Albert Camus: 60. Todestag – Ohne Transzendenz zum Glück

Albert Camus: Mit Sisyphos gegen die Absurdität

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 „Etsi deus non daretur“ – zu Leben als ob es Gott nicht gäbe. Für Dietrich Bonhoeffer war es die Lebensmaxime eines bekennenden Christen. Für Albert Camus, den Denker des Absurden, ist es die Herausforderung des Lebens, das in einer sinnlosen Welt nur die Revolte proben kann, dem aber alle metaphysischen Rückversicherungen unmöglich bleiben.

Für manche ist das Leben ein Honigkuchen wie für den jungen Augustinus vor den „Bekenntnissen“, dem man sich hedonistisch in wilder Leidenschaft ergeben kann, für andere eines, das in stoischer Gelassenheit zu ertragen sei – und das schließlich darin kulminiert, sein Schicksal anzunehmen wie es der große Seneca formulierte. Für andere wiederum ist es nichts anderes als eine absurde Realität, die im noch absurderen Tod endet.

Philosophie des Absurden

Es war Albert Camus, der 1960, vor sechzig Jahren, bei einem Autounfall tragisch verstorben ist, der zum Denker des Absurden wurde. Mehr noch: Camus‘ Existentialismus gerät zu einer „Philosophie des Absurden“, die den Menschen in seinem Hier- und Dasein quasi umstellt. Aus dieser Absurdität als Faktum gibt es keinen Ausweg, keinen Notfallplan, kein Heil; hier wächst das Rettende nicht als metaphysische Qualität vom Himmel, sondern schmiegt sich buchstäblich an den Lehm der Erde. „Wenn es das Absurde gibt, dann nur im Universum des Menschen. Sobald dieser Begriff sich in ein Sprungbrett zur Ewigkeit verwandelt, ist er nicht mehr mit der menschlichen Hellsichtigkeit verbunden. Dann ist das Absurde nicht mehr die Evidenz, die der Mensch feststellt, ohne in sie einzuwilligen. Der Kampf ist dann vermieden“, heißt es bei Camus.

Anders als bei Sören Kierkegaard, der aus der „Krankheit zum Tode“ in den Glauben springt, anders als Nietzsches Amor fati, das den Übermenschen zum neuen Gott macht und anders als der marxistisch eingefärbte Existentialismus Jean-Paul Sartres, ist das Absurde für Camus das Meer, das den Menschen umstellt, es auszutrinken doch seine Aufgabe bleibt.

Das Transzendente lässt sich nicht öffnen

Religiöses Hoffen auf Erlösung ist ihm ebenso fremd wie irgendein Idealismus. Aber gerade im Fehlen dieser transzendenten Momente zeigt sich seine neue qualitative Freiheit, die Freiheit des Auf-sich-selbst-Gestelltseins. Und diese ist es, die in einer absurd-sinnleeren Welt zum Movens wird, zur Gestaltungskraft gegen das Absurde zu rebellieren, selbst wenn dieses das Umgreifende bleibt, sinnlos und ohne Ziel. Und diese Existenz des Absurden lässt sich nicht verleugnen, da dieses weder im Menschen noch in der Welt allein ist, sondern weil es seine unbezwingbare Macht daraus bezieht, nichts von beiden zu sein und damit uneinholbar immer schon dem Bewusstsein vorausliegt. Diese Unvereinbarkeit von Mensch und Welt ist immer schon gesetzt, zwingt diesen aber dadurch, sich die Welt anzueignen.

Doch damit ist er allein auf sich gestellt. Der einstige Götterhimmel ist verblasst und das Absurde regiert so im Gewand des Gottesverlustes des Atheisten, der sich kein Jenseits mehr vorzustellen vermag, weil Gott für ihn ohnehin tot ist. Und so würfelt sich das Absurde wahllos in das Schicksal hinein, es ist buchstäblich banal zuhanden, vermag es doch „jeden beliebigen Menschen an jeder beliebigen Straßenecke anspringen.“ Es bleibt existentiell, greift in die Tiefen der Seele aus und vollzieht die negativen Brüche des Daseins. Als Qualität des Seins ist es totalitär, unabwendbar und unerkennbar und nagt faktisch an jeder Existenz.

Wider den Nihilismus in einer absurden Welt

Und dennoch verfällt Camus bei aller Radikalität, wie er das Absurde denkt keinem Nihilismus, sondern plädiert für einen heroischen Pessimismus, der aus der Sinnlosigkeit heraus, Sinn stiften kann, aus der Absurdität die Revolte zu entzünden vermag und das Aufbegehren gegen Unrecht, Inhumanität, Totalitarismus und Fundamentalismus.

