Der Name als Schicksal
Klaus Mann wurde am 18. November 1906 in München geboren, in ein Haus, in dem Bücher, literarische Urteile und die Ansprüche des Schriftstellerberufs zum Alltag gehörten. Sein Vater Thomas Mann war längst eine öffentliche Größe, der Onkel Heinrich Mann gehörte zu den streitbaren Intellektuellen der Republik, und der Sohn konnte sehr früh erfahren, welche Türen ihm sein Name öffnete. Nicht weniger früh musste er begreifen, dass man von ihm entweder Ähnlichkeit mit dem Vater erwartete oder den Beweis, dass er sich von ihm unterscheide. Seine Herkunft verschaffte ihm einen Vorsprung und machte es ihm schwer, als Schriftsteller ohne den erklärenden Zusatz seines Familiennamens wahrgenommen zu werden.
Man hat Klaus Mann lange vor allem als den Sohn Thomas Manns betrachtet, als einen empfindsamen, ehrgeizigen jungen Schriftsteller, der dem Vater nacheiferte und sich zugleich von ihm absetzen wollte. Dieses vertraute Familienporträt erklärt jedoch nur einen Teil seines literarischen Werkes. Seine entschiedene Gegnerschaft zum Nationalsozialismus bestimmte seit 1933 den weiteren Lebensweg. In „Mephisto“ untersuchte er vielmehr, wie ein Künstler im Streben nach öffentlicher Anerkennung und im Umgang mit den Mächtigen jene Unabhängigkeit aufgab, auf die er sich selbst berief.
In den frühen Schriften kündigte sich die spätere politische Entschiedenheit des Exilanten noch kaum an. In den zwanziger Jahren war Klaus Mann zuerst mit dem eigenen Leben beschäftigt. Ihn lockten die Bühne und die Literatur, die europäischen Städte und der Versuch, eine andere Daseinsform zu erproben, als es das bürgerliche Elternhaus vorsah. Was ihm zunächst als Befreiung von familiären Regeln erschien, erhielt mit Verfolgung und Vertreibung eine andere Bedeutung. Von nun an musste sich sein Verlangen nach persönlicher Unabhängigkeit auch an der Freiheit der Mitmenschen bewähren.
Die Suche nach einer eigenen literarischen Stimme vollzog sich unter begünstigenden, für seine Eigenständigkeit zugleich schwierigen Voraussetzungen. Im Elternhaus begegnete Klaus Mann einem Maßstab, an dem er sich unablässig messen musste; das Publikum erwartete von seinem Namen etwas, ehe es einen Satz gelesen hatte. Dies hinderte ihn nicht daran, die Möglichkeiten seiner Herkunft zu nutzen. Es erklärt aber die eigentümliche Schärfe, mit der er um Eigenständigkeit rang. Die Auseinandersetzung mit dieser widersprüchlichen Herkunft beschäftigte ihn noch lange nach den Jugendjahren.
Jugend, Begehren und der Einspruch gegen die Konvention
Das kulturelle Leben der Weimarer Republik bot einem jungen Schriftsteller erstaunliche Möglichkeiten, aber die oft beschworene Liberalität dieser Jahre endete an rechtlichen und gesellschaftlichen Grenzen. Klaus Manns Roman „Der fromme Tanz“, dessen Erstausgabe die Jahreszahl 1926 trägt und dessen Veröffentlichung bereits Ende 1925 angesetzt wird, erzählte von der Suche nach einer eigenen Lebensform und gab einer homosexuellen Hauptfigur literarischen Raum. Das geschah in einer Gesellschaft, die männliche homosexuelle Handlungen nach Paragraf 175 strafrechtlich verfolgte. Neben den Experimenten des Theaters, der neuen Kunst und dem großzügigeren Lebensstil einzelner großstädtischer Kreise bestanden die überkommenen Vorurteile unverändert fort. Gerade die gesellschaftlichen Reaktionen auf solche Lebensentwürfe zeigten, wie wenig die Freiheiten der Republik über die Grenzen einzelner großstädtischer Kreise hinaus gesichert waren.
Mit Erika Mann bildete Klaus eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft von ungewöhnlicher Nähe. Die Familie sprach von den „Zwillingen“, obwohl die Geschwister nicht am selben Tag geboren waren; ihr gemeinsames Auftreten und ihre Verbundenheit ließen die Bezeichnung naheliegen. Pamela Wedekind und Gustaf Gründgens gehörten zu dem Kreis, in dem Theaterarbeit, Freundschaft, persönliche Beziehungen und künstlerischer Ehrgeiz ineinandergriffen. In dieser Welt konnte eine Rolle auf der Bühne ebenso zur Selbstverständigung dienen wie die Entscheidung, gegen gesellschaftliche Erwartungen zu leben. Der Schritt in die Öffentlichkeit war nie gänzlich von der Frage zu trennen, wie man selbst leben wollte.
