NS-Raubkunst: Bayern gibt Amerling-Gemälde an Rosenthal-Erben zurück

RESTITUTION DES GEMÄLDES „BILDNIS EINES JUNGEN MANNES“ VON FRIEDRICH VON AMERLING AN DIE ERBEN NACH JACQUES UND EMMA ROSENTHAL

Friedrich von Amerling Bildnis eines jungen Mannes, 1833 Öl auf Leinwand, 46,1 x 37,5 cm Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Friedrich von Amerling Bildnis eines jungen Mannes, 1833 Öl auf Leinwand, 46,1 x 37,5 cm Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen restituieren Friedrich von Amerlings „Bildnis eines jungen Mannes“ an die Erben von Jacques und Emma Rosenthal. Der Fall zeigt, wie eng Kunsthandel, Verfolgung, wirtschaftlicher Druck und staatliche Erwerbspolitik in der NS-Zeit miteinander verflochten waren.

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen restituieren ein Gemälde von Friedrich von Amerling an die Erben nach Jacques Rosenthal. Diese Rückgabe ist das Ergebnis intensiver Provenienzforschung und ein weiterer wichtiger Schritt in der Aufarbeitung nationalsozialistischer Enteignungen.

KÜNSTLER UND WERK
Friedrich von Amerling (1803–1887) zählt zu den bedeutendsten österreichischen Malern seiner Zeit. Nach einem Studium an den Akademien in Wien und Prag waren Aufenthalte in London und Paris für seine weitere künstlerische Entwicklung prägend. Er nahm vor allem Einflüsse der naturalistischen englischen Malerei auf und entwickelte einen repräsentativen, dabei wirklichkeitsnahen Porträtstil, der ihn zum gefragten Porträtmaler der Biedermeierzeit in Wien machte. Später widmete er sich vor allem der Genremalerei.

Das „Bildnis eines jungen Mannes“ gehört zu Amerlings Frühwerk und zeichnet sich durch eine unmittelbare Beobachtung und Lebensnähe aus. Signatur und Datierung hat Amerling mit dem Pinselstil in die noch feuchte Farbe geritzt. Das Bild entstand demnach am 28. August 1833 und zeigt einen jungen Mann, der mit schwarzem Mantel, weißem Hemd mit Vatermörderkragen und Binde der damaligen Mode entsprechend gekleidet ist.

HERKUNFT DES GEMÄLDES UND VERFOLGUNG DER FAMILIE ROSENTHAL
Das Gemälde befand sich seit 1930 im Eigentum des renommierten Münchner Antiquars Jakob (Jacques) Rosenthal (1854-1937). Er und sein älterer Bruder Ludwig Rosenthal (1840–1928) führten in München Kunst- und Antiquariatshandlungen. Ludwig Rosenthal begründete sein Geschäft „Antiquariat Rosenthal“ in Fellheim und war bereits ab 1867 in München ansässig. Jakob (Jacques) Rosenthal eröffnete sein Geschäft 1895 in der Karlstraße und nannte es „Antiquariat Jacques Rosenthal“, später zog er in ein repräsentatives Stadtpalais in der Brienner Straße. Zudem expandierte die Firma mit Niederlassungen in Berlin und der Schweiz und war weltweit für hochwertige Handschriften und Inkunabeln bekannt. Jacques Rosenthal wurde vielfach ausgezeichnet und trug den Titel eines kaiserlichen, kgl.-preußischen und kgl.-bayerischen Hoflieferanten. Unterstützt wurde er seit den 1910er Jahren von seinem Sohn Erwin Rosenthal (1889–1981).

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 geriet das Unternehmen von Jacques Rosenthal ins Visier der antisemitischen Repressionen. SA-Wachen vor dem Haupteingang boykottierten das Geschäft. Im August 1935 erhielt das Antiquariat von der Reichskulturkammer die Anweisung, innerhalb von vier Wochen zu schließen. Um einer erzwungenen Schließung zuvorzukommen, entschloss sich die Familie zum raschen Verkauf des Unternehmens. Der ehemalige Mitarbeiter Hans Koch (1897–1978) übernahm [arisierte] das Geschäft im Dezember 1935. Während einige Familienmitglieder ins Exil gingen, blieben Jacques und seine Ehefrau Emma Rosenthal in München und zogen nach dem Verkauf ihres Hauses im Juli 1935 in das Hotel Regina. Ihr gesamtes Mobiliar wurde verkauft oder weit unter Wert veräußert.

