Kunst im leeren Raum – was die Manifesta im Ruhrgebiet leisten kann

Bottrop, Quelle: denfran, Pixabay. Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig.

Die Manifesta 16 bespielt leerstehende Nachkriegskirchen im Ruhrgebiet. Das ist mehr als eine ungewöhnliche Ausstellungskulisse. Es stellt die Frage, was Kunst in Regionen bewirken kann, deren alte Räume und gesellschaftliche Funktionen verschwinden.

Das Ruhrgebiet besitzt so viele leer gewordene Räume, dass man aus ihnen fast eine zweite Topografie zeichnen könnte. Industriehallen, Ladenlokale, Gemeindebauten, Kirchen. Die Manifesta 16 nutzt zwölf aufgegebene oder umgenutzte Nachkriegskirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen als Orte für zeitgenössische Kunst. Die Deutsche Welle beschreibt die Architektur dieser Bauten als Spiegel einer Epoche, in der nach dem Krieg rund tausend neue Kirchen im Revier entstanden.

Kunst kann Räume öffnen, aber keine Strukturpolitik ersetzen

Die europäische Wanderbiennale trägt ihr gesellschaftliches Anliegen offen vor sich her. Kunst soll nicht nur in weiße Museumsräume gebracht werden, sondern in Gebäude, deren ursprüngliche Nutzung verschwunden ist. Der Guardian beschreibt Manifesta 16 als Versuch, Orte in einem deindustrialisierten Raum neu zu aktivieren und die Geschichte von Arbeit, Einwanderung und Gemeinschaft sichtbar zu machen. Auch The Art Newspaper stellt die Frage nicht als bloßes Ausstellungsformat dar, sondern als Versuch, für aufgegebene Gebäude neue öffentliche Funktionen zu erproben.

Solche Projekte ziehen fast automatisch große Erwartungen an. Plötzlich soll Kunst gut sein, Stadtentwicklung betreiben, soziale Beziehungen heilen, Leerstand lösen und regionale Identität erneuern. Das ist zu viel. Eine Installation kann einen Raum anders lesbar machen. Sie kann Aufmerksamkeit erzeugen. Sie kann Menschen in ein Gebäude bringen, das sie seit Jahren nicht betreten haben. Aber sie kann weder kommunale Haushalte sanieren noch Arbeitsplätze ersetzen.

Aus diesem Grund sollte man Manifesta nicht an den überhöhten Versprechen der Kulturpolitik messen. Interessanter ist die konkrete Begegnung zwischen Kunst und Architektur. Ein Sakralbau der Nachkriegszeit hat Material, Licht, Maßstab und Erinnerung. Wer dort ausstellt, bekommt einen starken Partner und einen schwierigen Gegner.

Das Revier braucht keine Kulisse seiner Vergangenheit

Das Ruhrgebiet wird kulturell gern über seine Industrievergangenheit erzählt. Fördertürme, Hochöfen, Zechenhallen und Arbeitergeschichte bilden eine mächtige Bildsprache. Sie ist berechtigt, kann aber selbst zur Folklore werden. Ein Raum, der nur als Denkmal seiner früheren Funktion betrachtet wird, bleibt Vergangenheit.

Manifesta setzt an einem anderen Typ von Leerstand an. Die Gebäude erzählen von Religion, Stadtplanung, Bevölkerungswachstum und den sozialen Strukturen der Nachkriegsjahrzehnte. Wenn solche Gebäude verschwinden oder neue Nutzungen erhalten, verändert sich das Gedächtnis der Stadt.

Die Süddeutsche Zeitung führt Manifesta 16 in ihrem Überblick über die laufenden Ausstellungen des Sommers – ein Hinweis darauf, dass die Veranstaltung längst nicht nur regional wahrgenommen wird. Die eigentliche Qualität wird jedoch weniger in internationaler Aufmerksamkeit liegen als darin, ob Bewohner die Orte nach Ende der Biennale anders sehen.

Temporäre Kunst braucht eine zweite Zeitrechnung

Das klassische Problem aller Kulturfestivals beginnt am Tag nach dem Abbau. Dann verschwinden Besucher, Presse und internationale Kuratoren. Übrig bleiben Gebäude, Betriebskosten und lokale Initiativen. Wenn Manifesta nur eine glänzende Zwischennutzung erzeugt, wird sie Teil des üblichen Festivalzyklus. Wenn einzelne Orte dauerhaft neue Funktionen finden, hat sie mehr erreicht.

Dabei sollte Dauer nicht zum einzigen Kriterium werden. Auch eine temporäre Arbeit kann Erinnerung verändern. Kunst muss kein Sozialprojekt rechtfertigen, um öffentlich finanziert zu werden. Aber wenn sie ausdrücklich mit Stadtentwicklung und Gemeinschaft arbeitet, darf man fragen, was nach ihr bleibt.

Das Ruhrgebiet ist für diese Frage ein besonders ehrlicher Ort. Hier sind die großen Erzählungen des Fortschritts sichtbar gealtert. Industrie, Arbeit, Kirche, Wachstum – vieles, was einmal selbstverständlich schien, hat seine Form verloren. Kunst kann diesen Verlust nicht rückgängig machen.