Daraus eine stellvertretende Geschichte der gesamten jungen Generation machen zu wollen, hieße allerdings die sozialen Voraussetzungen seines Lebens zu übergehen. Klaus Mann konnte reisen, Beziehungen nutzen und in europäischen Künstlerkreisen verkehren, deren Zugang anderen verschlossen blieb. Seine Unruhe erwuchs auch aus einer Fülle von Möglichkeiten, unter denen er keine dauerhaft befriedigende Lebensform fand; materielle Not erklärt diese frühen Suchbewegungen nur unzureichend. Die frühe Literatur bewahrte etwas von dieser Unentschiedenheit. Sie wusste schon, was sie an den Konventionen ablehnte, ohne bereits sagen zu können, worauf eine Freiheit gegründet sein müsse, die mehr sein sollte als persönliche Ungebundenheit.
Kunst und Lebenskrise
Die Versuchung, in jeder Romanfigur einen versteckten Selbstbericht zu entdecken, ist bei Klaus Mann besonders groß. Auch „Symphonie Pathétique“, sein Roman über Peter Iljitsch Tschaikowsky aus dem Jahr 1935, lädt dazu ein, die Einsamkeit des Komponisten mit den Erfahrungen seines Autors zu vergleichen. Die autobiografischen Bezüge erschließen allerdings nur einen Teil des Romans. Er fragt, weshalb künstlerische Größe einem Menschen die Verletzlichkeit nicht abnimmt und warum der Beifall eines Publikums die innere Verlassenheit sogar verschärfen kann. Erst in dieser Spannung erhält das Schicksal Tschaikowskys die über den Lebensbericht hinausgehende Gestalt des Romans.
An Tschaikowskys Schicksal interessierte Klaus Mann das schwierige Verhältnis von Schaffen und Leben. Kunst verändert die Gestalt einer Erfahrung, sie beseitigt nicht deren Widersprüche. Ein Mensch kann auf der Bühne oder in seiner Musik Ausdrucksmöglichkeiten besitzen, die ihm in den Beziehungen zu anderen Menschen fehlen. Wer auf das Urteil eines Publikums angewiesen ist, gerät überdies leicht in die Versuchung, dessen Erwartungen entgegenzukommen. Wie abhängig schöpferische Freiheit vom Verlangen nach Beifall werden kann, untersuchte Klaus Mann später mit politischer Schonungslosigkeit am Beispiel eines Schauspielers.
Seine frühen Gestalten sind oft unterwegs. Sie wechseln Orte, suchen Freundschaften und Beziehungen, gewinnen vorübergehend Halt und verlieren ihn wieder. „Treffpunkt im Unendlichen“, 1932 veröffentlicht, führte solche Bewegungen zu einem erzählerischen Zusammenhang, der die Unruhe einer ganzen Lebenswelt ahnen ließ. Die Figuren wollen zueinanderfinden, doch die Nähe, die sie suchen, lässt sich nicht in eine verlässliche gemeinsame Existenz überführen. Man sollte darin keine prophetische Darstellung der kommenden Diktatur erblicken. Der Roman entstand vielmehr in einer Republik, deren politische und soziale Unsicherheiten längst in das private Leben hineinreichten. Dass eine Reise durch europäische Städte noch kein Zuhause ergab, war eine Erfahrung, die von der späteren Emigration entschieden zu unterscheiden bleibt.
Ein Teil dieser Prosa entzog sich den Anforderungen, mit denen Familie, Beruf und gesellschaftliche Zugehörigkeit gewöhnlich verbunden wurden. Klaus Mann ließ Menschen auftreten, denen ihre Umgebung einen Platz zuwies, der ihren Neigungen und Vorstellungen widersprach. Darin lag bereits die Aufmerksamkeit für die Gewalt, die sich hinter einer als selbstverständlich geltenden Ordnung verbergen kann. Es war noch keine politische Lehre, und man täte den Büchern keinen Gefallen, wollte man sie im Rückblick darauf verpflichten. Aber die Beobachtung jener Menschen, die am Rand einer gesellschaftlichen Norm leben, schärfte das Bewusstsein für die Gefährdung individueller Freiheit.