VERKAUF DES GEMÄLDES UND ERWERB DURCH DIE BAYERISCHEN STAATSGEMÄLDESAMMLUNGEN
Jacques Rosenthal lieferte das Gemälde von Friedrich von Amerling vermutlich im August oder im Laufe des Jahres 1935 bei der Kunsthandlung Böhler in München ein. Julius Böhler übernahm das Werk in Kommission und stellte es am 26. Februar 1936 zur Ansicht in den Pinakotheken vor. Im Laufe des Jahres erwarben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen das Werk durch ein Tauschgeschäft, bei dem sie andere Kunstwerke als Gegenleistung an die Kunsthandlung Böhler abgaben. Der damalige Generaldirektor Ernst Buchner erwarb neben dem Amerling-Gemälde zwei italienische Werke von Starnina und Crespi für die Alte Pinakothek. Im Gegenzug überließ er der Kunsthandlung drei niederländische Gemälde von Netscher, Isenbrand und Ruijsdael. Böhler zahlte Emma Rosenthal im Oktober 1936 350 Reichsmark in bar für das Gemälde aus, das 1930 von Jacques Rosenthal noch für 2.500 Reichsmark der Kunsthandlung Heinemann angeboten worden war. Damals wurde es als Porträt des Malers Moritz von Schwind angeboten, während es die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sechs Jahre später als „Bildnis eines jungen Mannes“ erwarben. Neben der wirtschaftlichen Notlage und der Verfolgungssituation führte diese Umbenennung zu einer erheblichen Wertminderung.

SCHICKSAL DER FAMILIE ROSENTHAL
Jacques Rosenthal verstarb am 5. Oktober 1937 im Alter von 83 Jahren im Hotel Regina in München. Seine Ehefrau Emma lebte dort bis zu ihrer Auswanderung im Dezember 1939 und verstarb im Juni 1941 in der Schweiz. Ihre Emigration war mit hohen finanziellen Belastungen verbunden, darunter Sühneabgaben und Reichsfluchtsteuer. Der Sohn Erwin Rosenthal emigrierte mit seiner Familie nach Florenz und später in die USA und überlebte so den Holocaust.

BEISPIEL FÜR NETZWERK PROVENIENZFORSCHUNG
Der Fall unterstreicht die Bedeutung der Zusammenarbeit bei der Restitution von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen wurden bei der Forschung von Franziska Eschenbach aus dem Forschungsprojekt „Rekonstruktion der privaten Kunstsammlung von Jacques, Emma und Erwin Rosenthal“ am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München unterstützt. Sie setzen mit der Restitution des Amerling-Gemäldes ihr Engagement für die Erforschung und Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kunstwerken fort. Diese Maßnahme ist ein weiterer Schritt zur Wiedergutmachung historischen Unrechts und zur Aufarbeitung der Geschichte jüdischer Sammler und Kunsthändler.

ANTON BIEBL, LEITER DER BAYERISCHEN STAATSGEMÄLDESAMMLUNGEN
„Mit der Rückgabe des Kunstwerks würdigen der Freistaat Bayern und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen das Verfolgungsschicksal der Familie Rosenthal. Von den Nationalsozialisten boykottiert, Ende 1935 zur Schließung des „Antiquariats Jacques Rosenthal“ in der Brienner Straße gezwungen und zur Flucht genötigt. Diese Restitution ist ein gutes Beispiel für die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Vertretern der Erbengemeinschaft und dem Netzwerk Restitution.“

KUNSTMINISTER MARKUS BLUME
„Vergangenheit aufklären, Gerechtigkeit ermöglichen: Auch mehr als acht Jahrzehnte nach der NS-Herrschaft bleibt die Aufarbeitung nationalsozialistischen Unrechts eine dauerhafte Verpflichtung. Die Rückgabe des Amerling-Gemäldes an die Erben nach Jacques Rosenthal ist Ausdruck dieser Verantwortung. Die Geschichte der Familie Rosenthal macht eindringlich deutlich, wie systematische Ausgrenzung und Entrechtung Menschen ihrer Existenz, ihrer Sicherheit und ihrer Zukunft beraubte. Unser Anspruch ist es, solche Fälle aufzuklären, Unrecht sichtbar zu machen und gerechte Lösungen zu finden. Dass dies hier gelungen ist, verdanken wir engagierter Provenienzforschung. Mein Dank gilt allen, die zur Aufklärung beigetragen haben. Ihre Arbeit ist unverzichtbar für eine lebendige Erinnerungskultur.“

ERBEN NACH JACQUES UND EMMA ROSENTHAL
„Das Engagement der Stadt München mit dem Nachlass der Familie Rosenthal seit 25 Jahren, sowohl archivarisch als auch kunsthistorisch, besteht aus einer idealen Destillation von Forschung und Expertise, die sich durch die Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft ständig ernährt.“

Friedrich von AmerlingBildnis eines jungen Mannes, 1833 Öl auf Leinwand, 46,1 x 37,5 cm Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Friedrich von Amerling
Bildnis eines jungen Mannes, 1833
Öl auf Leinwand, 46,1 x 37,5 cm
Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen