Kohleausstieg 2030 – Energiepolitik ist kein Glaubensbekenntnis

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Der deutsche Kohleausstieg ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell politische Jahreszahlen zu moralischen Symbolen werden. 2030 klingt klimafreundlich und entschlossen, 2038 rückwärtsgewandt und mutlos. Dabei ist eine Energieversorgung kein Kalenderwettbewerb. In Nordrhein-Westfalen soll die Braunkohleverstromung nach der Vereinbarung mit RWE bereits 2030 enden. Nun verzögert sich die gesetzlich vorgesehene Überprüfung, ob einzelne Blöcke anschließend noch bis Ende 2033 als Reserve gebraucht werden könnten. Die entscheidende Überprüfung soll nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums frühestens im Frühjahr 2027 vorliegen.

RWE hält nach eigenen Angaben am Ausstieg 2030 fest, schließt aber einen staatlich angeordneten Reservebetrieb nicht aus. Gleichzeitig soll neue gesicherte Kraftwerksleistung entstehen; angekündigt sind Gaskraftwerke, die später auf klimafreundlichere Brennstoffe umgestellt werden können. Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen Ziel und System. Ein Kraftwerk kann politisch abgeschaltet werden. Versorgungssicherheit muss trotzdem jede Stunde funktionieren.

Verlässlichkeit gilt auch für den Ausstieg

Wer daraus nun den Schluss zieht, der Kohleausstieg müsse grundsätzlich zurückgedreht werden, macht es sich zu einfach. Kohleverstromung verursacht hohe CO₂-Emissionen, der Ausstieg ist gesetzlich beschlossen, und Unternehmen haben ihre Investitionen auf diesen Rahmen ausgerichtet. Politische Verlässlichkeit bedeutet auch, langfristige Vereinbarungen nicht bei jeder neuen Debatte wieder infrage zu stellen.

Umgekehrt ist es ebenso unseriös, jede Reserveoption als Verrat an der Klimapolitik zu behandeln. Ein Stromsystem mit wachsendem Anteil wetterabhängiger Erzeugung braucht gesicherte Leistung, Netze, Speicher und flexible Nachfrage. Wenn ein Teil dieser Infrastruktur später fertig wird als geplant, muss die Politik darauf reagieren. Physik verhandelt nicht mit Parteiprogrammen.

Das eigentliche Problem ist die Reihenfolge

Die eigentliche deutsche Schwäche liegt weniger im Ziel des Kohleausstiegs als in der Reihenfolge vieler energiepolitischer Entscheidungen. Man beschließt das Abschalten alter Kapazitäten und hofft, dass Netze, Speicher, neue Kraftwerke und Genehmigungen rechtzeitig folgen. Wenn Verzögerungen auftreten, beginnt die nächste Grundsatzdebatte. Planungssicherheit sieht anders aus.

Für Industrieunternehmen ist diese Unsicherheit besonders teuer. Sie brauchen nicht nur niedrige Strompreise, sondern die Erwartung, dass Energie auch in zehn oder fünfzehn Jahren zuverlässig verfügbar sein wird. Investitionen in Chemie, Stahl, Glas oder Maschinenbau werden nicht nach der politischen Stimmung eines Sommers entschieden. Wer Milliarden bindet, rechnet mit Zeiträumen, die mehrere Legislaturperioden umfassen.

Deshalb muss die Überprüfung des Kohleausstiegs nüchtern sein. Welche gesicherte Leistung steht 2030 tatsächlich zur Verfügung? Wie weit sind Netzausbau und Speicher? Welche Gaskraftwerke sind gebaut, welche nur angekündigt? Welche Importmöglichkeiten bestehen in kritischen Stunden? Und welche Kosten verursacht eine Reserve im Vergleich zu Alternativen? Solche Fragen sind weniger aufregend als politische Bekenntnisse, aber genau daraus besteht Energiepolitik.

Auch beim Klimaschutz zählt die Wirklichkeit. Ein Reservekraftwerk, das nur in wenigen kritischen Stunden läuft, ist etwas anderes als eine dauerhafte Rückkehr zur Kohle. Wenn eine Reserve Versorgungssicherheit garantiert, während neue Infrastruktur fertiggestellt wird, kann sie klimapolitisch vertretbar sein. Wenn sie dagegen zum Vorwand wird, notwendige Investitionen weiter zu verschieben, wäre sie Teil des Problems.

