Nach Online-Aufrufen zu einem neuen Massenansturm verstärkten Spanien und Marokko die Sicherung von Ceuta. Ein zweiter Durchbruch blieb aus, marokkanische Behörden stoppten jedoch Hunderte Menschen auf dem Weg zur spanischen Exklave.
Ceuta ist eine spanische Stadt in Nordafrika und damit ein Ort, an dem eine wenige Meter breite Grenzanlage plötzlich zur Außengrenze der Europäischen Union wird. Ende Juli wurde diese Grenze von einer Bewegung überrollt, deren genaue Größe bis heute je nach Quelle unterschiedlich angegeben wird. Zehntausende Menschen kamen aus Marokko in Richtung der Exklave. Zwei Wochen später kursierten in sozialen Netzwerken neue Aufrufe zu einem gemeinsamen Ansturm.
WELT berichtete, Spanien und Marokko hätten daraufhin ihre Sicherheitsvorkehrungen erheblich verstärkt. Die befürchtete Wiederholung blieb am Wochenende aus. Das heißt allerdings nicht, dass niemand unterwegs war. Associated Press meldete unter Berufung auf den marokkanischen Staatssender Medi 1 TV 294 festgenommene Migranten aus Staaten südlich der Sahara sowie 61 Marokkaner, denen Unterstützung bei den Grenzversuchen vorgeworfen wurde.
Schon vor dem Wochenende hatte Reuters von mindestens 111 Festnahmen im Zuge der verschärften Kontrollen berichtet. Auf marokkanischer Seite wurden Zufahrtswege in Richtung Fnideq und Ceuta überwacht, auf spanischer Seite zusätzliche Kräfte zusammengezogen. Der entscheidende Unterschied zu Ende Juli lag darin, dass diesmal viele Menschen gar nicht erst bis unmittelbar an die Grenzanlagen gelangten.
Wie viele Menschen kamen wirklich?
Wie groß der Massenandrang Ende Juli tatsächlich war, lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl seriös erzählen. Die Tagesschau nannte zunächst etwa 60.000 Menschen, Reuters berichtete später von mehr als 72.000, WELT von bis zu 80.000. Die Werte beruhen auf unterschiedlichen Zeitständen und Behördenangaben. Sicher ist die Größenordnung: Es waren mehrere Zehntausend.
Die marokkanischen Maßnahmen waren diesmal sichtbar schon vor der Grenze angesetzt. Straßen in Richtung Fnideq wurden kontrolliert, Bewegungen in die Region eingeschränkt, zusätzliche Sperren aufgebaut. Auf dem Wasser kamen Patrouillen hinzu. Damit verlagerte sich der entscheidende Teil der Sicherung weg vom eigentlichen Zaun. Wer nicht bis Ceuta gelangte, konnte dort auch keinen neuen Massenandrang auslösen.
Ähnlich schwierig ist die Zahl der Todesopfer. WELT nannte nach einer Mitteilung Madrids 83 aus dem Meer geborgene Leichen; AP berichtete von mindestens 90 Toten auf beiden Seiten der Grenze. Menschenrechtsorganisationen vermuteten höhere Werte. Gerade bei einer dynamischen Grenzlage, in der Menschen über Land und Meer kommen, ändern sich solche Angaben schnell. Die Unterschiede sollten deshalb sichtbar bleiben, statt sie in einer scheinbar präzisen Zahl zu verstecken.
In Ceuta selbst entspannte sich die Lage, weil viele der Ende Juli eingereisten Menschen wieder nach Marokko zurückkehrten. ZDFheute berichtete von Zehntausenden Ankommenden und zahlreichen Rückkehrern. Nach Angaben von WELT hielten sich am Wochenende noch rund 5.000 Migranten in der Exklave auf. Für eine Stadt mit begrenzter Fläche und Infrastruktur ist selbst diese Zahl erheblich.
