Estnischer Geheimdienst: Russland greift nicht an

grenzen land karte russland, Quelle: OpenClipart-Vectors, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig
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Russland werde in absehbarer Zeit weder Estland noch die Nato angreifen. Vor dem Hintergrund anschwellender Kriegsgesänge ist dies doch sicher eine Lüge!? Einen Moment. Denn diese Einschätzung stammt von Kaupo Rosin. Er ist Chef ausgerechnet des estnischen Auslandsgeheimdienstes. – Eines vergleichsweise winzigen russischen Nachbarstaates. In einem Interview mit dem Sender ERR des Öffentlichen Estnischen Rundfunks wartete er kürzlich mit der geradezu grundstürzenden Nachricht auf, Russland sei aktiv bemüht, eine Konfrontation mit der Nato zu vermeiden. Wenn dem so ist, dann sagt offenbar jemand nicht die Wahrheit. Immerhin heißt es auf den Seiten des Bundestags über den Präsidenten des Bundenachrichtendienstes, Martin Jäger im Bundestag (13. Oktober 2025):

„Der BND-Präsident warnte auch davor, sich in der Annahme zurückzulehnen, ein möglicher russischer Angriff käme frühestens 2029. ‚Wir stehen schon heute im Feuer. Unser Gegner kennt keine Rast- und Ruhezeiten‘, sagte er.“

Während diverse Politiker einen russischen Angriff für ungefähr 2029 an die Wand malen, wird er vom BND-Chef sogar noch vorverlegt. Rein logisch betrachtet, ergäbe dies vielleicht auch mehr Sinn. Denn warum Russland ausgerechnet erst zu einem Zeitpunkt angreifen, zu dem Deutschland planmäßig von der See bis in die Bergspitzen hochgerüstet sein soll?

Unterdessen bläst der estnische Geheimdienst einen solchen bevorstehenden russischen Angriff nun kurzerhand ab. Schauen wir kurz in das Interview vom 29. Dezember 2025:

(Frage)

„Wenn wir über die Einschätzung der Bedrohungslage sprechen, wie hat sich diese aus estnischer Sicht von Anfang bis Ende des Jahres verändert?“

(Antwort Rosin)
„Was wir bis heute sehen, ist, dass Russland derzeit nicht die Absicht hat, einen der baltischen Staaten oder die NATO insgesamt anzugreifen. Wir haben festgestellt, dass Russland aufgrund unserer Reaktionen sein Verhalten nach verschiedenen Vorfällen in der Region geändert hat. Bislang ist immer noch klar, dass Russland die NATO respektiert und derzeit versucht, einen offenen Konflikt zu vermeiden.“

Wer sagt hier die Wahrheit? Der BND-Präsident gemeinsam mit einer ganzen Reihe deutscher Spitzenpolitiker? Oder der Chef des estnischen Auslandsgeheimdienstes? Oder sollte es so sein, dass Deutschland schlicht nicht weiß, was den Esten bekannt ist? Letzteres ist kaum glaubhaft, da wir überall von der nahtlosen Verzahnung innerhalb der NATO lesen. Wenn Estland etwas Bahnbrechendes erfährt, dann weiß es innerhalb der nächsten Stunde auch die NATO.

Wer Recht hat, kann hier nicht entschieden werden. Das zu tun ist Sache professionellen Journalismus, der in diesen Tagen zu diesem Thema merkwürdig schweigt. Immerhin fand sich diesbezüglich eine kleine Meldung in der Berliner Zeitung vom 30.12.2025, am 2. Januar 2026 dann etwa auch der MERKUR. Ansonsten: Stille wie nach massivem Schneefall. Und draußen ist Glatteis.

Wenn die Informationen, die dem Chef des estnischen Auslandsgeheimdienstes vorliegen, nicht nur gültig sind, sondern auch den Bündnispartnern innerhalb der NATO vorliegen, dann stehen wir vor einem ungeheuren Skandal. Denn die horrende deutsche Aufrüstung, die zu schlimmen sozialen Verwerfungen führt, wäre dann auf einer Unwahrheit aufgebaut.

In seinem lesenswerten und oben verlinkten Interview gibt Kaupo Rosin zu verstehen:

Trotz des aufgeheizten politischen Klimas deuten die Anzeichen auf eine bewusste und aktive russische Strategie zur Vermeidung eines direkten militärischen Konflikts mit der NATO hin.

Fazit: Die Presse als vierte Gewalt im Staate ist gefordert. Sie muss der Bundesregierung Stellungnahmen zu den estnischen Erkenntnissen abverlangen.

Über Karim Akerma 83 Artikel
Dr. Karim Akerma, 1965 in Hamburg geboren, dort Studium u.a. der Philosophie, 1988–1990 Stipendiat des Svenska Institutet und Gastforscher in Göteborg, Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Leipzig, Tätigkeit als Übersetzer aus dem Englischen, aus skandinavischen und romanischen Sprachen. Wichtigste Publikationen: „Verebben der Menschheit?“ (2000), „Lebensende und Lebensbeginn“ (2006) sowie "Antinatalismus - Ein Handbuch" (2017).