pater Pascal, vielerorts ist derzeit Urlaubszeit, Reisezeit, Ferienzeit. Diese Zeitabschnitte sind stets auch besondere Zeiten, um einerseits Gastfreundschaft anzubieten und andererseits diese auch zu erfahren. Was bedeutet dies an einem Ort wie Einsiedeln?

Als Kloster, zumal als Benediktinerkloster, hat die Gastfreundschaft für uns eine herausgehobene Bedeutung. Unsere Gäste können unsere Gastfreundschaft in verschiedenen Facetten erleben. Sei es beispielsweise durch Aufenthalte im Kloster oder durch den Besuch unserer Tagesgebete und Gottesdienste oder durch den Besuch eines unserer Orgelkonzerte.

In der Regel des heiligen Benedikt heißt es: Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus; denn er wird sagen: „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.“ Ist das der Kern der benediktinischen Gastfreundschaft?

Genau darum geht es: die Menschen aufnehmen wie Christus. Die Regel unseres Ordensgründers formuliert in diesem Sinne geradezu eine Gastfreundschaftspflicht.

„Allen erweise man die angemessene Ehre, besonders den Brüdern im Glauben und den Pilgern“, heißt es weiter in der Regel…

…und das gilt nicht zuletzt in Einsiedeln. Wir sind ja auch Wallfahrtsort. Zu uns kommen zahlreiche Pilger und – nicht zu vergessen – viele Ausflügler und Tagesgäste. Hier haben wir übrigens unser Konventamt werktags bewusst auf 11 Uhr gelegt, damit möglichst viele dieser Tagesausflügler unserer Einladung, daran teilzunehmen und auf diese Weise Gastfreundschaft, aber eben auch die Begegnung mit Gottes Gegenwart zu erfahren, wahrnehmen können. 

Die Regel stammt aus dem fünften Jahrhundert. Lässt sich das heute noch so leben?

Natürlich gibt es einige eher äußerliche Aspekte, die wir heute nicht mehr praktizieren. Etwa den Gästen die Füße zu waschen. Das war sicherlich ein Zugeständnis Benedikts an seine Zeit, als die Menschen meist barfuß unterwegs waren. Heutzutage begegnen wir unseren Gästen sicherlich distanzierter. Doch der Kern ist geblieben, nämlich durch die Aufnahme des Gastes etwas von der Gegenwart Gottes zu künden. 

Was heißt das praktisch?

Wir nehmen Gäste in zweierlei Hinsicht auf. Zum einen junge Männer, die sich entschlossen haben etwa zwei bis drei Wochen im Kloster so etwas wie ein Volontariat zu absolvieren. In dieser Zeit leben und arbeiten diese Gäste kostenfrei regelmäßig mit uns Mönchen und erfahren den Klosteralltag. Natürlich verbinden wir damit die Hoffnung, dass der ein oder andere sich möglicherweise dauerhaft an das Kloster bindet. Die andere Gruppe sind Männer, die auf der Suche nach Ruhe und Besinnung sind, weil sie sich – aus welchen Gründen auch immer – derzeit in einer persönlichen oder beruflichen und damit auch seelisch belastenden Notlage befinden. Diese Personen sind drei bis fünf Tage in sehr bescheidenen Zimmern hier, nehmen an den Gebeten und Mahlzeiten teil, sind aber ansonsten weitestgehend auf sich gestellt, beziehungsweise mit sich beschäftigt. Von diesen Personen nehmen wir ein Entgelt oder eine Spende. Das ist aber keine Bedingung. 

Wie sehen Sie Ihre Aufgabe als Gastpater?

Es geht ganz gewöhnlich darum, danach zu schauen, dass es den Gästen wohl ist, dass sie sich aufgenommen fühlen können und nicht den Eindruck haben, dass sie hier in einem sterilen Haus untergebracht sind. Beim Kaffee mit den Mönchen ergeben sich ja auch immer wieder Gelegenheiten zum unverbindlichen Austausch oder Anknüpfungspunkte für weiterführende Gespräche. 

