Wie sagte es der glückliche Ozapfer des heurigen Oktoberfestbierfasses Dominik Krause in seiner kurzen Geburtstagsglückwunsch- Ansprache auf der Bühne der Münchner Kammerspiele? Sie seien nichts für den Alltagsgeschmack, ließen sie doch immer schon über ihre Stücke ihre Besucher nachdenken. Der OB in der Hochkultur: gelassen, heiter gestimmt, überzeugend. Ihm und den herzhaft beklatschten Worten der über die Wahl ihrer Institution zum Theater des Jahres 1926 seligen Intendantin Barbara Mundel folgte gut zwei Stunden lang die ziemlich sperrige und didaktisch verunglückte Eröffnungs-Premiere der (zunächst nur noch vier mal gezeigten) Inszenierung von „Danton“, gewachsen in den Hirnen des Theaterkollektivs Post Paradies mit der Regisseurin Lizzy Timmers an der Spitze, mitgetragen von ausgewählten Kräften des höchst verdienstvoll inklusiv arbeitenden Kammerspiele-Ensembles.
An der Spitze: Wiebke Puls als Titelheld(in) namens Danton. Warum dies? Weil die Münchner Kammerspiele – angeblich einst Hitlers Lieblingstheater – vor 100 Jahren ihren Erstwohnsitz in der Augustenstraße in Richtung Maximilianstraße verließen. Mit Büchners Drama hat das Stück, in das es einen wegen des vielversprechenden Spielzeit-Beginns 2026/27 mit Freuden zog, nur mehr wenig zu tun. Man dachte halt historisch und teilte auf dem Programmzettel gleich zu Anfang mit, dass 1926 Otto Falckenberg „Dantons Tod“ mit dem Büchner-Drama das Haus an der Maximilianstraße eröffnete. Da ist von einem Wagnis die Rede, das eingegangen wurde und von einer Auseinandersetzung mit den Anfängen des ehemaligen Privattheaters, das jüdische Mäzene 1911 gegründet hatten. Mit „Danton“ sollten viele, vor allem auch jüdische Biografien zu einer Gruppe gefügt und fiktive Begegnungen ermöglicht werden, angelehnt an ehemalige Kammerspiel-Mitarbeitende wie Wolfgang Petzet, Hans Schweikart, Flora Fromm, Therese Giehse, Sibylle Binder und Hanne Mertens.
Wer von ihnen im Stück auftritt oder vertreten wird, stellte sich auch durch starkes Nachdenken nicht zufriedenstellend heraus. Wer (ver)spielt hier wen? Das ist und bleibt, bis ganz zum Schluss, wenn es – Jubel, Trubel, Heiterkeit! – endlich Konfetti auf die Riesen-Geburtstagstorte, zu der der Holzlatten-Pavillon endlich mutierte, mit der weißen 100 oben drauf regnet (Bühnen-Design: Maarten van Otterdijk, Kostüme: Bettina Kirmair) ein Rätsel. Jedenfalls durfte man bei dieser durchwegs umtriebigen und gern lauten wie durch berührende Momente (mit Christian Löber als Schwulen) und große Schauspieler-Kunst (wie der eines verwandlungsfähigen Künstlers namens Edmund Telgenkämper und einer bewegenden Pina Bergemann) getragenen „revolutionären Spurensuche nach Georg Büchner“ den folgenden Darsteller(inne)n, allen voran der umwerfenden „Heldin“ Wiebke Puls, noch begegnen: Henrike Commichau, Dennis Fell-Hernandez, Leon Pfannenmüller und Luisa Wöllisch. Die passende, nur teils vom Band genommene begleitende Live-Musik ist Jakob Roters zu danken.
Wer daran dachte, das neue Kammerspiel-Stück seinem jungen Nachwuchs plausibel zu machen oder gar zu empfehlen, hatte allein schon Mühe, dessen Inhalt einigermaßen fasslich wiederzugeben. Vielleicht kann zur Lektüre von „Dantons Tod“ (publiziert 1835, UA 1902!) geraten werden – als Einstieg und Grundlage für dieses Verwirrspiel hoch ambitionierter, bestens aufgelegter Theatermacher.