Sie kann aber Räume offenhalten, bevor sie endgültig verschwinden. Das ist weniger als Strukturpolitik. Und mehr als Dekoration.

Architektur widerspricht der neutralen Ausstellung

Die Nutzung ehemaliger Kirchen macht außerdem sichtbar, was der klassische White Cube gern verbirgt: Jeder Ausstellungsraum hat eine Geschichte. In neutral gestrichenen Galerien kann man so tun, als begegne das Werk nur dem Betrachter. In einem Nachkriegsbau drängen sich Material, Akustik, Fenster, frühere Rituale und Erinnerungen der Nachbarschaft in jede Installation hinein.

Das zwingt Künstler zu Entscheidungen. Wer den Raum ignoriert, kann an ihm scheitern. Wer ihn nur illustriert, macht aus Kunst Denkmalpädagogik. Die interessanten Arbeiten bewegen sich dazwischen. Genau deshalb ist Manifesta im Ruhrgebiet mehr als ein Festival mit ungewöhnlichen Immobilien. Die Architektur selbst wird zum Argument. Sie erinnert daran, dass Gesellschaft ihre Werte baut – und dass Gebäude weiterleben, wenn die Institutionen, für die sie errichtet wurden, verschwinden. Kunst kann diese zweite Lebensphase sichtbar machen, ohne bereits zu wissen, wie die dritte aussehen wird.

Für die Kommunen stellt sich dabei eine einfache Finanzfrage. Ein Gebäude kann kulturell wertvoll sein und trotzdem im Unterhalt teuer bleiben. Neue Nutzungen brauchen Heizung, Brandschutz, Barrierefreiheit und Personal. Wer nach einer Biennale dauerhafte Kulturorte verspricht, sollte diese Folgekosten offen benennen. Sonst wird aus erfolgreicher Zwischennutzung eine neue Belastung. Kunst kann einen Ort neu denkbar machen. Ob er dauerhaft lebt, entscheidet am Ende auch der Haushalt.

Für Künstler kann diese Nähe zur lokalen Geschichte zugleich eine Zumutung sein. Internationale Kunstfestivals neigen dazu, Regionen als Themenmaterial zu behandeln. Dann wird das Ruhrgebiet auf Strukturwandel, Migration und Industriegeschichte reduziert, weil diese Begriffe für Besucher sofort lesbar sind. Gute Kunst muss diesem Erwartungsdruck nicht gehorchen. Ein Werk darf im Ruhrgebiet entstehen, ohne „über das Ruhrgebiet“ zu sprechen. Gerade die Freiheit, den Ort ernst zu nehmen und sich ihm trotzdem nicht vollständig unterzuordnen, entscheidet darüber, ob aus einer Biennale Kunst oder Standortmarketing wird.

Was bleibt, wenn die Biennale weiterzieht

Temporäre Kunstereignisse lieben verlassene Gebäude. Sie liefern Atmosphäre, Geschichte und jene raue Authentizität, die in neutralen Museumsräumen mühsam erzeugt werden müsste. Für das Ruhrgebiet ist dieser Zusammenhang besonders stark. Kirchen, Industriehallen und Nachkriegsarchitektur erzählen von Bevölkerungswachstum, Arbeit, Strukturwandel und späteren Leerständen. Die Manifesta findet damit Räume, die selbst schon Bedeutung tragen. Das ist ein Vorteil – und eine Verpflichtung.

Denn nach einigen Monaten werden Künstler, internationales Publikum und Presse wieder abreisen. Dann steht das Gebäude weiter im Stadtteil. Ob eine Biennale nachhaltig wirkt, entscheidet sich erst in diesem Moment. Gibt es eine neue Nutzung? Haben lokale Initiativen Zugang? Ist Geld für Unterhalt vorhanden? Oder bleibt nur die Erinnerung an eine kurze kulturelle Hochphase? Stadtentwicklung durch Kunst ist besonders anfällig für symbolische Erfolge, weil ein gut besuchtes Eröffnungswochenende leichter zu dokumentieren ist als zehn Jahre Betriebskosten.

Die interessantesten Projekte könnten deshalb jene sein, die sich selbst nicht überschätzen. Nicht jedes leerstehende Gotteshaus wird zum Kulturzentrum, nicht jede künstlerische Intervention löst ein soziales Problem. Manchmal genügt es, einen Ort für einige Monate anders lesbar zu machen. Problematisch wird es erst, wenn Kulturpolitik aus dieser vorübergehenden Aufmerksamkeit ein Versprechen dauerhafter Revitalisierung ableitet, ohne die Mittel dafür bereitzustellen.

Für das Ruhrgebiet wäre schon viel gewonnen, wenn die Manifesta neue Verbindungen zwischen bestehenden Häusern, freien Szenen, Hochschulen und lokalen Akteuren schafft. Die Region besitzt längst Kulturinstitutionen von internationalem Rang. Sie braucht nicht die Erzählung, erst ein wanderndes Festival habe sie kulturell entdeckt. Gute Gastgeber müssen sich nicht kleiner machen, um interessant zu wirken. Der Maßstab sollte deshalb nach dem Ende der Manifesta nicht lauten, wie viele internationale Besucher gekommen sind. Spannender ist, ob aus dem temporären Ereignis Beziehungen entstanden sind, die auch ohne Biennale weiterarbeiten.

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