Später rückte Klaus Mann das Verhältnis künstlerischer Begabung und moralischer Verantwortung unter anderen historischen Bedingungen erneut ins Blickfeld. Ein Schauspieler vermag das Leiden einer Figur auf der Bühne überzeugend darzustellen und kann im eigenen Leben dennoch vor einer politischen Entscheidung ausweichen. Das Verständnis für menschliche Schwäche ist noch keine Bürgschaft für Mut. In den frühen Büchern zeigte sich die Schwierigkeit, das eigene Leben nach den künstlerisch behaupteten Überzeugungen auszurichten, zunächst an den privaten Konflikten der Figuren. Unter der Diktatur erhielt diese Spannung in „Mephisto“ ihre politische Schärfe.
1933 und die Entscheidung zum Exil
Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme im Januar 1933 wurde aus dem Streit um individuelle Lebensformen eine Frage der politischen Existenz. Klaus Mann verließ Deutschland im März und ging nach Paris. Amsterdam entwickelte sich noch im selben Jahr zu einem wichtigen Ort seiner publizistischen Tätigkeit. Wer darin nur die Fortsetzung einer ohnehin kosmopolitischen Lebensführung sähe, unterschätzte den Einschnitt. Mit dem Wohnort verlor der Schriftsteller zugleich den Zusammenhang von Verlagen, Bühnen, Zeitungen und Lesern, innerhalb dessen seine Bücher bislang erschienen waren. Er schrieb weiterhin deutsch, musste seine Leser aber fortan außerhalb der bisherigen Verlags- und Pressewelt suchen.
Das nationalsozialistische Regime beanspruchte, Deutschland und seine Kultur zu repräsentieren, während es einen erheblichen Teil derjenigen vertrieb, die an dieser Kultur mitgewirkt hatten. Klaus Mann widersprach diesem Anspruch. Für ihn gehörte die deutsche Literatur zu einem europäischen Gespräch, das sich durch staatliche Grenzen und politische Befehle nicht abschließen ließ. Die Berufung auf Goethe und die klassische Tradition konnte die Gegenwart nicht ungeschehen machen, doch sie bewahrte die Erinnerung daran, dass der kulturelle Name Deutschlands älter und reicher war als seine neuen Machthaber. Der Kampf um das Recht, deutsch zu schreiben, ohne dem Regime zu dienen, wurde so selbst zu einer politischen Angelegenheit.
Der Schriftsteller hätte den politischen Ereignissen fernbleiben können, solange man Kunst und Politik als getrennte Bezirke betrachtete. Mit der Gleichschaltung der Verlage, dem Verbot von Büchern und der Verdrängung der Autoren aus dem öffentlichen Leben war auch diese Trennung politisch folgenreich geworden. Auch die Entscheidung, sich nicht zu äußern, erhielt nun eine politische Bedeutung. Klaus Mann zog daraus keine geschlossene Lehre von der Pflicht des Künstlers. Er schrieb, gründete und leitete Zeitschriften, griff das Regime öffentlich an und nahm mit dem Exil die Folgen seiner Haltung auf sich.
Im Exil wurde die Zugehörigkeit zu Deutschland für ihn zu einem politischen Konflikt. An Geburtsort und Muttersprache änderte sich nichts, doch im eigenen Land durfte seine Stimme nicht mehr gehört werden. Die Machthaber verfügten über Schulen, Verlage und Theater; die Emigranten mussten erst Orte finden, an denen ihr Widerspruch hörbar wurde. Manche verloren einen großen Teil ihrer Leserschaft, gerade weil sie sich dem Regime verweigerten. Die Emigration führte damit unmittelbar in den Streit um die geistige Legitimation Deutschlands und um das Recht der Vertriebenen, die deutsche Literatur außerhalb des Reiches fortzuführen.
Auch unter diesen Umständen blieb literarische Qualität an der Gestaltung des einzelnen Werkes zu beurteilen. Der politische Widerstand seines Verfassers konnte einen Roman noch nicht künstlerisch beglaubigen. Klaus Mann schrieb unter dem Druck rasch wechselnder Ereignisse, häufig für ein Publikum, dessen eigene Lebensumstände unsicher waren. Das erklärte manches Dringliche, Unausgeglichene, auch Überdeutliche seiner Prosa, ohne jede erzählerische Entscheidung zu entschuldigen. Ein Urteil über das Werk hat die erzählerischen Grenzen einzelner Bücher ebenso zu berücksichtigen wie die außerordentlichen historischen Bedingungen ihrer Entstehung.
Die Arbeit unter diesen Bedingungen verlangte mehr als das Schreiben selbst. Klaus Mann musste Verleger gewinnen und Kontakte zu einer Leserschaft pflegen, deren Lebensumstände sich ebenso verändert hatten wie seine eigenen. Seine Auseinandersetzung mit der deutschen Literatur setzte er fort, obwohl die Machthaber ihm jede öffentliche Wirkung innerhalb des Reiches verwehren wollten.