Der Prüfbericht kommt später

Die jüngste Verzögerung macht das Problem sichtbarer. Der für Mitte August erwartete Prüfbericht wird nicht rechtzeitig vorliegen; nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums soll die entscheidende Bewertung nun frühestens im Frühjahr 2027 erfolgen. RWE erklärt zugleich, weiter mit dem Ende der Braunkohleverstromung zum 31. März 2030 zu planen. Einzelne Blöcke könnten jedoch, wenn der Staat dies verlangt, noch als Reserve vorgehalten werden. Das ist ein Unterschied, den die politische Debatte sauber benennen muss: Reserve ist nicht regulärer Markt- und Dauerbetrieb.

Die Verzögerung hängt auch mit der Frage zusammen, welche gesicherte Ersatzleistung tatsächlich rechtzeitig verfügbar ist. Geplant sind neue Gaskraftwerkskapazitäten in erheblichem Umfang, die später auf klimaneutralere Brennstoffe umgestellt werden sollen. Doch zwischen Ausschreibung, Genehmigung, Bau und Netzanbindung liegen Jahre. Energiepolitik scheitert selten an der Zielformulierung; sie scheitert an den Übergängen. Wer alte Kapazität verbindlich beendet, muss neue Kapazität ebenso verbindlich organisieren.

Das spricht weder für eine Renaissance der Kohle noch gegen den Ausbau erneuerbarer Energien. Wind und Solar werden das System weiter prägen. Aber ein Stromnetz muss auch in einer kalten, windarmen Nacht funktionieren. Speicher, flexible Nachfrage, europäischer Stromhandel, Netze und regelbare Kraftwerke sind deshalb keine ideologischen Konkurrenzprojekte zu den Erneuerbaren, sondern ihre systemische Ergänzung. Die politische Kunst besteht darin, diese Ergänzung mit möglichst niedrigen Emissionen und vertretbaren Kosten zu bauen.

Eine Reserve braucht klare Bedingungen

Für RWE und andere Betreiber ist ein Reserveauftrag wiederum kein kostenloser Gefallen an den Staat. Personal, Wartung, Brennstoffe und CO2-Zertifikate verursachen Kosten. Wenn die Politik Anlagen aus Sicherheitsgründen verfügbar halten will, muss sie transparent festlegen, wer dafür bezahlt und unter welchen Auslösekriterien sie eingesetzt werden. Genau darin liegt die Chance der verschobenen Prüfung: Sie sollte nicht nur ein neues Datum produzieren, sondern eine belastbare Antwort auf die Frage, welche Leistung 2030 wirklich gebraucht wird und welche nicht.

Der Staat muss deshalb Bedingungen setzen. Reservebetrieb darf zeitlich klar begrenzt, wirtschaftlich transparent und mit einem verbindlichen Ausbaupfad verbunden sein. Unternehmen brauchen Kostenerstattung, wenn der Staat Anlagen aus Sicherheitsgründen vorhält. Gleichzeitig darf das Risiko nicht vollständig beim Steuerzahler landen, während private Gewinne unangetastet bleiben.

Deutschland hat in der Energiepolitik zu lange darüber gestritten, welche Technologie moralisch die richtige ist. Die bessere Frage lautet, welche Kombination Versorgung, Bezahlbarkeit und Klimaziele gleichzeitig erfüllt. Diese Ziele stehen manchmal in Spannung. Politik zeigt sich darin, die Spannung auszuhalten, statt einen Teil der Wirklichkeit wegzudefinieren.

2030 ist ein wichtiges Ziel. Es ist aber kein Glaubenssatz. Wenn die Versorgungslage eine zeitlich begrenzte Reserve erfordert, sollte man sie organisieren. Wenn sie nicht erforderlich ist, sollte man Kohleblöcke wie vereinbart abschalten. Der Maßstab ist nicht, welche Entscheidung auf einem Parteitag den lauteren Applaus bekommt. Der Maßstab ist, ob am Ende Strom fließt, Industrie investieren kann und die Emissionen tatsächlich sinken.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2305 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".