Drohnen über Deutschland – Der neue Alltag der Verwundbarkeit

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Der moderne Angriff kündigt sich nicht immer mit Sirenen an. Manchmal ist er kaum größer als ein Vogel, fliegt über ein Kasernengelände, eine Raffinerie oder einen Flughafen und verschwindet wieder. Die Bundeswehr registriert inzwischen zahlreiche Drohnenvorfälle, der Bund baut seine Abwehrkapazitäten aus, und Innenminister Alexander Dobrindt will die Anti-Drohnen-Einheiten verstärken. Dass darüber noch immer gelegentlich gesprochen wird, als handle es sich um ein Spezialproblem für Technikfreunde, zeigt, wie langsam politische Wahrnehmung sein kann. Ein Kommentar von Stefan Groß-Lobkowicz.

Drohnen verändern das Verhältnis von Kosten und Wirkung. Ein relativ billiges Gerät kann fotografieren, kartieren, testen, stören und im schlimmsten Fall angreifen. Es kann Sicherheitsroutinen beobachten, Reaktionszeiten messen oder kritische Infrastruktur auskundschaften. Der Angreifer muss nicht auf deutschem Boden stehen. Und weil zivile und militärische Drohnentechnik ineinander übergeht, ist die Zuordnung schwierig. War der Flug ein Hobbyfehler, Spionage, Sabotagevorbereitung oder Provokation? Genau diese Unklarheit ist ein Teil des Risikos.

Deutschland ist für solche Gefahren besonders anfällig, weil seine Infrastruktur über Jahrzehnte unter der Annahme relativer Sicherheit organisiert wurde. Offene Flughäfen, frei zugängliche Industriegebiete, Stromnetze, Datenleitungen und Verkehrsachsen wurden für eine Friedensordnung gebaut, in der gezielte hybride Angriffe als Ausnahme galten. Diese Ordnung existiert nicht mehr in derselben Selbstverständlichkeit. Man muss kein Alarmist sein, um zu erkennen, dass Resilienz inzwischen ebenso zur Infrastruktur gehört wie Beton und Kabel.

Zuständigkeiten sind Teil der Sicherheitsfrage

Die Antwort darf dennoch nicht in hektischer Aufrüstung einzelner Behörden bestehen. Drohnenabwehr berührt Luftrecht, Polizei, Bundeswehr, Nachrichtendienste, Betreiber kritischer Anlagen und technische Forschung. Wer darf ein unbekanntes Fluggerät stören, übernehmen oder abschießen? Was geschieht über dicht besiedeltem Gebiet? Wer haftet, wenn die Abwehr größere Schäden verursacht als das Objekt selbst? Die praktische Gefahrenabwehr ist komplizierter als die politische Forderung, endlich durchzugreifen.

Der Ausbau von Spezialkräften und Forschung ist deshalb sinnvoll, aber nur als Teil einer klaren Gesamtarchitektur. Dobrindt plant unter anderem ein Forschungszentrum für Drohnensicherheit am DLR-Testflughafen Cochstedt. Solche Einrichtungen sind notwendig, weil das technologische Rennen schnell ist. Störsender, Sensorik und Übernahmetechniken, die heute funktionieren, können morgen umgangen werden. Sicherheitspolitik wird hier zu einer permanenten Innovationsaufgabe.

Der Staat muss außerdem lernen, mit Unsicherheit zu kommunizieren. Bei hybriden Vorfällen ist oft nicht sofort beweisbar, wer verantwortlich ist. Politischer Druck verlangt dennoch schnelle Schuldzuweisungen. Das ist gefährlich. Wer jeden unbekannten Flug sofort einem ausländischen Gegner zuschreibt, riskiert Fehlentscheidungen. Wer aus Mangel an gerichtsfesten Beweisen so tut, als sei nichts geschehen, macht sich ebenfalls angreifbar. Zwischen Naivität und Hysterie liegt die mühsame Disziplin nüchterner Sicherheitsanalyse.