Für Spanien bedeutete die Erinnerung an Ende Juli, dass nicht nur die Grenzpolizei verstärkt wurde. Die Behörden mussten zugleich Unterbringung, Versorgung und Rückkehr der bereits eingereisten Menschen organisieren. Nach Medienangaben kehrte der größte Teil innerhalb kurzer Zeit nach Marokko zurück. Dennoch blieben mehrere tausend Menschen in der Stadt – eine Zahl, die gemessen an der Größe Ceutas erhebliche organisatorische Anforderungen stellte.
Warum Ceuta zum Brennpunkt wird
Die politische Geografie erklärt, warum Ceuta immer wieder zum Brennpunkt wird. Die Stadt gehört zu Spanien, liegt aber auf dem afrikanischen Kontinent. Wer die Grenze überwindet, steht auf EU-Gebiet. Dasselbe gilt für Melilla weiter östlich. Beide Exklaven sind deshalb seit Jahren Ziel von Migranten, die über Marokko nach Europa gelangen wollen.
Diesmal spielten soziale Netzwerke eine sichtbare Rolle. Aufrufe für ein gemeinsames Vorrücken verbreiteten sich online, die Behörden reagierten vor dem angekündigten Termin. Marokko errichtete Sperren, kontrollierte Straßen und setzte zusätzliche Kräfte ein; Spanien verstärkte seine Polizei. WELT nannte 880 Beamte der Nationalpolizei, 270 mehr als Ende Juli, außerdem rund 2.000 Soldaten und mehr als 700 Angehörige der Guardia Civil.
Die spanisch-marokkanische Zusammenarbeit ist dabei politisch sensibel. Marokko ist für Spanien nicht nur Nachbarstaat, sondern zentraler Partner bei der Kontrolle der westlichen Mittelmeerroute. Verschärft Rabat die Kontrollen, sinkt der unmittelbare Druck auf Ceuta; lockern sie sich, kann sich die Lage sehr schnell verändern. Diese Abhängigkeit erklärt, warum Madrid nach einem Massenandrang nicht allein über zusätzliche Zäune oder mehr spanische Beamte spricht.
Hunderte Festnahmen verhindern zweiten Ansturm
Das Wochenende blieb dadurch vergleichsweise ruhig. Doch gerade die Ruhe war das Ergebnis außergewöhnlicher Maßnahmen. Hunderte Festnahmen auf marokkanischer Seite zeigen, dass der Druck auf die Grenze nicht verschwunden war. Er wurde nur früher aufgefangen.
Auch die Online-Mobilisierung verändert die Dynamik. Früher mussten sich große Gruppen über persönliche Netzwerke sammeln; heute können Treffpunkte und Zeitfenster innerhalb kurzer Zeit verbreitet werden. Für die Sicherheitsbehörden bedeutet das, öffentliche Aufrufe auszuwerten und zugleich nicht jede Nachricht im Netz als reale Massenbewegung zu behandeln. Am Wochenende war die Drohung groß genug, um Kräfte zu mobilisieren – der tatsächliche Durchbruch blieb aus.
Die Tagesschau berichtete zugleich über die Rückkehr zahlreicher Menschen nach Marokko. Das ist für Ceuta entscheidend, denn eine Exklave kann einen massenhaften Zustrom nur begrenzt aufnehmen. Unterbringung, medizinische Versorgung, Registrierung und Rückführung laufen in einer räumlich engen Stadt nebeneinander.
Die Ereignisse machen zudem deutlich, wie abhängig Spanien von der Zusammenarbeit mit Marokko ist. Die Grenzzäune stehen auf spanischem Gebiet, aber ob Tausende Menschen bis dorthin gelangen, entscheidet sich oft viele Kilometer vorher. Kontrollen auf Straßen, in Bahnhöfen und in den Orten rund um Fnideq beeinflussen die Lage stärker als jede zusätzliche Patrouille direkt am Zaun.
Ceuta erlebte an diesem Wochenende deshalb keinen zweiten Massenansturm. Das ist der aktuelle Befund. Die Ursache lag nicht darin, dass die Aufrufe verschwunden wären, sondern in einer Sicherheitsarchitektur, die diesmal schon auf den Zufahrtswegen griff. Die Grenze blieb ruhig, weil sie auf beiden Seiten massiv bewacht wurde – und weil Hunderte Menschen sie gar nicht erst erreichten.
