Laibach: Vier Jahrzehnte Provokation – jetzt im Popgewand

Quelle: Laibach

Laibach wurde 1980 in Trbovlje, Slowenien (damals Teil Jugoslawiens), gegründet – der Name ist die deutsche Bezeichnung für Ljubljana aus der Zeit der habsburgischen und später nationalsozialistischen Besatzung, bewusst als Provokation und historischer Verweis gewählt. Die Band entstand in der Industrie- und Bergbaustadt Trbovlje und wurde schnell zum Aushängeschild der Neuen Slowenischen Kunst (NSK), einer Kunstbewegung, die sich die Ästhetik totalitärer Regime aneignete, um sie zu überzeichnen und zu hinterfragen. Mit ihrer Uniformität, martialischen Bildsprache und dem Einsatz von Marschrhythmen sorgten sie in den 1980er-Jahren für Aufsehen und Kontroversen – ihre Kunst wurde von manchen als Verherrlichung des Faschismus missverstanden, von anderen als scharfe Systemkritik gelesen. Genau diese Ambivalenz, die sogenannte „Überidentifikation“, wurde zu ihrem Markenzeichen.

Musikalisch bewegte sich Laibach zunächst zwischen Industrial, martialischer Musik und neoklassischen Stilen, bevor die Band Ende der 1980er- und in den 1990er-Jahren durch Coverversionen bekannter Songs einem breiteren Publikum bekannt wurde – etwa Queens „One Vision“ oder Opus‘ „Life is Life“. Diese Neuinterpretationen, oft in ein dunkleres, martialisches Gewand gehüllt, wurden zum Kern ihres künstlerischen Konzepts: vertraute Popkultur zu nehmen und sie durch eine verzerrende, ideologiekritische Linse zu brechen.

Auch nach dem Zerfall Jugoslawiens blieb Laibach aktiv und politisch relevant – mit Alben, Filmmusiken (unter anderem für „Iron Sky“) und ungewöhnlichen Projekten, darunter 2015 als eine der ersten westlichen Bands, die in Nordkorea auftraten. Bis heute hat sich Laibach immer wieder neu erfunden, ohne seine künstlerische Grundhaltung aufzugeben – Übertreibung und Uniformität bleiben ihre Werkzeuge der Kritik. Mit dem aktuellen Album MUSICK und der dazugehörigen Tour zeigt die Band erneut ihre Wandlungsfähigkeit: klanglich zugänglicher, aber mit demselben ambivalenten, provokanten Kern, der sie seit über vier Jahrzehnten auszeichnet.

Markus Hofmann: Laibach gibt es nun seit über 40 Jahren. Was ist euer Geheimnis, euch ständig neu zu erfinden, ohne den Kern eurer künstlerischen Identität zu verlieren?

Laibach: Wir bleiben einer Methode treu, nicht einem festen Stil. Laibach wurde nie durch ein einzelnes musikalisches Genre, eine visuelle Sprache oder einen politischen Kontext definiert. Unsere Identität liegt in der Art und Weise, wie wir dieses Material verarbeiten: durch Aneignung, Transformation, Überidentifikation und Konfrontation.

Die Welt verändert sich ständig, und mit ihr die Formen von Ideologie, Technologie und Populärkultur. Wir verändern daher unsere Oberfläche, um die Gegenwart anzusprechen, während der zugrunde liegende Mechanismus derselbe bleibt. In diesem Sinne erfindet sich Laibach nicht ständig neu, sondern rekonstruiert sich immer wieder aus demselben genetischen Material.

Vielleicht liegt das eigentliche Geheimnis darin, dass wir Laibach nie als abgeschlossenes Projekt betrachtet haben. Es ist ein offenes System, und solange die Widersprüche, die es hervorgebracht haben, weiterbestehen, wird es immer einen Grund geben, eine neue Form anzunehmen.

MH: Wie habt ihr euch in den letzten zehn Jahren musikalisch und ideologisch verändert – und was ist konstant geblieben?

LB: Musikalisch sind wir noch eklektischer geworden und bewegen uns zwischen Orchestermusik, Elektronik, Neuinterpretationen, Theater und maximalistischem Pop. Wir nutzen zunehmend die kommerzielle und algorithmische Sprache der Gegenwart als Material, das es zu besetzen und zu transformieren gilt.