Leipzig/Halle macht die Gefahr konkret

Der Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle hat die abstrakte Debatte inzwischen brutal konkret gemacht. Anfang August wurde dort eine Drohne mit professionellem Sprengstoff und Zünder entdeckt; die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen und sprach von einem schwerwiegenden Angriff auf die Transport- und Logistikinfrastruktur. Noch ist öffentlich nicht geklärt, wer hinter der Tat steht. Genau diese Unsicherheit muss in der politischen Sprache erhalten bleiben. Der Verdacht auf einen hybriden Angriff ist ernst genug; eine nicht bewiesene Urheberschaft zur Gewissheit zu erklären, wäre sicherheitspolitisch unprofessionell.

Leipzig/Halle ist zudem kein beliebiger Ort. Flughäfen, Logistikzentren, Energieanlagen und Datenknoten sind keine isolierten Objekte, sondern Verbindungen in größeren Netzen. Fällt ein Knoten aus, entstehen Folgewirkungen weit über das Gelände hinaus. Deshalb reicht es nicht, Zäune zu erhöhen. Moderne Resilienz bedeutet, Sensorik, Zuständigkeiten, Ausweichrouten, Ersatzkapazitäten und Krisenkommunikation zusammenzudenken. Ein Betreiber muss wissen, wann er selbst handeln darf, wann Landespolizei oder Bundespolizei zuständig sind und wann militärische Unterstützung überhaupt rechtlich möglich ist.

Erkennen ist leichter als richtig reagieren

Das technisch schwierigste Problem ist oft nicht das Entdecken, sondern die Entscheidung. Eine Drohne über einem Industrieareal kann fotografieren, aber auch eine Sprengladung tragen; sie kann autonom fliegen oder ferngesteuert sein. Ein Störsignal kann sie zum Absturz bringen – möglicherweise genau dort, wo Menschen stehen. Ein Abschuss über einem Flughafen kann Splitter erzeugen. Abwehr verlangt daher Regeln, die unter Zeitdruck funktionieren und nicht erst in einer Telefonkonferenz zwischen fünf Behörden entstehen.

Deutschland braucht dafür keine permanente Kriegsrhetorik. Im Gegenteil: Je ernster die Lage, desto nüchterner sollte die Sprache werden. Kritische Infrastruktur zu schützen heißt nicht, jeden unbekannten Flugkörper einem fremden Staat zuzuschreiben. Es heißt, die eigenen Systeme so robust zu machen, dass die Herkunft eines Angriffs für die unmittelbare Abwehr nicht zuerst geklärt sein muss. Der gefährlichste Zustand wäre, wenn Behörden technisch alles sehen, aber institutionell niemand entscheiden kann.

Eine weitere Lehre betrifft Unternehmen. Kritische Infrastruktur lässt sich nicht allein durch Polizei schützen. Betreiber müssen eigene Systeme härten, Meldewege verbessern, Personal schulen und Notfallpläne regelmäßig testen. Resilienz kostet Geld, das im normalen Betrieb keinen sichtbaren Ertrag produziert. Genau deshalb wurde sie so lange verschoben. Politisch muss geklärt werden, welche Mindeststandards verpflichtend sind und wer die Kosten trägt.

Drohnen sind nur ein Teil der Verwundbarkeit

Drohnen sind dabei nur ein Symbol für eine größere Veränderung. Moderne Verwundbarkeit ist dezentral. Stromversorgung, Kommunikationsnetze, Häfen, Flughäfen, Rechenzentren und Wasserwerke können gleichzeitig physisch und digital angegriffen werden. Der klassische Katastrophenschutz dachte in einzelnen Ereignissen. Die neue Sicherheitslage zwingt dazu, Kettenreaktionen mitzudenken.

Deutschland muss nicht in einen dauerhaften Belagerungszustand geraten. Eine offene Gesellschaft soll offen bleiben. Aber Offenheit darf nicht mit Wehrlosigkeit verwechselt werden. Die eigentliche politische Aufgabe besteht darin, Schutzmaßnahmen so selbstverständlich zu machen wie Brandschutz. Niemand sieht in einer Sprinkleranlage den Beweis, dass morgen das Gebäude brennt. Man akzeptiert sie, weil das Risiko existiert. Mit Drohnenabwehr und Schutz kritischer Infrastruktur müssen wir denselben mentalen Schritt vollziehen. Nicht Panik ist gefragt, sondern Vorbereitung.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2307 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".