Femizide aus der Opfer-Perspektive. Zum Film „Was an Empfindsamkeit bleibt“ von Daniela Magnani Hüller

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Die deutsch-brasilianische Filmemacherin Daniela Magnani Hüller hat zum Thema Femizid einen einzigartigen Film geschaffen. Die im Jahr 1995 in München geborene Regisseurin wurde im Alter von 16 Jahren Opfer eines versuchten Femizids. Sie erlitt tiefe Messerstiche in beide Lungenflügel, verlor viel Blut und überlebte gerade noch durch eine Notoperation. Nach dem Gerichtsprozess lagerte sie die ihr ausgehändigten Akten im Keller und schaute sie gar nicht an. Erst nach mehr als 10 Jahren erwachte ihr Interesse daran und sie las die Akten. Während dieser Zeit studierte sie an der Hochschule für Fernsehen und Film in München das Fach Dokumentarfilmregie.

Daniela Hüller wagte ein einmaliges und herausforderndes Experiment mit sich selbst. Sie schrieb über ihr Trauma und ihr Leben nach dem Mordversuch ein Drehbuch für einen autobiografischen Dokumentarfilm. Welche Risiken und Belastungen mit einem derartigen Vorhaben verbunden sein können, war ihr wohl nicht voll bewusst. Die Gefahr einer Retraumatisierung und psychischen Dekompensation ist groß. Es gibt zahlreiche Künstler, die sich nach der Wiederbegegnung mit ihrem Trauma suizidiert haben (Csef 2022, 2024). Ihre psychische Resilienz und ihre hervorragenden Bewältigungsmechanismen haben Daniela Magnani Hüller geholfen, dieses Wagnis des Films wohlbehalten und bereichernd zu bestehen.

Der autobiografische Dokumentarfilm zeigt Gespräche mit einer Schulfreundin, einer Lehrerin, einer Kriminalbeamtin, einem Arzt und einem Staatsanwalt. Die von ihr ausgewählten Personen waren im Jahr 2011 und in den Jahren danach mit ihrem Fall involviert und waren bereit, mit Daniela Hüller ein Interview zu führen, das gefilmt wurde. Die Gespräche fanden in großen leeren Räumen statt. Der Täter als potenzieller Mörder und die Gerichtsverhandlung tauchen in dem Dokumentarfilm nicht auf. Daniela Hüller ist in ihrem Film in einer Mehrfachrolle aktiv – sie ist Drehbuchautorin, Regisseurin und Schauspielerin (Interviewpartnerin).

Vorgeschichte des Mordversuches

Die Vorgeschichte zum Film – das „Leben davor“ (vor dem Mordversuch) -beginnt mit einer Schulsituation in einem Münchner Gymnasium im Jahr 2010. Daniela Hüller wird von einem Mitschüler wiederholt und dauerhaft lange „angestarrt“. Alle Mitschüler und die Betroffene beobachten dies einhellig. Daniela sucht in einem Gespräch mit einer Lehrerin Hilfe. Diese wiegelt jedoch ab. Schließlich erhält Daniela Drohnachrichten. Ihre Eltern, mit denen sie schon länger über das Problem sprach, erstatten Anzeige bei der Polizei. Die Schulleitung wird informiert. Es erfolgen keine präventiven Maßnahmen. Schließlich kommt es zum Mordversuch: der seit langer Zeit auffällige Mitschüler sticht Daniela mit gezielten Messerstichen nieder und verletzt sie lebensgefährlich.

Warum ein versuchter Femizid?

Die Einordnung als Femizid-Versuch erfolgt durch Analysen über strukturelle Faktoren der Opfer-Täter-Beziehung und die Tatmotive des Täters. Diese lässt der Film offen und unbeantwortet, so dass sowohl der naive als auch der fachkundige Zuschauer des Films irritiert zurückbleiben. Die Akten im Keller der Filmregisseurin über die Gerichtsverhandlung geben vermutlich Auskunft über die Tatmotive und die Persönlichkeit des Täters. Vielleicht wurde ein Forensisch-psychiatrischer Gutachten erstellt. Darüber erfährt der Zuschauer nichts. Dies entspricht auch der Konzeption dieses autobiografischen Dokumentarfilmes, dass das Opfer und seine Beziehungspersonen im Mittelpunkt stehen und nicht der Täter. Die Ausblendung des Täters und seiner Motive hat sicherlich Vorteile und Nachteile.

