Der Soziologe Steffen Mau – Konflikte als Motor der gesellschaftlichen Veränderung

Auch 36 Jahre nach der Deutschen Einheit bestehen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Der Soziologe Steffen Mau untersucht ihre historischen und gesellschaftlichen Ursachen. Bildnachweis: Pixabay / samara34.

 Steffen Mau gilt als einer der bedeutendsten deutschen Soziologen der Gegenwart. Seit 2015 ist er Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zusätzlich wurde er im Jahr 2025 Direktor der Abteilung „Ungleichheit, Transformation und Konflikt“ am Max-Planck-Institut für Politik und Sozialwissenschaft in Göttingen. Im Jahr 2021 erhielt er den Gottfried Wilhelm-Leibniz Preis. Dies ist der wichtigste und höchstdotierte Forschungsförderpreis Deutschlands. Er wird seit 1986 jährlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) verliehen und wird oft als der „deutsche Nobelpreis“ bezeichnet. Die von Steffen Mau im letzten Jahrzehnt publizierten Bücher sind alle Bestseller geworden. In Rostock geboren und aufgewachsen ist er seit 2015 Professor im ehemaligen Ostberlin. Er gilt als hervorragender Kenner der politischen Entwicklung Ostdeutschlands seit dem Mauerfall und der Wende. Zahlreiche Politiker zitieren ihn deshalb und verwenden seine überzeugenden Argumente.

Als Direktor der Abteilung „Ungleichheit, Transformation und Konflikt“ an einem Max-Planck-Institut ist Steffen Mau ein Konflikt-Experte, insbesondere im Kontext mit gesellschaftlichen Veränderungen. Er hat eine sehr konstruktive und positive Auffassung von Konflikten. Er deutet sie als Motor der gesellschaftlichen Veränderung.

Kurzes biografisches Porträt von Steffen Mau

Steffen Mau wurde am 31. Oktober 1968 in Rostock geboren und ist dort aufgewachsen. Sein Vater war Abteilungsleiter in einem Rostocker Schiffbaubetrieb und seine Mutter war Ärztin. Er wohnte mit seinen Eltern im Rostocker Neubaugebiet (Plattenbausiedlung) Lütten Klein. Über diesen Stadtteil schrieb er 2019 ein ausführliches Buch. Von 1975 bis 1985 besuchte er die 35. Polytechnische Oberschule in Rostock. Nach seiner Schulzeit machte er eine Lehre als Elektronikfachkraft beim VEB Schiffselektronik Rostock. Er hätte vor der Wende Mathematik und Physik studieren können, nahm aber diesen Studienplatz nicht an. Zum Zeitpunkt des Mauerfalls war er Soldat bei der Nationalen Volksarmee NVA und leistete dort in Schwerin seinen Grundwehrdienst ab. Er hatte gerade Wachdienst in der Kaserne, als er durch das Radio von der Grenzöffnung erfuhr. Nach der Wende studierte er von 1991 bis 1997 Soziologie und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin.

Akademische Karriere

Nach dem erfolgreichen Abschluss seines Soziologiestudiums war er von 1998 bis 2001 in Florenz und promovierte dort an dem Europäischen Hochschulinstitut. Seine Dissertation widmete sich dem Thema des Wohlfahrtsstaates. Von 2001 bis 2003 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Anschließend war er für zwei Jahre Juniorprofessor für Sozialpolitik an der Universität Bremen. Von 2005 bis 2015 hatte er eine ordentliche Professur für Politische Soziologie, ebenfalls an der Universität Bremen. Seit 2015 ist er Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Steffen Mau ist zusätzlich zu seiner Berliner Professur seit 2025 auch Direktor der Abteilung „Ungleichheit, Transformation und Konflikt“ am Max-Planck-Institut für Politik und Sozialwissenschaft in Göttingen.

Steffen Mau – „der Autobiograph des Ostens“

Als Steffen Mau im Jahr 2021 den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis erhielt, erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Beitrag von Gerald Wagner mit dem Titel „Der Autobiograph des Ostens“. Diese Charakterisierung ist mehr als zutreffend, denn seine Bestseller des letzten Jahrzehntes hat der alle über Ostdeutschland geschrieben. Steffen Mau lotet die Seelenlage Ostdeutschlands aus, analysiert die ostdeutsche Mentalität und Identität und er weist auf, welche Unterschiede der Demokratie-Entwicklung seit der Wende in Ostdeutschland und Westdeutschland erkennbar sind. Für viele Politiker ist er der soziologische Ostdeutschland-Experte, der häufig gelesen, zitiert und zu Festvorträgen eingeladen wird.

„Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft.“  (2019)

Mit dem Bestseller „Lütten Klein“ ist Steffen Mau über die akademische Welt hinaus einem breiten Publikum bekannt geworden. Im ersten Hauptteil seines Buches beschreibt er das Leben in der DDR, im zweiten den Prozess der Transformation, insbesondere die Veränderungen der Sozialstrukturen. Mau beginnt mit seinem eigenen Leben im Rostocker Stadtteil „Lütten Klein“ und wie er dort die ostdeutsche Lebenswelt zu DDR-Zeiten erlebt hat. Nach dem Mauerfall und der Wende im Jahr 1989 vollzog sich ein tiefgreifender Strukturwandel. Die Art und Weise der „ökonomischen Abwicklung“ durch die Treuhand wurde von vielen Ostdeutschen heftig kritisiert und abgelehnt. Statt der versprochenen blühenden Landschaften entstanden immer mehr verrostete Industrieruinen. Viele Ostdeutsche wurden arbeitslos. Zusätzlich kam es zu einem „demografischen Schock“: sinkende Geburtszahlen, Abwanderung von jungen Menschen, vor allem von Frauen, hinterließen eine „Schrumpfgesellschaft“ mit einem deutlichen Männerüberschuss. Nach der offiziellen Statistik wanderten zwischen 1991 und 2024 rund 1,2 Millionen mehr Menschen von Ost nach West als umgekehrt. In diesem Zeitraum stieg in Westdeutschland die Bevölkerung um etwa 10 Prozent auf 67,5 Millionen, im Osten schrumpfte sie im gleichen Zeitraum um 16 Prozent auf 12,4 Millionen. In der emotionalen Befindlichkeit ostdeutscher Menschen sind die anfangs bestehenden Hoffnungen und hohen Erwartungen gewichen und stattdessen prägen Angst, Wut, Enttäuschung und Kränkung die Gefühlslage.

Steffen Mau beschreibt die faktische Transformation im Bild eines Knochenbruches und spricht von „gesellschaftlichen Frakturen“ und Brüchen. Es kam zu Verschiebungen, Narben und bleibenden Fehlstellungen, zu Frakturdislokationen. Zumindest seien die meisten Ostdeutschen mit dem Ergebnis der „Frakturheilung“ unzufrieden. Gerade die Unzufriedenen seien nach Mau heute AfD-Wähler. Er nennt die AfD als ein „Sammelbecken der Unzufriedenen.“

„Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft.“ (2023)

Steffen Mau hat gemeinsam mit seinen Soziologie-Kollegen Thomas Lux und Linus Westheuser das Buch über die Soziologie der „Triggerpunkte“ geschrieben. Alle drei Autoren arbeiten und forschen an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Ausgangsfrage für das Werk lautet, ob und inwiefern wir in einer „gespaltenen Gesellschaft“ leben und wie sich diese Polarisierungen im Alltag zeigen. Triggerpunkte sind überwiegend Reizthemen und „Streitsachen“, gesellschaftlich relevante Themen, bei denen es schnell zu erregten Gemütern, Empörung oder Streit kommt. In benachbarten Fachgebieten wie der Orthopädie oder in der Physiotherapie sind Triggerpunkte jene Punkte, die Schmerz auslösen. Im psychischen Bereich sind Triggerpunkte Auslösereize, die heftige emotionale oder körperliche Reaktionen auslösen. Die drei Autoren des Buches untersuchen „vier Arenen von Ungleichheitskonflikten“: die Ungleichheit von Arm und Reich, Migration, Ungleichheit der Geschlechter und Klimaschutz oder Klimawandel. In allen vier Arenen gibt es zahlreiche Themen, die schnell zu Kontroversen oder Streit führen können und meistens stark emotional besetzt sind. Werden die genannten Triggerpunkte berührt, verschärft sich meistens schlagartig die Debatte. Von Populisten werden Emotionen wie Angst oder Wut stark instrumentalisiert und für fragwürdige politische Zwecke missbraucht. Die Begriffe „Affektpolitik“ oder „Empörungsgesellschaft“ charakterisieren diese Zusammenhänge. In ihrem Fazit kommen die Autoren zu der versöhnlichen Einschätzung, dass in Deutschland zu den „vier Arenen von Ungleichheitskonflikten“ gesamtgesellschaftlich ein breit geteilter Konsens bestehe und dass das häufig verwendete Vorurteil von einer gespaltenen Gesellschaft nicht zutrifft. Dieses Ergebnis geht auf eine repräsentative telefonische Befragung von 2.530 Personen zurück, die vom Infas-Institut durchgeführt wurde.

„Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt.“ (2024)

Das Buch „Ungleich vereint“ von Steffen Mau greift thematisch die Ergebnisse seiner soziologischen Studie „Lütten Klein“ auf. Denn dort ging es bereits um die Transformationserfahrungen der Ostdeutschen und die harten Brüche der Nachwendezeit. Seine Metapher von den „gesellschaftlichen Frakturen“ brachte dies auf den Punkt. Im Jahr 2024, in dem das Buch „Ungleich vereint“ erschien, jährte sich der Mauerfall zum 35. Mal. Kurz zuvor waren erhebliche Wahlerfolge der AfD bei drei ostdeutschen Landtagswahlen. Die nach 35 Jahren immer noch bestehenden erheblichen Unterschiede zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland lassen immer wieder die Frage nach den Ursachen aufflammen. Die Angleichungsthese, die besagt, dass Ostdeutschland im Laufe der Zeit so sein werde wie der Westen, hat sich nicht bewahrheitet. Steffen Mau greift die Metapher von der Knochenfraktur aus „Lütten Klein“ wieder auf und spricht von einer „Ossifikation statt Angleichung“. Die Verknöcherung der Fehlstellung ist fortgeschritten und wird bleiben. Eine weitere Angleichung sei nicht zu erwarten. Der Osten wird anders bleiben. Deshalb der Untertitel des Buches: „Warum der Osten anders bleibt.“

Die Folgen des „demografischen Schocks“ sind geblieben und werden wohl in groben Zügen bleiben: die Abwanderungstendenz junger Menschen in den Westen klingt ab – der Bevölkerungsschwund ist geblieben: Ostdeutschland hat zwischen 1991 und 2024 um 16 Prozent seiner Bevölkerung durch Abwanderung verloren. Weiterhin bestehen sehr niedrige Geburtsraten und ein „Männerüberschuss“ (überwiegend junge Frauen sind abgewandert). Die demografische „Schrumpfgesellschaft“ ist manifest.

Die Angleichung bei Einkommen, Vermögen und Renten ist weitgehend vollzogen. Vollkommene Gleichheit wird es da wohl nicht geben. Komplexer sind die Unterschiede in der Mentalität, der politischen Kultur, der „ostdeutschen Identität“ und der Strukturen politischer Parteien.

„Die Deutsche Einheit ist im Großen und Ganzen gelungen.“

Im Vorfeld zum 36. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2026 gab Steffen Mau zwei Interviews zur Frage, ob die Deutsche Einheit gelungen ist. Diese ausführlichen Interviews erschienen in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ und in der „Frankfurter Rundschau“. Mau gab darin einen sehr differenzierten Rückblick, welche Entwicklung Ostdeutschland nach der Wende nahm – politisch, wirtschaftlich, demografisch und soziokulturell. Inhaltlich sind diese Interviews eine gelungene Zusammenfassung der drei oben zitierten Bücher von Steffen Mau. In den Gesprächen formulierte er zahlreiche Konflikte, z.B. sozioökonomische Konflikte (Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen), demografische Konflikte (große Abwanderungsbewegung von jungen Menschen), mentalitäts- und identitätsbezogene Konflikte (Ambivalenz zu Demokratie, Institutionen, Parteien, Selbstbild und Selbstwirksamkeit) oder emotionale Konflikte (Einfluss von Wut und Angst auf Wahlentscheidungen, Affektpolitik). Insgesamt sieht er diese Konflikte konstruktiv als Anreize für positive gesellschaftliche Veränderungen. Die Konflikte sind oft der Stachel im Fleisch der Gesellschaft, der Impuls oder Motor von Veränderungen, die sich im Nachhinein als positiv erweisen. Steffen Mau kam im Fazit zu der Einschätzung, dass die Deutsche Einheit im Großen und Ganzen gelungen ist.

Literatur

Mau, Steffen, Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Suhrkamp, Berlin 2019

Mau, Steffen, Lux, Thomas, Westheuser, Linus, Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Suhrkamp, Berlin 2023

Mau, Steffen, Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt. Suhrkamp, Berlin 2024

Mau, Steffen, Ist die deutsche Einheit gelungen, Steffen Mau? Interview mit Jochen Wegner. Die Zeit vom 4. September 2026

Mau, Steffen, „Die Deutsche Einheit ist im Großen und Ganzen gelungen.“ Interview mit Michael Hesse. Frankfurter Rundschau vom 2. Oktober 2026

Wagner, Gerald, Der Autobiograph des Ostens. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Dezember 2020

 Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef

Email:  herbert.csef@gmx.de

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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.