Ideologisch bleibt unsere Methode dieselbe, aber der Kontext hat sich verändert. Fragen von Nationalismus, Geschichte und Macht sind heute untrennbar mit künstlicher Intelligenz, digitaler Kontrolle und Spektakel verbunden. Konstant bleibt unser Einsatz von Mehrdeutigkeit, Widerspruch, Aneignung und Überidentifikation. Die Formen ändern sich, die Methode nicht.

MH: Was bedeutet der Name Laibach heute im Vergleich zu dem, wofür er in den 1980er-Jahren stand?

LB: In den 1980er-Jahren war der Name Laibach eine historische und ideologische Provokation – eine Erinnerung daran, dass Namen niemals neutral sind und dass Identität durch Macht, Besatzung und kollektives Gedächtnis geformt wird.

Heute ist daraus etwas Umfassenderes geworden: ein Symbol, eine Methode und eine Marke. Sein historisches Gewicht bleibt bestehen, doch er thematisiert nun auch zeitgenössische Formen der Kontrolle, von Nationalismus und politischem Spektakel bis hin zu künstlicher Intelligenz und digitaler Kultur. Der Kontext ist ein anderer, der Name bleibt.

MH: Laibach wurde vor einigen Jahren mit Zustimmung des Regimes von Kim Jong-un nach Pjöngjang eingeladen. Was waren eure Gründe, diese Einladung anzunehmen?

LB: Wir haben zugesagt, weil sich damit die seltene Gelegenheit bot, eines der interessantesten und ideologisch aufgeladensten Umfelder der Welt zu betreten – nicht als Politiker oder Journalisten, sondern als Ingenieure der menschlichen Seele.

Die Einladung bedeutete keine Zustimmung zum Regime. Im Gegenteil, unsere Arbeit hat sich immer mit Macht, Propaganda, kollektiver Identität und der Mehrdeutigkeit politischer Symbole beschäftigt. Pjöngjang war daher keine Ausnahme in unserer Praxis, sondern ein extremer und ungewöhnlich konzentrierter Kontext dafür. Uns interessierte, was geschieht, wenn zwei hochgradig kontrollierte symbolische Systeme aufeinandertreffen. Ziel war nicht, Nordkorea zu legitimieren, sondern die westlichen Medien zu provozieren und zu testen, ob Kunst die herablassende und verächtliche Wahrnehmung eines Landes infrage stellen kann, dessen grundlegende Mechanismen sich im Kern nicht so sehr von denen des entwickelten Westens unterscheiden.

MH: Wie seid ihr mit dem Vorwurf umgegangen, euer Auftritt würde das Regime legitimieren oder als Propaganda genutzt werden?

LB: Propaganda ist nie das Vorrecht eines einzelnen Regimes. Jedes kulturelle Ereignis kann vom Gastgeber, den Medien oder seinen Kritikern vereinnahmt werden. Das gilt gleichermaßen für die USA, Deutschland, Israel und Nordkorea. Unsere Antwort bestand darin, bewusst vorzugehen und die Mehrdeutigkeit der Begegnung zu bewahren. Nordkorea konnte das Konzert als Beleg für Offenheit präsentieren, während die westlichen Medien es nutzen konnten, um ihre eigenen Klischees zu bestätigen. Wir ließen beide Systeme ihre Mechanismen offenlegen. Legitimierung hätte bedeutet, das Regime gutzuheißen. Das haben wir nicht getan. Wir betraten seinen symbolischen Raum und schufen ein Ereignis, dessen Bedeutung keine der beiden Seiten vollständig kontrollieren konnte.

MH: Wie unterschied sich das Publikum in Pjöngjang von eurem gewohnten Konzertpublikum – und wie hat diese Erfahrung euren Blick auf Musik als politisches Werkzeug verändert?

LB: Das Publikum in Pjöngjang war förmlicher und zurückhaltender als unser übliches Publikum und zudem völlig unvertraut mit unserer Arbeit. Viele waren professionelle Musiker, Staatsbeamte oder geladene Gäste, und ihre Reaktionen waren verhalten. Dennoch waren ihre Neugier und ihre emotionale Resonanz echt.

Die Erfahrung bestätigte, dass Musik keine politische Waffe mit vorhersehbarer Wirkung ist. Sie kann Ideologie nicht einfach stürzen, aber sie kann einen temporären Raum schaffen, in dem unterschiedliche Systeme, Erwartungen und Emotionen aufeinandertreffen. Gerade in dieser Mehrdeutigkeit liegt ihre politische Kraft.

Laibach MUSICK artwork

MH: Wollt ihr noch immer provozieren, nur jetzt poppiger und subtiler? Wo verläuft heute die Grenze zwischen Provokation und bloßer Unterhaltung?

