Monika Marons Tagebücher: Viel „Flugasche“, wenig Tagebuch

Zwischen Bitterfeld und Westreisen: Warum Monika Marons Tagebücher enttäuschen

Paul Krugman und Robin Wells: Volkswirtschaftslehre Lehrbuch, : Bücher, Literatur, Wissen, Quelle: Hermann, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig

Monika Marons Roman „Flugasche“ war in der DDR ein literarischer Einspruch gegen Umweltzerstörung und ideologische Schönfärberei. Ihre nun veröffentlichten Tagebücher von 1980 bis 2021 versprechen Einblick in vier Jahrzehnte deutscher Geschichte. Doch gerade dort, wo Mauerfall, Wiedervereinigung und biografische Erschütterung zu erwarten wären, bleiben große Lücken.

Wer vor dem Mauerfall in Berlin 1989 ins Industrierevier Halle-Bitterfeld-Merseburg fuhr, konnte sehen und riechen, wie die giftigen, aus den Schornsteinen quellenden Dämpfe die Leute dort krank machten. Darüber schreiben durfte man nicht! Der „reale Sozialismus“ war, so stand es in der Zeitung, menschenfreundlich! Wer das bestritt, galt als Staatsfeind“.

In zwei Romanen angesehener DDR-Autoren, in Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ (1963) und in Erik Neutschs „Spur der Steine“ (1964), wird, jeweils auf der ersten Seite, die düstere Szenerie, die sich dem Betrachter bot, zumindest angedeutet. So heißt es bei Erik Neutsch „Tag und Nacht wälzt sich der Qualm aus den sechzehn Essenschlünden, Tag und Nacht. Er schwärzt im Winter den Neuschnee auf den Äckern, rußt im Frühling über die weißen Blüten der Kirschbaumzeilen an der Chaussee, trübt sogar im Herbst noch die novemberdunklen Flüsse und umflort im Sommer die heiße, gelbe Sonne. Wenn der Wind vom Westen herüberweht, was nicht selten geschieht, dann drückt er den Rauch der Fabriken in die Straßen der Stadt, dann bringt er oft Regen mit, einen schmutzigen, klebrigen Regen, der den Ruß aufgesaugt hat und ihn auf das Pflaster, die Dächer, auf die Felder und die Baumkronen legt.“

Kritik an mangelndem Umweltschutz im SED-Staat sind diese Beschreibungen von Industrielandschaften aber noch nicht! Geliefert hat sie Jahre später die 1941 in Berlin geborene Journalistin Monika Maron,Stieftochter seit 1955 des SED-Politikers Karl Maron (1903-1975), mit ihrem ersten Roman „Flugasche“ (1981), der in keinem DDR-Verlag erscheinen durfte. Fast wortwörtlich mit Erik Neutschs Text übereinstimmend beschrieb sie das Umfeld der „Arbeiterklasse“, die angeblich den Sozialismus aufbaute: „Die Schornsteine, die wie Kanonenrohre in den Himmel zielen und ihre Dreckladung Tag für Tag und Nacht für Nacht auf die Stadt schießen, nicht mit Gedröhn, nein, sachte wie Schnee, der langsam und sanft fällt, der die Regenrinnen verstopft, die Dächer bedeckt, in den der Wind kleine Wellen weht.“

Was in den beiden Romanen von Christa Wolf und Erik Neutsch noch als Beschreibung der Örtlichkeit gelten mochte, in die die Romanhandlung eingebettet ist, das wird im Kontext des Romans „Flugasche“ zum „staatsfeindlichen Akt“. Die junge Journalistin Josefa Nadler, die bei der fiktiven Zeitung „Illustrierte Woche“ arbeitet, wird von ihrer Redaktion nach Bitterfeld bei Halle geschickt, weil sie eine Reportage über das dort betriebene Braunkohlekraftwerk schreiben soll. Der Text wird aber, weil er zu kritisch ausgefallen ist, nicht gedruckt. Als Begründung wird angegeben, die Verfasserin betreibe „Schwarzmalerei“.

Als Monika Maron ihr Tagebuch am 24. März 1980 eröffnet, ist ihr Roman abgeschlossenund liegt dem S. Fischer-Verlag in Frankfurt/Main und seinem Lektor Thomas Beckermann zur Begutachtung vor. Er erschien 1981 zum Missvergnügen des SED-Politbüros und erregte hohes Aufsehen.

Wenn man diese 233 Seiten angeblicher Tagebücher, die, wie behauptet wird, 41 Jahre umfassen sollen, gelesen hat, dann ist man enttäuscht über die dürftige Substanz dessen, was dem Leser hier geboten wird. Der Autorin freilich ist kein Vorwurf zu machen, denn schon in der „Vorbemerkung“ lässt sie uns wissen: „Eigentlich war ich entschlossen,meine Tagebücher vor meinem Tod zu verbrennenMeine Tagebücher waren nie für die Veröffentlichung geschrieben, nur zur Selbstverständigung und für meine Erinnerung.“

Verglichen mit den 1997/98 veröffentlichten Tagebüchern einer anderen DDR-Schriftstellerin, der frühverstorbenen Brigitte Reimann (1933-1973), die, vereint mit mehreren Briefwechselbänden, das Prosawerk zu überwuchern drohen, sind die Aufzeichnungen Monika Marons eher armselig. Dass das keine echten Tagebücher sind, zeigen schon die zahlreichen Textlücken wie die vom 9. Mai 1989 bis 2. Oktober 1990oder die von 2014 bis 2019. Das, was die 28 Jahre lang eingesperrten DDR-Bewohner 1989/90 unerhört aufgeregt hat, der Mauerfall und die Wiedervereinigung, kommt hier überhaupt nicht vor!

Stattdessen berichtet sie über zahlreicheWestreisen, die ihr von ihrem Staat, dem sie kritisch gegenübersteht, gestattet werden. Diese Reisen führen sie seit 10. Oktober 1983, da ist ihr Roman „Flugasche“ schon zwei Jahre im westdeutschen Buchhandel, nach Westdeutschland, England, Frankreich, Italien und in die Vereinigten Staaten. Auf diesen Reisen trifft sie immer wieder, selbst im fernsten Winkel der Welt, ausgebürgerte DDR-Autoren.

Wie ein Leitmotiv (zuerst am 20. November 1980) zieht sich durch das Buch die ständige Erwähnung des Schriftstellers Ernst Toller (1892-1939), der nach dem Ersten Weltkriegan der Errichtung der Münchner Räterepublik 1919 mitgewirkt hat und deshalb zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt wurde, der danach in der Weimarer Republik zu einem vielgespielten Dramatiker wurde, 1933 emigrierte und sich am 22. Mai 1939 in New York umbrachte. Auf ein offensichtlich geplantes Buch über den jüdischen Revolutionär aus Preußen wartet der Leser aber noch immer!

Monika Maron „Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig“. Tagebücher 1980-2021“, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2026, 237 Seiten, 28.00 Euro

Über Jörg Bernhard Bilke 288 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.