Die Sammlung und die verlorene deutsche Öffentlichkeit
1933 begann im Amsterdamer Querido-Verlag Klaus Manns Zeitschrift „Die Sammlung“ zu erscheinen. Sie sollte vertriebenen Schriftstellern einen publizistischen Ort verschaffen und zugleich verhindern, dass die deutschsprachige Literatur mit den Institutionen des nationalsozialistischen Staates gleichgesetzt wurde. Das Vorhaben war anspruchsvoller, als es von außen aussah. Die Emigranten teilten den Verlust ihrer bisherigen Öffentlichkeit, keineswegs aber dieselben politischen Überzeugungen oder Vorstellungen von Kunst. Schon die Frage, mit welcher Schärfe eine Literaturzeitschrift gegen Hitler Stellung beziehen sollte, führte zu Konflikten.
Die Erfahrung der Vertreibung schuf unter den Emigranten noch keine geschlossene Gemeinschaft. Zu den unterschiedlichen politischen Auffassungen kamen finanzielle Sorgen, unsichere Aufenthaltsbedingungen und Rücksichten auf Verleger oder Angehörige. Einige Autoren verteidigten die Unabhängigkeit der Literatur gerade gegen die Erwartung, sie müsse nun vor allem politischer Kampf sein. Andere sahen in jedem Verzicht auf öffentliches Bekenntnis eine gefährliche Nachgiebigkeit gegenüber dem Regime. Die Spannung war ernst zu nehmen. Eine Kunst, die nur noch Losungen wiederholt, verliert ihre Freiheit; eine Kunst, die sich der Wirklichkeit der Verfolgung entzieht, kann ebenjene Freiheit preisgeben, auf die sie sich beruft.
1935 musste „Die Sammlung“ ihr Erscheinen einstellen. An ihrem Ende zeigte sich, wie schwer es war, eine verstreute Schriftstellergemeinschaft ohne den Rückhalt der gewohnten Institutionen zusammenzuhalten. Klaus Mann hielt dennoch an der publizistischen Auseinandersetzung fest und gründete später in den Vereinigten Staaten die englischsprachige Zeitschrift „Decision“. Aus dem Scheitern in Amsterdam hatte er erfahren, dass gemeinsamer Widerstand Meinungsverschiedenheiten nicht beseitigte. Der freie Austausch ließ sich gegen die Diktatur nur verteidigen, wenn er auch unter deren Gegnern möglich blieb.
Die Exilzeitschriften konnten die Zeitungen, Theater und Verlage Deutschlands nicht ersetzen. Ihre Leistung bestand darin, ein Gespräch weiterzuführen, das innerhalb des Reiches unterdrückt worden war. Mit der Herausgabe einer solchen Zeitschrift stellte Klaus Mann zugleich den Anspruch der Machthaber infrage, verbindlich über die Zugehörigkeit zur deutschen Kultur zu entscheiden. Die offenen Auseinandersetzungen unter den Emigranten bewahrten eine Freiheit des literarischen Urteils, deren Ausübung der nationalsozialistische Staat im eigenen Machtbereich unterdrückte.
Mephisto und die Moral der Karriere
1936 erschien „Mephisto. Roman einer Karriere“, das bekannteste Buch Klaus Manns. Hendrik Höfgen, die Hauptfigur, trug unverkennbar Züge Gustaf Gründgens‘, mit dem der Autor in seiner Jugend am Theater gearbeitet hatte. Die Nähe zu einem wirklichen Schauspieler ließ den Roman später zum Gegenstand erbitterter Kontroversen werden. Sie verleitete auch dazu, den Text als persönliche Abrechnung zu lesen. Wer bei dieser Deutung stehen bleibt, übersieht jedoch den eigentlichen Vorgang: Ein Mann, der sein Leben der Kunst gewidmet hat, findet immer neue Gründe, seine berufliche Stellung unter einer Diktatur zu sichern, bis er den Preis dieser Sicherheit nicht mehr wahrhaben will.
Höfgen tritt nicht als begeisterter Ideologe auf. Ihm liegt an der Bühne, am Erfolg und an jenem Beifall, ohne den er sich sein Leben kaum vorstellen kann. Die politische Veränderung verlangt von ihm Zugeständnisse, deren jedes sich im Augenblick als pragmatisch oder unvermeidlich erklären lässt. Er muss nicht mit einer einzigen großen Entscheidung seine Überzeugungen verraten. Es genügt, dass er die vielen kleinen Entscheidungen nicht länger auf ihre Folgen prüft. Irgendwann hängt seine Laufbahn von Verhältnissen ab, deren Rechtfertigung mit seiner eigenen Rechtfertigung untrennbar geworden ist.