Das Glück des Sisyphos

Die Mühen und Banalitäten des Alltages gilt es zu ertragen und aus dem Ewig-Gleichen, aus der Wiederholung des scheinbar Sinnlosen, Glück zu schöpfen. Für dieses Glück jenseits des Sinnlosen steht letztendlich die mythologische Figur des Sisyphos, stellvertretend für alle Menschen, der sein Schicksal bejaht, indem er es annimmt, den Stein immer wieder den Berg hinaufrollt, in dem Wissen, dass er im Nu wieder bergab fällt. Aber in der Reflexion darüber gewinnt er seine Freiheit und sein Glück. Oder wie es Camus beschreibt: „Ich sehe wie dieser Mann […] zu der Qual hinuntergeht, deren Ende er nicht kennt. Diese Stunde, die gleichsam ein Aufatmen ist und ebenso zuverlässig wiederkehrt wie sein Unheil, ist die Stunde seines Bewusstseins. In diesen Augenblicken, in denen er den Gipfel verlässt und allmählich in die Höhlen der Götter entschwindet, ist er seinem Schicksal überlegen.“

Sisyphos verneint nicht die Welt wie Arthur Schopenhauer an sich, sondern begreift das Negative als Vorlage der Selbstverwirklichung. „Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. […] Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. […] Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Tage. […] Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Würde im Scheitern

Indem der tragische Held Sisyphos scheitert, dokumentiert er seine Würde. Und darin zeigt sich die Würde eines jedes Menschen, der gegen die Sinnlosigkeit seines Schicksals aufbegehrt. Es kommt darauf an, diese im Scheitern zu manifestieren und zur Chiffre, zum Symbol, werden zu lassen.

Und wenn Camus im „Mythos des Sisyphos“ noch das individuelle Schicksal als „Gewissheit eines erdrückenden Schicksals“ umschreibt, geht er im „Der Mensch in der Revolte“ über dieses hinaus. Der allen Menschsein zugrunde liegende gemeinsame Wert ist die „menschliche Natur“, ohne sie einzubeziehen oder zu setzen, ergibt die Revolte keinen Sinn. Und diese zeigt sich eben darin, dass es nun die Gemeinschaft ist, die rebelliert, die sich gegen die Absurditäten auflehnt und Solidarität und „menschliche Wärme“ dagegensetzt.

Die Empörung als Revolte

Indem sich der Mensch empört, erschafft er das „Wir“, das nach Gerechtigkeit schreit. „Die weder von Gott noch in der Geschichte ihren Frieden finden, verurteilen sich dazu, für die zu leben, welche, wie sie, nicht leben können: die Gedemütigten.“ Die „Brüderlichkeit der Menschen, die gegen das Fatum kämpfen“, soll zu einer Zivilisation, zu einer neuen Revolte ohne Mord und Totschlag führen, „in welcher die Dienste, die jedermann den anderen schuldet, ausgewogen sind durch das Nachdenken, die Muße und die Teilhabe am Glück, die jedermann sich selbst schuldig ist“.

Wie sagte Camus seinerzeit in seiner Nobelpreisrede in Stockholm? „Während die totalitäre Gesellschaft auf Grund ihrer Wesensart den Freund zwingt, den Freund auszuliefern, wollen wir daran denken, daß die westliche Gesellschaft trotz all ihrer Irrungen immer wieder jenen Menschenschlag hervorbringt, der die Ehre des Lebens hochhält, das heißt jenen Schlag, der selbst dem Feind die Hand entgegenstreckt, um ihn vor dem Unglück oder dem Tod zu retten.“

Terror in Hanau – Es bleibt absurd

Nach Hanau scheint das Absurde wieder näher ins Leben getreten zu sein. Der Terror, diesmal nicht von links, wie ihn Camus immer wieder kritisierte, hat sich den Alltag zurückerobert, die Fratze des Absurden desmaskiert den bürgerlichen Rechtsstaat. Doch die Menschheit, die westliche, rebelliert im Angesicht des Absurden und schafft den neuen Geist der Versöhnung eben im „Wir“, das nach Gerechtigkeit schreit. Im Anblick der Grausamkeiten dieser Welt bleibt Camus‘ menschliche Wärme und zündet Kerzen an, wo das Absurde in die Brunnenstuben des Bösen gestiegen ist und die Gesellschaft an den Grundfesten erschüttert. 

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2080 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".