Hilde Domin (1909-2006) ist vor zwanzig Jahren in Heidelberg gestorben. Sie ist eine der bekanntesten Lyrikerinnen der deutschen Sprache im 20. Jahrhundert. Wegen ihrer jüdischen Herkunft verbrachte sie 22 Jahre im Exil. Die längste Zeit ihres Lebens wohnte sie in Heidelberg. Dort begann sie als Zwanzigjährige ihr Studium und war geprägt durch die Heidelberger Professoren Karl Jaspers und Karl Mannheim. Die gebürtige Kölnerin kehrte nach ihrem Exil in ihre zweite Heimat und ihren Zufluchtsort Heidelberg zurück und lebte dort noch 45 Jahre lang. Als Lyrikerin steht sie in einer Reihe mit anderen jüdischen Lyrikerinnen ihrer Zeit, insbesondere mit Rose Ausländer, Nelly Sachs und Masha Kaleko.
Kurzes biografisches Porträt
Hilde Domin wurde am 27. Juli 1909 als Hilde Löwenstein in Köln geboren. Ihr jüdischer Vater war Justizrat in Köln und ihre Mutter war Hausfrau und Sängerin. Nach dem Abitur folgte sie dem väterlichen Vorbild und studierte zuerst Jura. Dann kamen bald die Fächer Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Philosophie hinzu. Eine besondere Faszination hatte sie für den dort lehrenden Professor Karl Jaspers. Mit 27 Jahren heiratete sie bereits im Exil in Rom ihren Lebensgefährten Erwin Walter Palm. Von 1941 bis 1954 lebte sie mit ihrem Mann im Exil in der Dominikanischen Republik. 5 Jahre lang war sie Dozentin für Deutsch an der Universität von Santo Domingo. Nach ihrem Exilland nahm sie den Namen „Hilde Domin“ an, mit dem sie als Lyrikerin bekannt wurde. Im Jahr 1954 kehrte sie nach 22 Jahren Exil nach Deutschland zurück und lebte die meiste Zeit in Heidelberg. Am 22. Februar 2006 ist sie dort gestorben. – Quelle: Biografien von Ilka Scheidgen 2006 und Marion Tauschwitz 2009, 2015.
Literarisches Oeuvre
Hilde Domin wurde international bekannt durch ihre Gedichtbände, ihre autobiographischen Texte und ihre Essaybände. Ihre Lyrik wurde in fast 30 Sprachen übersetzt und sie erhielt dafür zahlreiche Literaturpreise. Zu Lebzeiten erschienen von ihre mehr als 10 Gedichtbände, posthum folgten mehrere Bände als „Gesammelte Gedichte“ oder „Sämtliche Gedichte.“ Ihr erstes Gedicht entstand 1951 nach dem Tod ihrer Mutter. Dazu schrieb sie im Rückblick: „Ich war ein Sterbender, der gegen das Sterben anschrieb. Und so lange ich schrieb, lebte ich.“ Eines ihrer späteren Gedichte ist vielzitiert und widmet sich dem Sterben als „Unterricht“ – „köstlicher Unterricht an den Sterbebetten“ (vgl. Csef 2020). Die Biefe an ihren Ehemann sind unter dem Titel „Die Liebe im Exil“ (Domin 2009) erschienen und beinhalten Briefe zwischen 1931 und 1951.
Zahlreiche Literaturpreise und Auszeichnungen
Die starke positive Resonanz ihrer Gedichte in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg führte bald dazu, dass sie mit sehr renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Insgesamt erhielt sie mehr als 20 angesehene Literaturpreise und hohe Auszeichnungen: den Heinrich-Heine-Preis (1972), den Rilke-Preis (1976), den Nelly-Sachs-Preis (1983), den Friedrich-Hölderlin-Preis (1992) und viele weitere Literaturpreise. Im Jahr 1995 erhielt sie den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, bei dessen Verleihung Gerd Langguth die Laudatio hielt.
„Dennoch“ und „Trotzdem“ als Lebensprinzipien
Hilde Domin wurde wiederholt als „Dichterin des Dennoch“ beschrieben. Die Schriftstellerin Ulla Hahn, mit der sie lange befreundet war, schrieb ihr den „Mut zum Dennoch“ zu. Ihre Biografin Ilka Scheidgen (2006) gab ihrem Buch den Untertitel „Dichterin des Dennoch“. Trotz Vertreibung, Flucht und Exil hielt sie unbeirrbar an ihren Idealen von Humanität und Menschlichkeit fest. Der bekannte Literaturkritiker Michael Braun, der ein Buch und zahlreiche Artikel über Hilde Domin geschrieben hat, charakterisierte sie ebenfalls als „Dichterin des Dennoch“ (Braun 2015). Das „Dennoch“ hat bei Hilde Domin auch einen religiösen Bezug – wie ihr berühmtestes Gedicht „Abel steh auf“. Das „Dennoch“ ist das erste Wort in einem Vers des 73. Psalms im Alten Testament der Bibel. Er beginnt „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“
Das „Dennoch“ ist ein vielfaches Symbol für Hilde Domins Leben, das sie Vertreibung, Flucht und Exil abtrotzte. Es steht auch für die lange Beziehung und Ehe mit Erwin Walter Palm, die phasenweise sehr konfliktreich und belastend war. Dennoch ist sie bei ihm geblieben, hat mit ihm gemeinsam 22 Jahre Exil überstanden und ist danach mit ihm nach Deutschland zurückgekehrt. Sie zählt damit zu den wenigen Exildeutschen, die als Dichter lange im Ausland im Exil waren und „dennoch“ nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland zurückgekehrt sind. Hilde Domin lebte schließlich nach ihrer Rückkehr noch 45 Jahre in Heidelberg.
Literatur
Braun, Michael, Das „Dennoch“ von Flucht und Vertreibung. Hilde Domin als Dichterin des Exils. Communio 44 (2015) 389-402
Csef, Herbert, „Kostbarster Unterricht an den Sterbebetten“. – Das „memento mori“ von Hilde Domin. Tabularasa Magazin vom 4. November 2020
Domin, Hilde, Gesammelte Gedichte. Fischer, Frankfurt am Main 1987
Domin, Hilde, Gesammelte autobiografische Schriften. Fast ein Lebenslauf. Piper, München 1992
Domin, Hilde, Gesammelte Essays. Heimat in der Sprache. Fischer, Frankfurt am Main 1993
Domin, Hilde, Die Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm aus den Jahren 1931 – 1959. Hrsg. Von Jan Bürger und Frank Druffner. Fischer, Frankfurt am Main 2009
Scheidgen, Ilka, Hilde Domin, Dichterin des Dennoch. Biografie. Ernst Kaufmann Verlag, Lahr 2006
Tauschwitz, Marion, „Dass ich sein kann, wie ich bin.“ Hilde Domin. Die Biografie. Palmyra Verlag, Heidelberg 2009
Tauschwitz, Marion, Hilde Domin – „Dass ich sein kann, wie ich will.“ Biografie. Überarbeitete Neuauflage. Zu Klampen Verlag, Springe 2015
Korrespondenzadresse:
Professor Dr. med. Herbert Csef
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