Höfgen schließt einen Handel, dessen Bedingungen er sich lange selbst nicht eingestehen will. Der ersehnte Ruhm wächst, doch mit jeder neuen Gunstbezeugung der Mächtigen schwindet die Freiheit, auf die er als Künstler so stolz war. Das Theater verleiht diesem Vorgang eine besondere Ironie. Wer auf der Bühne in fremde Gestalten schlüpfen kann, ist im wirklichen Leben verantwortlich für die Rolle, die er vor der Macht übernimmt. Die Kenntnis großer Dichtung und ein sicherer künstlerischer Geschmack nahmen ihm die Verantwortung für diese Entscheidung nicht ab.
Der Roman erlaubt es nicht, die Künstler pauschal in schweigende Schuldige und politisch auftretende Mutige einzuteilen. Klaus Mann beobachtete die langsame Gewöhnung an Verhältnisse, die Höfgen anfangs vielleicht noch für vorübergehend hielt. Sein Wunsch, ausschließlich Schauspieler zu sein, lieferte ihm eine Entschuldigung für die Zugeständnisse, die seine Karriere verlangte. Was er als persönliche Angelegenheit der Kunst behandelte, unterlag längst den Entscheidungen eines Regimes, das über seine Auftritte bestimmte.
Die literarische Figur Höfgen kann mit der historischen Person Gründgens keineswegs gleichgesetzt werden. Ein Schriftsteller wählt, verdichtet und verändert die Eigenschaften seines Vorbilds nach den Anforderungen des Romans. Über Gründgens‘ Tätigkeit während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde deshalb mit Recht differenzierter gestritten, als es das Bild des Opportunisten allein zuließe. Neben seiner Nähe zu den Mächtigen wurden auch Fälle erörtert, in denen er gefährdeten Kollegen half. Diese Einwände gegen eine vereinfachende Gründgens-Deutung verändern die literarische Anlage der Romanfigur nicht; über die historische Person ist weiterhin anhand ihrer tatsächlichen Handlungen zu urteilen. Die beiden Ebenen müssen auseinandergehalten werden, soll aus Literatur nicht nachträglich eine Sammlung vermeintlich beglaubigter Tatsachen werden.
Dass die Veröffentlichung von „Mephisto“ in der Bundesrepublik später zu einem Rechtsstreit über Gründgens‘ Persönlichkeitsrecht und die Freiheit der Kunst führte, fügte der Geschichte eine unerwartete Wendung hinzu. Ein Roman über den Künstler unter staatlicher Macht war selbst zum Gegenstand einer Auseinandersetzung um die rechtlichen Grenzen künstlerischer Darstellung geworden. Die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Verantwortung stellte sich nun unter anderen politischen Voraussetzungen und mit anderem Gegenstand. Der Streit ließ sich nicht durch eine nachträgliche Verurteilung oder Verteidigung Gründgens‘ erledigen. Er betraf das Recht des Romans, einen erkennbaren Menschen in eine literarische Gestalt zu verwandeln, und die Rechte dessen, der darin wiedererkannt wurde.
Von den Künstlern, die ihre Arbeitsmöglichkeiten verloren oder ins Exil gezwungen wurden, hält Höfgen innerlich Abstand. Solange seine eigene Bühne offen bleibt, behandelt er die Verfolgung der anderen als eine Angelegenheit, die seinen Beruf nicht berühren müsse. Gerade darin liegt die Selbsttäuschung seiner Karriere: Die Bedingungen seiner öffentlichen Anerkennung werden von denselben Machthabern geschaffen, die anderen das Recht auf künstlerische Arbeit nehmen.
Der Vulkan und das Leben der Entwurzelten
1939 veröffentlichte Klaus Mann „Der Vulkan. Roman unter Emigranten“. Anders als in „Mephisto“, wo sich ein moralischer Konflikt an einer einzelnen Karriere zuspitzt, entsteht das Bild der Zeit hier aus den Lebenswegen einer Vielzahl von Vertriebenen. Sie unterscheiden sich durch Herkunft, politische Auffassung und Hoffnung auf Rückkehr. Manche besitzen noch Geld und persönliche Beziehungen, andere müssen unter bedrückenden Umständen für den nächsten Tag sorgen. Das Exil vereinigt sie nicht zu einem eigenen Menschentyp. Sie bringen ihre Schwächen, Eitelkeiten, Bindungen und Gegensätze ebenso mit wie ihren Mut.