LB: Provokation bleibt essenziell, aber ihre Form muss sich ändern. Heute wird Schock sofort aufgesogen, vermarktet und vergessen, weshalb eine wirksamere Provokation getarnt als Vergnügen, Vertrautheit oder Unterhaltung daherkommen kann. Die Grenze zwischen Provokation und Unterhaltung ist bewusst instabil gehalten. Unterhaltung wird provokant, wenn sie das Publikum dazu bringt, sich zu fragen, warum es genießt, was es sieht und hört.

MH: Ist Popmusik die perfekte Tarnung für Laibach, um subversive Inhalte in den Mainstream zu schmuggeln?

LB: Laibach war im Grunde schon immer auch sehr poppig. Wir betrachten Pop nicht bloß als Tarnung; er ist eine der wichtigsten ideologischen Sprachen der Gegenwart. Seine Erzählungen, Melodien, Bilder und Emotionen wirken gerade deshalb harmlos, weil sie so vertraut sind. Indem Laibach die Sprache des Pop übernimmt, kann die Band dessen verführerische Kraft nutzen und gleichzeitig die verborgenen Mechanismen dahinter offenlegen. Subversion ist am wirksamsten, wenn das Publikum zunächst den Song genießt und erst später merkt, dass mit ihm noch etwas anderes eingedrungen ist.

MH: MUSICK klingt poppiger und zugänglicher als frühere Laibach-Alben. War das eine bewusste stilistische Entscheidung oder eine natürliche Entwicklung?

LB: Es war beides: eine bewusste Entscheidung und eine natürliche Entwicklung. Laibach hat immer die jeweils dominante musikalische Sprache der Zeit genutzt, und heute ist diese Sprache hochpoliert, synthetisch, unmittelbar und zunehmend von Algorithmen geprägt. Mit MUSICK wollten wir dieses Terrain vollständig betreten, statt es nur aus der Distanz zu beobachten. Die Zugänglichkeit ist daher Teil des Konzepts: Vertrautheit bildet den Einstiegspunkt, während der Inhalt allmählich stört, was zunächst harmlos erschien.

MH: Wie viel von der ursprünglichen Laibach-Ästhetik – der Strenge, der Uniformität, der totalitären Bildsprache – lebt noch im neuen Sound?

LB: Sie ist noch vorhanden, hat aber ihre Form verändert. Die Strenge und Uniformität sind von martialischen Rhythmen und monumentaler Bildsprache in die Präzision, Wiederholung und künstliche Perfektion des zeitgenössischen Pop übergegangen. Heute ist totalitäre Ästhetik oft bunt, verführerisch und personalisiert. Der neue Sound spiegelt diese Transformation wider, während die ideologische Spannung bestehen bleibt.

MH: Inwiefern ist Musik für euch eine Droge, und wie zeigt sich das – beim Schreiben, auf der Bühne, im Publikum?

LB: Musik ist eine Droge, weil sie die Wahrnehmung verändert, die rationale Kontrolle außer Kraft setzt und eine Form kollektiver Abhängigkeit erzeugt. Beim Schreiben zeigt sich das durch Wiederholung, Rhythmus und Slogans, die in den Kopf gelangen, bevor ihre Bedeutung vollständig erfasst ist. Auf der Bühne verstärken wir diesen Effekt durch Klang, Licht, visuelle Disziplin und physische Präsenz. Das Publikum beobachtet nicht nur, es wird Teil eines temporären kollektiven Körpers, der an einem Ritual teilnimmt. Wie jede Droge kann Musik befreien, manipulieren, heilen oder berauschen – und tut häufig alles davon zugleich.

MH: Musik ist für euch wie eine Droge, was sich auch im aktuellen Albumcover widerspiegelt. Wie äußert sich diese „Sucht“ bei euch persönlich?

LB: Musik wird zu einer zwanghaften Art, die Realität zu verarbeiten – wir kehren zu ihr zurück, selbst wenn wir von ihr erschöpft sind oder ihrer Macht misstrauen. Diese Sucht äußert sich darin, dass wir Musik nicht aus der Gleichung herauslassen können. Jede Melodie lädt zum Eingreifen ein, jeder vertraute Song verlangt nach Neuinterpretation, und jedes fertige Werk deutet sofort eine weitere Möglichkeit an. MUSICK spiegelt diesen Widerspruch wider: Hingabe und Erschöpfung, Vergnügen und Krankheit, Anziehung und Widerstand.