Wird Gastfreundschaft dann zur Seelsorge?

Ja, aber in einem niederschwelligen Sinne. So, wie wir kein Hotelbetrieb sind, so verstehen wir unsere Gastfreundschaft auch nicht als Behandlung oder Therapie… 

…sondern als?

…eben als Teil unseres monastischen Lebens und Alltags, aber eben vor allem unserer Spiritualität. Die Gastfreundschaft ist dabei ein Element unserer Seelsorge, bei der sich Gott und die Begegnung mit Christus in besonderer Weise erfahren lassen. 

Lässt sich diese vorbehaltlose, ja menschenfreundliche Aufnahme des Fremden, von dem der heilige Benedikt ja explizit spricht, in unserer Zeit, in der das oder der Fremde vielfach als Risiko oder Bedrohung empfunden wird, aufrechterhalten? Können Sie davon ausgehen, dass jeder Gast respektive Fremder, der an die Klosterpforte klopft, tatsächlich mit guten Absichten kommt?

Dass das nicht immer gut geht, steht schon am Anfang unserer Klostergeschichte. Der heilige Einsiedler Meinrad, auf den die Gründung Einsiedelns im zehnten Jahrhundert zurückgeht, hat seine Mörder bewirtet, bevor diese ihn erschlugen. So drastisch ist es heute Gott sei Dank nicht. Dennoch braucht es sicherlich in einzelnen Fällen schon Fingerspitzengefühl, Sensibilität. Aber man merkt doch sehr schnell, etwa durch Telefongespräche oder auch durch E-Mails, welche Beweggründe jemand hat, einen Klosteraufenthalt zu erbitten. 

Zur Gastfreundschaft gehören immer zwei, der Gastgeber und der Gast. Haben Sie als Gastgeber spezielle Erwartungen an den Gast?

Wir erwarten, dass der Gast die klaren Regeln, die wir haben, respektiert und einhält. Ich glaube, dass sich dies generell für das Verhältnis von Gastgebern und Gästen sagen lässt. Bei uns ist es zudem so, dass unser Abt, sofern er im Hause ist, stets mit unseren Gästen frühstückt und auf diese Weise das Gespräch zwischen Gastgeber und Gast befördert. 

Gibt es aus Ihrer Sicht so etwas wie eine kultur- und oder religionsgeschichtliche Dimension der Gastfreundschaft?

Die benediktinische Gastfreundschaft, die ja als wichtiges Element auch für alle weiteren Ordensgründungen bedeutsam geworden ist, gibt es seit 1500 Jahren. Doch die spirituelle und theologische Quelle sind sicherlich die Evangelien. Jesus erfährt immer wieder Gastfreundschaft, in seinen Gleichnissen ist immer wieder von Gott als Gastgeber und dem einzelnen Menschen als Gast die Rede. Zudem: In der Apostelgeschichte, insbesondere in den Kapiteln zwei und vier, geht es zwar eher um das Vorbild für christliches Zusammensein. Aber von dorther wird auch die Gastfreundschaft beeinflusst. 

Wie haben Sie persönlich Gastfreundschaft erlebt?

Ich bin im Jahre 1955 als Schüler an das hiesige Gymnasium gekommen. In den folgenden sieben Jahren habe ich immer wieder die gastgebende Hand des Klosters erleben dürfen durch Patres, die uns geführt haben. So bin ich hier hineingewachsen. Über vierzig Jahre war ich Lehrer am Gymnasium, nun bin ich seit fünf Jahren als Gastpater tätig. Dass mir das einigermaßen gelingt, sehe ich mit Dankbarkeit daran, dass viele Gäste wiederkommen. Und auch das sehe ich als ein wesentliches, geistliches Merkmal der Gastfreundschaft: dass es gelingt, eine nachwirkende, vielleicht sogar dauerhafte Beziehung zwischen Gastgeber und Gast zu gestalten.

Klosteransicht, Quelle: Constantin von Hoensbroech

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