Theater-Regisseure haben meistens ein sehr gutes Gespür für Werke, die den Nerv der Zeit treffen und eine hohe politische Aktualität haben. Dies gilt in besondere Weise für das Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Das Schauspiel Frankfurt, das Münchner Volkstheater und das Theater Münster haben im letzten Jahr den Kairos dieser Fügung erkannt und mit hervorragenden Neuinszenierungen dieses Theaterstück, das Bertolt Brecht vor 85 Jahren geschrieben hat, für die Gegenwart belebt. Das Werk entlarvt die Tricks, die Manipulationen und den Nährboden, die Populisten, Autokraten oder Diktatoren zur Macht verhelfen. Denn nach Brecht ist der Aufstieg aufhaltsam. Die Hauptfigur des Arturo Ui in seinem Theaterstück hätte aufgehalten werden können. Zuerst hat es keiner für nötig gehalten und dann hat sich keiner mehr getraut. Auch Hitler hätte anfangs aufgehalten werden können. Die politische Maxime hierzu lautet: Wehret den Anfängen! Hitler ist demokratisch gewählt worden. Er hatte viele Helfer, die seinen Aufstieg vorbereiteten und unterstützten. Als die Machtergreifung manifest wurde, war es zu spät. Brecht interessierten die vielen Jahre, in denen im Untergrund oder fast unsichtbar die Strippen der Macht gezogen wurden, also der lange Prozess der Machtergreifung, an dem viele Akteure mitwirkten.
Parallelen zur Gegenwart sind unverkennbar. Donald Trump und Viktor Orban sind demokratisch gewählt worden. Aktuell feiern in Deutschland rechtsextreme und linksextreme Parteien Wahlsiege. Beide bekennen freimütig, dass sie demokratische Institutionen schwächen oder zerstören wollen. Bei den Landtagswahlen im September 2026 wurde das Problem virulent. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg war die rechtsextreme AfD Wahlsieger. In Berlin siegte die linksextreme Partei Die Linke. Beide Parteien sind populistisch und demokratiegefährdend. Sie bedrohen demokratische Institutionen, den Rechtsstaat, die Polizei und die Minderheiten, die ihrem Feindbild entsprechen. Das „ostdeutsche Beben“ (Csef 2026) erschütterte Deutschland wie ein Erdbeben. Jedoch: „Die Zukunft ist offen“ (Karl Popper). Die weitere Entwicklung wird zeigen, wie gefährdet oder robust die Demokratie in Deutschland ist. Haben wir eine resiliente (widerstandsfähige) Demokratie?
„Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ – Das Theaterstück von Bertolt Brecht
Brecht war ein früher Kritiker des Nazi-Regimes und ging deshalb ins Exil. Er war ein politischer Schriftsteller, der sich sehr mit dem Thema der Macht auseinandersetzte. In interessierte deshalb sehr, wie Hitler an die Macht kam und was seinen Aufstieg ermöglichte. Über Hitlers Aufstieg schrieb er das Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. In einem Gespräch mit Walter Benjamin im Jahr 1934 erwähnte er bereits seine Arbeit an diesem Werk. Er schrieb schließlich das Stück in seinem finnischen Exil im März 1941 innerhalb von drei Wochen. Sein Exil führte ihn schließlich in die USA und dort gestaltete sich während der Kriegszeit eine Uraufführung schwierig. Leider konnte Brecht selbst die Uraufführung nicht mehr erleben, denn diese kam erst später nach seinem Tod. 17 Jahre nach der Fertigstellung gelang endlich die Uraufführung des „Arturo Ui“ in Stuttgart in der Inszenierung von Peter Palitzsch. Schließlich wurde das Theaterstück ein großer Erfolg. Die DDR-Inszenierung am Berliner Ensemble wurde von 1959 an mehr als 500-mal aufgeführt. Bald wurde es auf den Bühnen der meisten europäischen Metropolen und in den USA gespielt. Der „Arturo Ui“ wurde schließlich zum berühmtesten Theaterstück Bertolt Brechts (Gerz 2001).