Mehrere Auszeichnungen und Preise für den Film in wenigen Monaten

Der Film „Was an Empfindsamkeit bleibt“ ist in der Filmografie von Daniela Hüller nach mehreren Kurz-Dokumentarfilmen der erste Langfilm, der im Kinoformat erschien. Die Premiere war bei der Berlinale 2026. Dort erfolgte für den Dokumentarfilm eine lobende Erwähnung. Beim DOK.fest München im Sommer 2026 erhielt Daniela Hüller für ihren Film den „megaherz Student Award“. Die Jury lobt in ihrer Begründung, dass es der Regisseurin gelingt, „eine persönliche traumatische Erfahrung männlicher Gewalt in eine Erzählung zu verwandeln, die weit über das Individuelle hinausweist und eine gesellschaftliche Dimension eröffnet.“

Schon kurze Zeit später wurde Daniela Hüller ebenfalls in München der Friedenspreis des Deutschen Films als Nachwuchspreis verliehen. Die Rechtsanwältin und Femizid-Expertin Christina Clemm hielt die Laudatio. Sie hat zwei fundierte Bücher über Femizide geschrieben (Clemm 2020, 2023) und vertritt seit Jahrzehnten bei Strafprozessen Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt wurden.

Impulse für einen besseren Schutz der gefährdeten Frauen – Opferschutz vor Täterschutz

In den Gesprächen des Films tauchen wiederholt folgende Fragen auf: Hätte die Schülerin Daniela Magnani Hüller im Jahr 2011 besser geschützt werden können und wie? Warum erfolgten trotz Anzeige bei der Polizei, Stalking und Bedrohungen keine präventiven Maßnahmen? Wie adäquat und hilfreich waren die Reaktionen in der Schule, die bei Mitschülern, Lehrern und Schulleitung zu beobachten waren? Sie waren Zeugen und Mitwisser. Ambivalent waren auch die Reaktionen der Eltern, wobei Vater und Mutter sehr unterschiedliche Haltungen zu dem Problem und der Bedrohung hatten. Da der schreckliche Mordversuch gegen Daniela Magnani Hüller kein Einzelfall ist, stellt sich die Frage, wie in Zukunft der Opferschutz für gefährdete Frauen verbessert werden könnte und sollte. Im akuten Handeln sollten sicherlich die Maßnahmen der Justiz und der Polizei optimiert werden. Femizid ist jedoch auch eine kollektive Herausforderung und hat eine große gesamtgesellschaftliche Relevanz. Jedes Femizid-Opfer sollte ein Warn- und Weckruf sein. Femizide sind oft die Eskalation mit einer längeren Vorgeschichte. Sie geschehen meistens im sozialen Nahbereich, in der Ehe, in der Paarbeziehung, in der Familie. Es gibt fast immer Zeugen und Mitwisser. Nicht selten ist im Vorfeld auch die Polizei informiert. Jede Femizid-Tote ist eine zu viel und eine Wunde für die Gesellschaft. Wir alle müssen es besser machen!

Resümee

Der Film von Daniela Magnani Hüller ist eine mutige Glanzleistung, die bislang nur wenige Opfer eines versuchten Femizids gewagt haben. Kaum jemand ist dies so überzeugend gelungen. Es gibt sehr wohl Romane oder autobiografische Prosa von betroffenen Opfern, die einen Femizid-Versuch überlebt haben. Wie sich die Filmemacherin in drei Funktionsrollen (Drehbuchautorin, Regisseurin, Schauspielerin) in diesem Film exponiert hat, ist bewundernswert.  Inwieweit sie ihr eigenes Trauma eines schweren und blutigen Mordversuchs bewältigt hat und auf welchem Wege, ist dem Autor nicht bekannt. Die freiwillige Wiederbegegnung mit dem Trauma ist ein sehr mutiges und risikoreiches Wagnis. Sie hat sicherlich erst viele Ängste überwinden müssen, bis sie diesen Schritt wagte. Schließlich konnte sie sich mehr als zehn Jahre lang die Gerichtsakten ihres eigenen Falles gar nicht anschauen. Nach ersten inneren Impulsen für ihr Filmvorhaben überwand sie ihre Bedenken und Ängste. Sie hat sich letztlich alles zugetraut und verdient unsere große Anerkennung.

Literatur

Clemm, Christina, AktenEinsicht. Geschichten von Frauen und Gewalt. Kunstmann-Verlag, Hamburg 2020

Clemm, Christina, Gegen Frauenhass. Hanser Verlag, Berlin, München 2023

Csef, Herbert, Suizid im 21. Jahrhundert. Neue Phänomene einer existentiellen Herausforderung. Roderer Verlag, Regensburg 2022

Csef, Herbert, Trauma und Suizid. Psychosozial Verlag, Gießen 2024

Hüller, Daniela Magnani, „Meine Geschichte aus dem Einzelschicksal herausholen“. Interview mit Carolin Weidner und Barbara Wurm. Arsenal Filminstitut Berlin 2026

Michels, Niklas, Was an Empfindsamkeit bleibt (2026) – Im toten Winkel der Verantwortung. Eine Filmkritik. Kino-Zeit. 76. Berlinale 2026

Wagner, Robert, Aura der Hilflosigkeit. Filmkolumne zum Film „Was an Empfindsamkeit bleibt.“ Von Daniela Magnani Hüller. Perlentaucher. Das Kulturmagazin vom 13. Mai 2026

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef

Email:  herbert.csef@gmx.de

 

Über Herbert Csef 180 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.