Goebbels Rhetorik und Putins Verzweiflung

Politische Kommunikation

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Putin betreibt ein erhebliches Maß an Selbstverleugnung. Sein Auftreten in der Öffentlichkeit erinnert an einen Narzissten, der Gaslighting zum politischen Prinzip erhoben hat – die gezielte Täter-Opfer-Umkehr. Geht Russland den Bach herunter, dann hat das in der Lesart Putins nichts mit seiner Politik zu tun. Vielmehr verbreitet er die Mär, die Ukraine sei eine Besatzungsmacht und der Westen am Niedergang Russlands interessiert.

Immer mehr russische Medien und Analysten bescheinigen Putin, die Lage zu verkennen. Drastisch bringt es zum Beispiel der Chefkolumnist der kremelfreundlichen Moskowski Komsomolez, Michael Rostowski, nach Putins Rede vor dem St. Petersburger Wirtschaftsforum zum Ausdruck: Er habe in Putins Äußerungen zur Stimmungslage ein Element der Vortäuschung und Künstlichkeit gespürt. Die Lektüre des Redemanuskripts sei für ihn beängstigend und verstörend. In den Worten des Präsidenten komme ein aufrichtiger Glaube zum Ausdruck. Der russische Staatspräsident scheine tatsächlich nicht zu verstehen, dass andere nicht sehen können, was er sieht. Weder die rasante Inflation, die hohe Verschuldung noch die besorgniserregende Umweltverschmutzung hätten Putin zufolge irgendetwas mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine zu tun. Die auf Wirtschaftsthemen spezialisierte russische Tageszeitung „Kommersant“ schreibt, Putins Plan für einen technologischen Durchbruch und die Gestaltung der zukünftigen Techno-Ökonomie werfe Fragen auf. Drängende Probleme der russischen Wirtschaft, die mit den Sanktionen des Westens ringt, habe Putin nicht aufgegriffen.

Unverkennbar gibt es zwischen Putins verquerem Weltbild, seinen Verschwörungstheorien, dem Opfergehabe und dem blanken imperialistischen völkerrechtswidrigen Gebaren deutliche Parallelen zum Nazi-Propagandaminister Josef Goebbels, der in seiner Sportpalastrede 1943 die deutsche Bevölkerung zum totalen Krieg aufzupeitschen versuchte. Goebbels hielt diese Rede vor dem Eindruck der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad am 2. Februar 1943. Wie Goebbels den Feldzug gegen die Sowjetunion als Reaktion auf eine Bedrohung gegen Deutschland und ganz Europa kennzeichnete, so stilisiert Putin den Krieg in der Ukraine – den er selbst nicht als solchen bezeichnet – zur Bedrohung des ganzen russischen Volkes durch den vereinigten Westen hoch. Dies alles kurz nach dem überstürzten Rückzug der russischen Truppen in der Region Charkiw.

Die gleiche Emotionalisierung, mit der Goebbels sich an das deutsche Volk, „seine heiligsten Güter, seine Familien, seine Frauen und seine Kinder, die Schönheit und Unberührtheit seiner Landschaft (…) und alles, was uns das Leben lebenswert macht“, wandte, verfolgt Putin, indem er behauptet, Russland befreie mit seiner Spezialoperation im Donbass Städte und Dörfer von Neonazis und helfe Menschen, die das Kiewer Regime zu Geiseln und menschlichen Schutzschildern macht. In der Begründung für die Teilmobilmachung in Russland sagte Putin wörtlich: „Es wird hier um die notwendigen, dringenden Schritte zum Schutz der Souveränität, der Sicherheit und der territorialen Integrität Russlands gehen, um die Unterstützung des Wunsches und des Willens unserer Landsleute, ihre Zukunft selbst zu bestimmen, und um die aggressive Politik einiger westlicher Eliten, die mit allen Mitteln versuchen, ihre Vorherrschaft aufrechtzuerhalten, und zu diesem Zweck versuchen, jegliche souveränen, unabhängigen Zentren der Entwicklung zu blockieren und zu unterdrücken, um auch weiterhin anderen Ländern und Völkern ihren Willen grob aufzuzwingen und ihre Pseudowerte einzupflanzen. Das Ziel dieses Westens ist es, unser Land zu schwächen, zu spalten und letztlich zu zerstören.“ Im weiteren Redeverlauf spricht Putin sogar von der „totalen Russophobie“. Die sprachliche Parallele zu Goebbels „totalem Krieg“ ist unverkennbar.

Ähnlich wie Goebbels baut Putin seine Argumentation auf Narrativen auf, indem er der Ukraine vorwirft das zu tun, was faktisch Russland der Ukraine antut – Gaslighting eben. Der Westen habe das ukrainische Volk zu Kanonenfutter gemacht und es in den Krieg mit Russland getrieben.

Wie Goebbels damals die Sowjetunion und England stilisiert Putin den Westen zum Aggressor auf. Doch es ist es Russland, das unter Putins Führung dabei ist, sich selbst zu zerstören. Mit der Teilmobilmachung reagiert der russische Präsident also auch auf die Sinnlosigkeit des Feldzugs in der Ukraine. Sein Handeln zeugt von Verzweiflung. Bleibt zu hoffen, dass die lauter werdende Kritik an Putins Gebaren in der russischen Öffentlichkeit ihre Wirkung zeigen wird – und der Westen auch in Zukunft geschlossen zur Ukraine steht.

 

Prof. Dr. Thomas Bippes, Professur Medien- und Kommunikationsmanagement, SRH Fernhochschule – The Mobile University

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Thomas Bippes ist Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der SRH Fernhochschule – The Mobile University und Gesellschafter einer Online-Marketing Agentur. Bippes war unter anderem wissenschaftlicher Referent im Landtag Hessen und Pressesprecher von CDU Rheinland-Pfalz und CDU-Landtagsfraktion.