Mit der Flucht vor politischer Verfolgung war die Suche nach einer neuen, sicheren Heimat erst eröffnet. Die Zukunft blieb ungewiss, während aus Europa Nachrichten kamen, die den Zusammenhang des bisherigen Lebens weiter zerstörten. Mancher musste bei jedem Behördengang neu um seinen Aufenthalt bangen. Die gewohnte Sprache klang in einer fremden Umgebung plötzlich anders, vertraute Beziehungen waren zerrissen, und die vertrauten Mittel, mit denen sich jemand seinen Lebensunterhalt verschafft hatte, standen ihm nicht mehr zur Verfügung. Der Schriftsteller benötigte Leser, der Schauspieler eine Bühne, der Journalist eine Zeitung. Mit dem Verlust dieser Einrichtungen gerieten der Beruf und das Selbstverständnis des Einzelnen gleichermaßen ins Wanken.
Die Heimatlosigkeit war in solchen Fällen eine handfeste juristische und wirtschaftliche Lage. Wer keinen sicheren Aufenthaltsstatus, keine Arbeit und keine verlässlichen Einkünfte besaß, konnte auch als entschiedener Gegner Hitlers in der Fremde verzweifeln. Klaus Mann bewahrte seine Emigranten davor, bloß zu vorbildlichen Gestalten einer moralischen Erzählung zu werden. Sie blieben eitel, verletzlich, bisweilen auch ungerecht; ihre politischen Überzeugungen mussten sich unter Bedingungen bewähren, die sie nicht selbst gewählt hatten. Das verlieh den Entscheidungen der Figuren erst ihre menschliche Schwere.
Klaus Mann widerlegte damit die bequeme Vorstellung, die Emigranten hätten durch den Grenzübertritt ihre Schwierigkeiten hinter sich gelassen. Die Gleichzeitigkeit alltäglicher Not und einer Katastrophe von europäischem Ausmaß prägt die Erzählung. Eine Unterkunft finden, Papiere beschaffen, Geld verdienen, Nachrichten von Angehörigen erhalten: Solche Vorgänge beanspruchen die Kräfte von Menschen, die zugleich um das Schicksal ihres Landes und der gesamten europäischen Ordnung wissen. Für manche eröffnete das fremde Land neue Möglichkeiten, für andere wurde selbst das Fortsetzen der bisherigen Arbeit zu einer kaum lösbaren Aufgabe.
Die Menschen des „Vulkan“ begegnen einander über nationale Grenzen hinweg. Sie verstehen sich oder scheitern aneinander, ohne dass sich ihre geistigen Beziehungen nach den politischen Einteilungen der Staaten richten ließen. Darin lag ein anderes Europa als jenes, das der Nationalsozialismus aus geschlossenen, gegeneinander aufgebotenen nationalen Kulturen entwerfen wollte. Klaus Mann kannte den Kosmopolitismus seiner Jugend als Privileg des Reisenden. Durch die Emigration wurde daraus eine Erfahrung, die ihren Preis forderte. Wer kein gesichertes Zuhause mehr besaß, erfuhr an der eigenen Person, wie sehr menschliche Zugehörigkeit von staatlichen Entscheidungen abhing und wie wenig sich die europäische Kultur durch solche Entscheidungen erschöpfen ließ.
Soldat einer anderen Armee
Im April 1942 meldete sich Klaus Mann freiwillig zum Dienst in der US-Armee. Im Dezember wurde er einberufen; 1943 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. In amerikanischer Uniform kehrte der deutsche Schriftsteller nach Europa zurück, um gegen jenes Regime zu kämpfen, das die deutsche Kultur für sich beanspruchte und ihn aus seiner Heimat vertrieben hatte. Diese Lebenswendung bedarf keiner nachträglichen Ausschmückung. Als Angehöriger der amerikanischen Streitkräfte und Berichterstatter gelangte er schließlich wieder nach Deutschland; der Gegner des Nationalsozialismus erlebte dessen Niederlage.
Was für die politische Geschichte eine Befreiung bedeutete, konnte für den Einzelnen noch keine Heimkehr in die frühere Welt sein. Deutschland lag in Trümmern, seine Institutionen mussten neu aufgebaut werden, und viele Menschen suchten nach Erklärungen für das eigene Verhalten während der Diktatur. Wer das Land aus Widerspruch gegen Hitler verlassen hatte, begegnete nun womöglich jenen, die ihre Anpassung mit den Umständen entschuldigten. Die gemeinsame Sprache hob die Verschiedenheit dieser Erfahrungen nicht auf. Die Jahre der Verfolgung und die Mühen des Exils blieben Teil seiner Geschichte, auch als nach 1945 ein neues deutsches Leben beginnen sollte.
Mit dem militärischen Sieg blieb die geistige Verwüstung Europas als historische Last bestehen. Auch für Klaus Mann war die Niederlage des Nationalsozialismus, auf die er hingearbeitet hatte, kein Beginn eines gesicherten Lebens. Er begegnete einer Gesellschaft, in der man die Vergangenheit neu erzählte und die Verantwortung für die Diktatur vielfach von sich wies. Seine eigene Zukunft blieb unsicher. Der politische Kampf hatte ein Ende gefunden, während die persönlichen Widersprüche fortbestanden, die er aus den Jahren vor der Emigration kannte.
Als Klaus Mann die Schauplätze seiner Jugend wiedersah, traf er auf Menschen, deren Erfahrungen der vergangenen zwölf Jahre sich von den seinen grundlegend unterschieden. In Deutschland drängte sich vielerorts der Wunsch nach einem raschen Neubeginn auf. Für den zurückgekehrten Emigranten gehörte dazu jedoch die Auseinandersetzung mit der Verantwortung derjenigen, die geblieben waren. Dass Besatzung und Wiederaufbau den Alltag bestimmten, ließ die Frage nach dem Verhalten während der Diktatur keineswegs verstummen.
Der Wendepunkt und die Frage nach der eigenen Geschichte
1942 erschien in New York Klaus Manns englischsprachiger Lebensbericht „The Turning Point“. Die Wahl der Sprache hatte einen geschichtlichen Hintergrund: Ein deutscher Autor erzählte einer amerikanischen Leserschaft von einem Europa, aus dem er vertrieben worden war. Nach dem Krieg arbeitete Mann an einer deutschen Neufassung, die keineswegs nur eine Übersetzung des englischen Buches war. Er ergänzte, veränderte und erweiterte den Text, führte den Bericht bis 1945 fort und gab ihm den Titel „Der Wendepunkt“. Die deutsche Fassung erschien 1952, drei Jahre nach seinem Tod. Mit dem Wechsel der Sprache und der Adressaten veränderte sich auch der Blick, den er auf sein Leben warf.
Das Erinnern verleiht den vergangenen Ereignissen eine Ordnung, die sie dem Handelnden selbst selten besaßen. Diese nachträgliche Ordnung ermöglicht Erkenntnis, kann aber den ursprünglichen Verlauf der Ereignisse verzeichnen. Im Rückblick scheint eine Entscheidung auf die nächste zuzuführen, als wäre das spätere Ende schon in der Jugend angelegt gewesen. Während der Weimarer Jahre konnte Klaus Mann den Verlauf der deutschen Katastrophe und seinen späteren Weg ins Exil noch nicht kennen. Seine Autobiografie ist dort besonders aufschlussreich, wo die Erfahrung des späteren Emigranten das frühere Nichtwissen nicht vollständig überdeckt.
Das gilt für die vermeintlich freien zwanziger Jahre ebenso wie für die Entscheidung von 1933. Die kulturellen Freiräume der Republik hatten ihre sozialen Grenzen; vieles, was damals als persönlicher Aufbruch erschien, stand auf einem politisch unsicheren Boden. Unter der Diktatur musste sich erweisen, ob die Unabhängigkeit in Fragen der Lebensführung auch eine Bereitschaft zum öffentlichen Widerspruch trug. Diese Entwicklung war nicht zwangsläufig. Ihre einzelnen Entscheidungen lassen diese Entwicklung als einen offenen Lebensweg erkennen, dessen Ausgang dem jungen Schriftsteller keineswegs vorgegeben war.
Ob Deutschland einen anderen Weg hätte einschlagen können, lässt sich aus dem Leben eines Einzelnen nicht entscheiden. Klaus Mann konnte berichten, was er gesehen, versäumt, erhofft und später bereut hatte. Die Geschichte seiner Generation aber umfasste Möglichkeiten, die keiner ihrer Angehörigen allein überblickte. Das Verhältnis des persönlichen Gedächtnisses zum historischen Geschehen verleiht seiner autobiografischen Arbeit ihren besonderen Reiz. Sie zeigt, wie ein Mensch sich selbst im Wandel der Zeit zu verstehen sucht, ohne damit schon über die ganze Epoche zu verfügen.
Für seine Romanfiguren konnte der Schriftsteller eine Welt entwerfen und ihnen innerhalb dieser Welt Wege öffnen oder verschließen. Die politische Geschichte, in der er selbst lebte, stand nicht zu seiner Verfügung. Eine Diktatur veränderte die Bedingungen seines Schreibens, ein Krieg riss bestehende Lebensverhältnisse auseinander, und die Emigration zwang ihn, sich unter fremden Voraussetzungen neu zu erklären. Die Selbstbetrachtung in „Der Wendepunkt“ löste ihn damit auch aus der vertrauten Rolle des verkannten Sohns. Sie erzählte die Geschichte eines europäischen Schriftstellers, der erfahren musste, dass literarisches Vermögen keine Zuflucht vor der Zeitgeschichte gewährte.
Der Tod und die Gefahr der nachträglichen Legende
Am 21. Mai 1949 starb Klaus Mann in Cannes an den Folgen einer Überdosis Schlaftabletten. Er war zweiundvierzig Jahre alt. Seine langjährigen Suchtprobleme, die Erschöpfung und die Unsicherheit seiner Lebensumstände prägten die spätere Erinnerung an ihn. Sein früher Tod begünstigte später die Neigung, alle vorangegangenen Ereignisse als Vorbereitung dieses Endes zu lesen. Die Unruhe der Jugend, das Ringen mit dem Vater und selbst die politischen Entscheidungen werden dann zu Zeichen einer Katastrophe, deren Ausgang vermeintlich längst feststand. Einer solchen rückwärts gerichteten Deutung entzieht sich das wirkliche Leben.
Die Romane enthalten keine verschlüsselte Vorankündigung seines Todes. Die persönliche Not eines Schriftstellers erklärt auch nicht die geschichtliche Bedeutung seiner Haltung gegen den Nationalsozialismus. Klaus Mann konnte in der Beurteilung der politischen Verhältnisse hellsichtiger sein als viele seiner Zeitgenossen und zugleich mit Problemen leben, die durch die Niederlage Hitlers nicht verschwanden. Psychologische Legenden und moralische Urteile über seine persönlichen Schwächen reichen zur Erklärung dieser Biografie nicht aus. Das gilt ebenso für den oft beschworenen Vaterkonflikt. Er gehörte zu seinem Leben, darf aber nicht an die Stelle des eigenen Werkes treten.
Die Freiheit des Künstlers und das Urteil der Nachwelt
Anlässlich seines hundertzwanzigsten Geburtstags verdienen Klaus Manns Bücher eine Lektüre, die ihre jeweiligen literarischen Entscheidungen ernst nimmt. In „Mephisto“ ist die Karriere eines Schauspielers so gestaltet, dass jede berufliche Konzession weitere Bindungen nach sich zieht. „Der Vulkan“ verfolgt die unterschiedlichen Lebensbedingungen der Vertriebenen und die Mühe, unter fremden rechtlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen weiterzuarbeiten. Die frühen Romane wiederum sind von dem Wunsch geprägt, sich den Erwartungen des Elternhauses und den gesellschaftlichen Konventionen zu entziehen. Die Erfahrung der Diktatur veränderte schließlich die Bedeutung dieser persönlichen Unabhängigkeit und forderte öffentliches Handeln, dessen Folgen sich vorher kaum absehen ließen.
Man wird nicht behaupten können, jeder seiner Romane sei von gleicher künstlerischer Kraft. Die Dringlichkeit, mit der Klaus Mann auf seine Gegenwart antworten wollte, hinterließ Spuren; manches Urteil war an die politische Lage des Augenblicks gebunden. Eine genaue literarische Kritik muss auch diese Grenzen benennen. Der Wert seines Werkes besteht jedoch auch in der Unnachgiebigkeit, mit der er die Ansprüche der Macht auf das geistige Leben zurückwies. Als Bücher verboten und Schriftsteller vertrieben wurden, hielt er an einer Vorstellung von Kultur fest, die ohne die Freiheit des Urteils ihren Sinn verloren hätte.
Thomas Manns Name wird den Sohn in der Literaturgeschichte weiterhin begleiten. Die familiäre Zuordnung erklärt einen Teil seiner Herkunft, doch sie erschöpft den literarischen Rang seiner Arbeit keineswegs. Klaus Mann beschäftigte sich mit dem Verlangen nach Ruhm und mit den Zumutungen des politischen Widerstandes. Hendrik Höfgen beansprucht die Freiheit seines Berufes, während er sich über die politischen Voraussetzungen der eigenen Karriere keine Rechenschaft mehr ablegen will. Klaus Mann machte an dieser Figur sichtbar, wie die öffentliche Behauptung künstlerischer Unabhängigkeit zur Selbsttäuschung wird, sobald ein Künstler die Bedingungen seines Erfolgs gegenüber dem eigenen Urteil ausspart.