MH: Wie geht ihr derzeit mit künstlicher Intelligenz in der Musikproduktion um – nutzt ihr sie selbst, und wenn ja, wofür?

LB: Um sich mit der Ästhetik und dem Zeitgeist der Gegenwart auseinanderzusetzen, ist der Einsatz künstlicher Intelligenz zu einer Notwendigkeit geworden. Wir nutzen sie sowohl als Werkzeug als auch als Thema. Praktisch kann sie nützlich sein, um Skizzen zu erzeugen, Kombinationen zu testen, vorhandenes Material zu transformieren oder unerwartete Fehler zu produzieren, die zu etwas Interessantem führen können.

Aber wir behandeln sie noch nicht als autonome Urheberin. Auswahl, Struktur, Interpretation und die endgültigen Entscheidungen bleiben bei uns. Was uns am meisten interessiert, ist nicht, ob KI Musik überzeugend imitieren kann, sondern was ihr Einsatz über Autorschaft, Originalität, Kontrolle und die wachsende Standardisierung von Kultur verrät.

MH:Seht ihr KI als Werkzeug, als Bedrohung oder als neues Feld für eure typische Ambivalenz und Ironie?

LB: Sie ist alle drei zugleich – ein nützliches Werkzeug, eine potenzielle Bedrohung und vor allem ein perfektes Feld für Laibach’sche Ambivalenz. Sie erweitert kreative Möglichkeiten und standardisiert gleichzeitig Kultur, schwächt Autorschaft und macht Nachahmung nahezu mühelos. Gerade dieser Widerspruch interessiert uns: KI verspricht Befreiung von menschlichen Grenzen, kann aber eine noch kontrolliertere und vorhersehbarere Realität hervorbringen. Sie sollte daher weder blind gefeiert noch einfach abgelehnt, sondern genutzt, untersucht und als das entlarvt werden, was sie ist.

MH: Könnte ein KI-generiertes „Laibach“ eines Tages wie ihr klingen – und wäre das für euch ein Kompliment oder ein Problem?

LB: Ein KI-generiertes „Laibach“ könnte wahrscheinlich schon jetzt wie eine Version von Laibach klingen. Es könnte sogar wie Rammstein klingen. Eine Stimme, einen Rhythmus oder ein Arrangement zu imitieren, wird relativ einfach.

Aber Laibach wird nicht allein durch den Sound definiert. Es ist eine Methode, ein Kontext und eine Abfolge von Entscheidungen als Reaktion auf einen bestimmten historischen Moment. KI mag die Oberfläche reproduzieren, aber ob sie auch die Widersprüche dahinter erzeugen kann, ist eine andere Frage. Eine solche Nachahmung würden wir natürlich sowohl als Kompliment als auch als Ansporn verstehen, unsere Ausdrucksweise zu verändern – was sie auf angemessen laibach’sche Weise machen würde.

MH: Wie unterscheidet sich das Live-Erlebnis der aktuellen Tour von früheren Laibach-Konzerten – visuell, klanglich, atmosphärisch?

LB: In jeder Hinsicht ist die aktuelle Show radikaler laibach’sch als unsere früheren Konzerte. Frühere Shows konfrontierten das Publikum oft direkt. Die aktuelle Show verführt es zunächst – und destabilisiert die Erfahrung dann allmählich von innen heraus. Eine Folge dieses radikalen Ansatzes war ein Rückgang des Publikums, insbesondere bei jenen, die zu Laibach kommen, nur um ihre eigene festgelegte Vorstellung davon zu bestätigen, was Laibach sein soll

MH: Was soll das Publikum nach einem Konzert dieser Tour mit nach Hause nehmen?

LB: Abgesehen von unseren Merchandise-Artikeln wollen wir nicht, dass das Publikum eine klare Botschaft mitnimmt, sondern vielmehr eine produktive Unsicherheit. Im Idealfall verlässt es die Show unterhalten, verstört und ein wenig unsicher darüber, woran es gerade teilgenommen hat.

Wenn das Konzert funktioniert, geht es nach dem letzten Song weiter – in Fragen zu Musik, Vergnügen, Manipulation, Identität und den verborgenen Mechanismen, die die zeitgenössische Kultur prägen.

MH: Was wünscht ihr euch für die Zukunft von Laibach?
LB: Da die Realität bereits laibach’scher geworden ist als Laibach selbst, wünschen wir Laibach ein größeres Publikum – und dem Publikum mehr Laibach.

Interview und Autor: Markus Hofmann

Fotos: Laibach