Das Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ wurde zu einem Standardwerk über den Aufstieg von Diktatoren, Autokraten oder Populisten. Alle machtbesessenen politischen Führer der Gegenwart können durch dieses Werk entlarvt werden, da Brecht sehr kenntnisreich den Prozess der Machtergreifung analysiert. Er zeigt wie Helfer, Mitläufer, „Steigbügelhalter“ und schweigende Mehrheiten den Aufstieg mitgestalten. Die wesentliche Botschaft von Brecht ist: der Aufstieg Hitlers hätte verhindert werden können, er war nicht unaufhaltsam, sondern aufhaltsam. Es fehlten die mutigen, hellsichtigen und einflussreichen Menschen mit Zivilcourage, die ihn hätten aufhalten können. Der Epilog des Theaterstücks endet mit einer bedenkenswerten Warnung:
„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
Inhalt und Handlung des Theaterstücks „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“
Bertolt Brecht schrieb sein Theaterstück als Parabel über die Machtergreifung von Adolf Hitler. Dazu verlegte er die Handlung in das Gangstermilieu von Chicago. Arturo Ui ist ein kleiner Gangster aus der Bronx, der aus der Wirtschaftskrise des Gemüsehandels Profit schlagen möchte. Er will anfangs das Gemüsekartell davon überzeugen, durch Drohung und Gewalt Macht auszuüben. Das Kartell wollte lieber politische Intrigen über den angesehenen Politiker Dogsborough, der für Hindenburg steht. Dieser kam wegen einer Betrugsaffäre in Bedrängnis. Arturo Ui nutzte dies als Chance, bot seine Hilfe an und ließ zwei wichtige Zeugen ermorden. Ui nutzte hemmungslos die Schwächen der anderen aus. Durch Verführung, unverhohlene Dreistigkeit, Manipulation, Korruption und Mord stieg er immer weiter auf der Leiter der Macht empor. Er nutzt die Schwäche und Korruption der Wirtschaftsbosse aus und schüchterte die Presse und sogar die Justiz ein.
Brecht interessierte nicht nur die Figur des narzisstischen und größenwahnsinnigen Arturo Ui, sondern die Frage, warum ihn niemand aufgehalten hat. Denn sein Aufstieg war aufhaltsam. Er hätte jederzeit von der Gesellschaft gestoppt werden können, wenn die Menschen rechtzeitig und gemeinsam gehandelt hätten. Die opportunistische Gesellschaft war der Nährboden für die zunehmende Macht Arturo Uis. Gleichgültigkeit und Egoismus verhinderten anfangs eine Gegenwehr. Mit zunehmender Macht, Gewalt und Mord lähmte Arturo Ui die Gesellschaft durch Angst. Keiner traute sich mehr, sich dem Diktator entgegenzustellen und ihn aufzuhalten.
Aktuelle Neuinszenierungen des Theaterstücks von Bertolt Brecht
Das Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ gehört zu jenen von Bertolt Brecht, die neben der Dreigroschenoper am häufigsten in der Gegenwart aufgeführt werden. Die politische Aktualität ist evident. Der Aufstieg und die Wiederwahl von Donald Trump oder der Erfolg der rechtsextremen Partei AfD werden in Theaterkritiken von Neuinszenierungen häufig als politisch aktuelle Parallelen genannt. Im Jahr 2025 war die Premiere am Schauspiel Frankfurt, 2026 folgten jene am Theater Münster und am Münchner Volkstheater. In München spielte Anton Nürnberg die Hauptrolle des Arturo Ui. Er betonte in einem Interview:
„Brecht hätte das Stück genauso gut heute schreiben können… Er sagte: Erst kommt das Fressen und dann die Moral. Und die sinkt dramatisch ab, je größer die eigene Not wird. Das erleben wir derzeit auch. In einer Wirtschaftskrise öffnen Menschen ihre Arme für diejenigen, die in so einer konfusen Zeit vermeintliche schnelle Lösungen bieten. Auch deshalb muss man das Stück nicht mühevoll ins Heute ziehen, die Aktualität springt einen beim Zugucken von alleine immer wieder an.“ (Nürnberg 2026)
Literatur
Brecht, Bertolt, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui. Suhrkamp, Berlin 1966
Csef, Herbert, Das ostdeutsche Beben. Der Schock nach den Landtagswahlen von Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Tabularasa Magazin vom 10. Oktober 2026
Gerz, Raimund, Der Aufstieg des Arturo Ui. In Knopf, Jan (Hrsg.) Brecht-Handbuch, Band 1: Stücke. J.B. Metzler Verlag, Stuttgart, 2001, S. 459-474
Nürnberg, Anton, „Das Gefährliche an Arturo Ui: Er hat nichts zu verlieren.“ Interview mit Julia Rothaas vom 11. März 2026, zit. nach Programmheft Münchner Volkstheater 2026
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Professor Dr. med. Herbert Csef
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